Im Februar 1941 war alles noch ruhig. Helmut, ein Lehrer aus Köln und Vater zweier Kinder, schrieb aus dem Aufmarschgebiet auf dem Balkan. Seine Einheit besserte Dorfwege aus, stellte gelb-schwarze Ortsschilder auf und richtete sich ein. Die Bevölkerung nannte er „zu faul“, den Orient „betrügerisch“.

Selbst beim Flirt dachte er in den Kategorien der Rassenlehre, als er eine blonde Verkäuferin für ein „rassenbiologisches Bildarchiv“ fotografierte. Noch war es Februar, doch der Frühling würde die Ruhe beenden. Am 6. April 1941 überfiel das Deutsche Reich Griechenland und Jugoslawien.
Vier Tage später schrieb Helmut aus dem eroberten Land. Er schilderte den Aufstieg über einen Saumpfad auf 1100 Meter, jede Waffe auf dem eigenen Rücken. „Es war ein ziemlicher Klaviertransport“, spottete er, „den uns nur die Tatsache etwas versüßte, dass auch die Offiziere den Kram selbst schleppen mussten. “ Als sie von oben das Meer sahen, stiegen sie als „nordische Eroberer“ 1000 Meter hinab ins Tal.
In den Dörfern kamen die Leute mit Brot, Käse, Eiern und Zigaretten, gaben Händchen und strahlten. Das Militär war getürmt, die Leute hatten teils Angst, teils alte Sympathien für Deutschland. Am Hauptübergang im Osten sah es anders aus: moderne Bunker, gesprengte Straßen, zwei Tage Artillerie. „Unsere Verluste sehr gering“, notierte er.
Sie quartierten sich in einer Moschee ein, schlachteten den zweiten Ochsen. Flieder und Glyzinien blühten, kleine Schildkröten saßen im Gebüsch, Smaragdeidechsen blitzten auf. „Hier wird der beste Zigarettentabak der Welt gebaut“, schrieb er, „am Meer aber die übelste Malariagegend. “ Es war ein Brief wie ein Gemälde, eine Mischung aus Krieg und Idylle.
Der Soldat und der Naturfreund, der Eroberer und der zärtliche Vater, der beim Anblick der Schildkröten an seinen Sohn dachte, steckten in ein und demselben Mann. Der Feldzug verlief glimpflich. Griechenland kapitulierte in wenigen Wochen. Für Helmut war es „mal wieder ein ulkiger Krieg“, ein Abenteuer mit geringen Verlusten.
Es war der letzte dieser fast leichten Feldzüge. Was folgen sollte, war mit nichts zu vergleichen. Im Juni 1941 war die Division wieder auf dem Marsch, diesmal nach Osten. Am 21.
Juni schrieb Helmut einen Brief, dem man die Anspannung anmerkte, ohne dass er den Grund nennen durfte. Seit einem Tag galt ein neuer Befehl: Die Briefe mussten geöffnet bei der Kompanie abgegeben werden, der Kompaniechef sollte sie einsehen. „So ist einem die letzte persönliche Oase genommen“, klagte er. „Wir sind inzwischen noch immer auf dem Marsch, aufgehalten durch einen sintflutartigen Regen.
Der Marsch in dieser langweiligen Landschaft bei einem kümmerlichen Volke, dazu die Urlaubsenttäuschung und die Ungewissheit verlangen von uns mehr Standhaftigkeit als der Griechenlandfeldzug. “
Was er nicht schreiben durfte, wissen wir heute. Seine Division stand im Aufmarschgebiet für das größte Verbrechen dieses Krieges. Unter seinen Papieren fand sich ein gedrucktes Merkblatt: „Sieben Gebote für das Verhalten im Kampf mit der roten Armee.
“ Der rote Soldat sei heimtückisch und hinterlistig, stelle sich tot oder nehme den Kampf von rückwärts wieder auf. Man solle sich nicht gefangen nehmen lassen, denn der Feind behandle Gefangene sadistisch. Dieser Text stellte die Dinge auf den Kopf. Der Krieg im Osten war von Anfang an als Vernichtungskrieg geplant – vom deutschen Reich.
Es war die deutsche Führung, die befahl, gefangene Kommissare zu erschießen. Von etwa fünfeinhalb Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen starben mehr als drei Millionen. Die angebliche Grausamkeit des Gegners diente dazu, die eigene Brutalität im Voraus zu rechtfertigen. Mit diesem Feindbild im Kopf lag Helmut in der Nacht auf den 22.
Juni 1941 an der Grenze. Wenige Stunden später begann das Unternehmen Barbarossa. Über drei Millionen deutsche Soldaten überschritten die sowjetische Grenze. Für Helmut begann der Krieg, aus dem er nicht mehr zurückkehren sollte.
Am 24. Juni schrieb er knapp unter der neuen Zensur, doch voller Zuversicht: „Die Briefe werden jetzt kontrolliert. So beschränke ich mich auf kurze Lebenszeichen. Ihr habt wohl durch die riesigen Truppentransporte die neueste Entwicklung der Politik kommen sehen und hoffentlich ebenso ruhig hingenommen wie wir.
Die Luft wird jetzt auch für uns wieder etwas eisenhaltig werden. Vorläufig haben wir im Kino die besten Plätze. Nur von der russischen Luftflotte bekommen wir gelegentlich etwas zu sehen. Wir rechnen, dass in ein paar Wochen der Fall ausgestanden ist, denn der Russe ist nicht allzu schneidig und mäßig ausgerüstet und ausgebildet.
“
Kaum ein Brief zeigt die Selbstüberschätzung dieses Sommers deutlicher. Der Überfall auf die Sowjetunion erschien als bloße „neueste Entwicklung der Politik“. Kein Zweifel, keine moralische Regung, nur die Erwartung eines raschen Sieges. „In ein paar Wochen ist der Fall ausgestanden“, schrieb er.
Es war der verhängnisvolle Irrtum der gesamten deutschen Führung. Helmut teilte ihn arglos. Er ahnte nicht, dass dieser Feldzug Jahre dauern würde. Ein einziges Wort traf die Wahrheit genauer, als er wusste: Die Luft werde „eisenhaltig“ werden.
Drei Wochen später war von der Leichtigkeit nichts mehr übrig. Am 15. Juli 1941 schrieb Helmut aus dem Vormarsch durch Bessarabien. Zum ersten Mal berichtete er von wirklichen Gefechten, zum ersten Mal fielen Tote in seiner Umgebung.
„Vorgestern mal motorisiert vorgeworfen, gleich gab es anständige Artilleriebegrüßung durch den Russen. Erfolg bei uns: ein Toter, sieben Verletzte, darunter Lubitz, der damals im Zillatal heiratete. Die 123er haben gestern einen anständigen Angriff mit Kosaken abgeschlagen, einen Bataillonskommandeur gefallen, haben übrigens auch keine Gefangenen gemacht. Die Rumänen kämpfen übrigens sehr tapfer, gingen singend in Doppelreihe ins Feuer.
Die Wärme ist hier am Tage sehr bemerkenswert, sehr wenig Schatten. Gestern trank die ganze Kompanie aus einem Brunnen, aus dem man heute eine tote Ratte herausholte. Aber mehr als Durchfall hat noch niemand dabei geerbt. “
Der Tod war jetzt Alltag.
Helmut verzeichnete ihn mit knapper Sachlichkeit: ein Toter, sieben Verletzte. Ein kurzer Nebensatz aber stach heraus: „Haben übrigens auch keine Gefangenen gemacht. “ Hinter diesen harmlos klingenden Worten verbarg sich die Wirklichkeit des Vernichtungskrieges. Im Osten wurden gefangene Gegner vielfach nicht in Gefangenschaft genommen, sondern getötet.
Helmut benannte es ohne Kommentar, als sei es selbstverständlich. Und gerade darin lag das Erschreckende. Doch daneben blieb der genaue Beobachter: die drückende Hitze der baumlosen Steppe, der Durst, die tote Ratte im Brunnen. Noch schrieb Helmut gefasst, beinahe routiniert.
Doch die Entfernungen wurden größer, die Gegenwehr härter. Am 31. Juli schrieb er aus dem Kampf um eine sowjetische Bunkerlinie. Dieser Brief gehörte zu den erschütterndsten, die er je verfasst hatte.
„Wir stecken jetzt in einer Bunkerlinie, die mit unheimlicher Präzision unter sehr geringen Verlusten auf unserer Seite geknackt wird. Die Bunker sind sehr stabil, gut getarnt und gut bewaffnet, aber ohne Zusammenarbeit. Typisch Sowjetarbeit. Das Ende ist gewöhnlich, dass der Kommissarkommandant, der bei uns nicht leben bleibt, seine Leute durch Einschließen oder mit der Pistole am Sichergeben hindert und der Laden von uns gesprengt wird.
Man hat den Burschen gegenüber bei uns wenig Mitleid, da sie sich immer wieder als Tiermenschen zeigen. Vorgestern wurden wieder drei Mann, die versehentlich zu weit vorfuhren, erwirkt und massakriert gefunden. Wir verrussen inzwischen immer mehr. Der dritte Teil der Kompanie hat Läuse, ich glücklicherweise noch nicht.
Wir essen junge Maiskolben und Zwiebeln und knautschen Sonnenblumenkerne. Eben konnte ich zum ersten Mal eine Anopheles auf meiner Hand beobachten. Gut, dass wir regelmäßig unser Artebren schlucken. Augenblicklich habe ich einen riesigen U-Bootsbart wie noch nie, da wir schon viele Tage vom Tross getrennt sind.
Morgen sind wir ein halbes Jahr aus Deutschland raus. “
Dieser Brief zeigte, wie tief das Feindbild der Propaganda in Helmuts Denken eingedrungen war. Die gefangenen Sowjetsoldaten waren für ihn keine Menschen mehr, sondern „Tiermenschen“. Und ganz beiläufig teilte er eine Praxis mit, die den Kern des Vernichtungskrieges bildete: „Der Kommissarkommandant bleibt bei uns nicht leben.
“ Es war die nüchterne Bestätigung des berüchtigten Kommissarbefehls, ein klarer Bruch des Kriegsrechts. Helmut berichtete es ohne Regung. Zugleich schilderte er die Gräuel der Gegenseite: drei erwirkte, massakrierte Kameraden. Der Krieg im Osten war von einer Erbarmungslosigkeit auf beiden Seiten, wie sie der Westen nicht gekannt hatte.
Doch die entscheidende Wahrheit blieb: Es war Deutschland, das diesen Krieg als Vernichtungskrieg begonnen und seine Regeln gesetzt hatte. Und noch etwas anderes klang zum ersten Mal an: „Wir verrussen immer mehr. “ Läuse, verdreckte Uniformen, ein wilder Bart, die Nahrung vom Feld, der Malaria ausgeliefert. Die stolze Eroberungsarmee begann zu verwahrlosen.
Anfang September erreichte die Division eine sowjetische Stadt. Am 2. September schilderte Helmut, was er dort vorfand. „Die Stadt macht keinen dollen Eindruck.
Meist eingeschossige Häuser mit vernachlässigten Fassaden, die Läden total ausgebrannt. Die vorhandene Bevölkerung oft elend, ärmlich, die Frauen schrecklich geschmacklos gekleidet. Vorgestern hatte ich Wache beim Bataillon. Es liegt in einem botanischen Lehrinstitut mit kleinem botanischen Garten.
Auch dort alles präzis vernichtet oder unbrauchbar gemacht. Viele Mikroskope, aber aus allen die Optik heraus. Der Boden mit mikroskopischen Präparaten, Büchern, Gläsern, Anschauungstafeln, wertvollen Apparaten bedeckt. Ein Chaos, das mir mehr als vieles andere ins Herz schnitt.
Ein paar Optiken waren noch gefunden worden, und so habe ich fleißig mikroskopiert und mir eine kleine Auslese botanischer Präparate unter den Nagel gerissen. Ein Mikroskopstativ ist leider zu schwer zum Wegfinden. Als Kopfkissenunterlage nahm ich den Stoß Papillon 10 aus dem Herbar, da er die richtige Dicke hatte. Dann entdeckte ich noch eine ganz ordentliche Mineraliensammlung, die allerdings schon etwas durchwühlt war.
Das weitere kannst du dir denken. “
Kein Brief zeigte den Widerspruch dieses Mannes deutlicher. Da war der Studienrat, der Naturwissenschaftler, den der Anblick des zerstörten botanischen Instituts tief traf. Nicht das Elend der Menschen, nicht die ausgebrannten Läden, sondern die zerbrochenen Mikroskope, die zertretenen Präparate.
Hier sprach der Gebildete, dem die Vernichtung von Wissen näher ging als die Not der Bevölkerung. Und im selben Atemzug wurde derselbe Mann zum Plünderer. Er suchte sich die brauchbaren Optiken heraus, riss sich Präparate unter den Nagel, nahm ein Herbarium als Kopfkissen. „Das weitere kannst du dir denken.
“ Die Trauer um die zerstörte Wissenschaft und das beiläufige Aneignen ihrer Reste standen in ein und demselben Absatz, ohne dass er einen Widerspruch spürte. Der September neigte sich dem Ende zu. Am 30. September 1941 schrieb Helmut nach einer Woche schwerer Gefechte.
Zum ersten Mal nannte er eine größere Zahl eigener Verluste, zum ersten Mal fiel ein Wort, das den ganzen kommenden Winter vorwegnahm. „Mir geht es unentwegt gut. Die Woche der Gefechte ist nun wieder ein Weilchen vorbei. Wir sind sofort danach noch 25 km fast bis zur Spitze der Halbinsel vorgestoßen und jetzt schon wieder nach zwei Tagen notdürftiger Ruhe drei Tage anständig durch Sumpf und Sand zurückmarschiert.
22 Kameraden sind nicht mehr dabei, davon sieben dageblieben. Jetzt geht es rastlos weiter. Mit Brausepulvern reiche ich jetzt bis Herbst 1942, aber das kannst du nicht wissen, dass es hier schon so kühl ist. Ein sehr interessantes russisches Flugblatt bekam ich neulich, wo vom heldenmütigen Partisanenkampf die Rede war.
‚Dann, wenn du nicht aus freien Stücken von hier fortgehst, bist du verloren. Der harte russische Winter zieht herauf. Komm herüber. ‘ Heute bin ich etwas müde.
“
Kameraden fehlten, sieben davon für immer gefallen. Die Verluste häuften sich. Der Vormarsch wurde zur rastlosen Hetzjagd. Von der pralerischen Zuversicht des Juni war nichts mehr zu spüren.
An ihre Stelle trat Erschöpfung: „Heute bin ich etwas müde. “ Am stärksten aber wirkte jenes sowjetische Flugblatt, das er beinahe amüsiert zitierte. Die Warnung des Gegners: „Der harte russische Winter zieht herauf. Komm herüber.
“ Helmut führte es als Kuriosität an. Doch aus dem Abstand der Geschichte liest es sich wie eine düstere Prophezeiung. Jener Winter, der die deutsche Ostarmee unvorbereitet in Sommerformen treffen und Hunderttausende das Leben kosten sollte. Helmut spürte schon die Kühle.
Was sie ankündigte, ahnte er noch nicht. Am 23. Oktober 1941 änderte sich für Helmut alles. Zum ersten Mal in mehr als zwei Kriegsjahren traf es ihn selbst.
In den Kämpfen um eine Landenge wurde er verwundet. „Seit ein paar Tagen sind wir wieder mal vorne auf der Landenge zu einer großen Insel. Es wird mit allen Schikanen gekämpft. Besonders sind von russischer Seite ganz anständig Flieger eingesetzt.
Auch Panzer erscheinen. Einer gerade vor uns, der aber abdrehte, als ich mit meinen drei Panzerbüchsen ihm einige Dinger brannte. Bei einem zweiten Angriff gestern habe ich mir auch etwas eingehandelt, einen niedlichen Oberarmsteckschuss links, den ich, solange das Geschoss nicht rausgeholt ist, für einen Streifschuss halte. Ich habe jedenfalls mit dem Arm wie mit dem Rechten einen schwer verwundeten meiner Männer verbunden und mit hintergetragen ein bis zwei km.
Schmerzen habe ich eigentlich gar nicht. Der größte Schmerz ist jedenfalls der, dass ich nun, wo ich durch die Lazarette nach hinten wandere, keine Post mehr bekommen kann. Gestern gab es übrigens wieder allerlei Verluste. Ich weiß von drei Toten und 20 Verwundeten.
Immer mehr von den Alten der Kompanie fallen aus. Die Russen laufen massenhaft über, aber sie schießen vorher ganz ordentlich, haben gute Artillerie, allerlei Waffen, die wir nicht haben oder gar nicht kennen. Alle zwei Stunden 25 bis 30 Bomber und Jäger über uns. Es ist alles dran und man wundert sich nur, dass nicht mehr passiert.
Gestern meinte einer sarkastisch, keine zehn Jahre und wir haben auch die Waffen der Russen. Wenn du dich jetzt über meine harmlose Blessur aufregst, ist das sehr unlogisch, denn mit diesem Moment ist ja für einige Zeit jede Gefahr gebannt. “
Es war bezeichnend für diesen Mann, dass er die eigene Verwundung klein redete – ein „niedlicher Steckschuss“. Und noch bezeichnender, dass er selbst getroffen mit dem verletzten Arm einen schwer verwundeten seiner Männer verband und kilometerweit zurücktrug.
Hier zeigte sich der Vorgesetzte, der seine Leute nicht im Stich ließ. Seiner Frau versuchte er die Wunde als Glücksfall zu verkaufen: Solange er im Lazarett sei, sei jede Gefahr gebannt. Doch der eigentliche Wandel lag tiefer im Ton über den Feind. Der Russe, im Juni noch verächtlich abgetan, erschien nun als ernstzunehmender, gefährlicher Gegner.
Gute Artillerie, unbekannte Waffen, ununterbrochen Bomber. In dem bitteren Scherz eines Kameraden – „keine zehn Jahre und wir haben auch die Waffen der Russen“ – klang bereits die Ahnung, dass dieser Gegner nicht zu unterschätzen war. Die Armee, die in einem Sommer siegen wollte, stand nun im kalten Herbstschlamm, blutete aus und begann den Feind zu fürchten, den sie verachtet hatte. Nach seiner Verwundung kehrte Helmut aus dem Lazarett an die Front zurück, auf die Krim.
Was er nun schrieb am 22. November 1941, war kein gewöhnlicher Feldpostbrief mehr. Er setzte über das Blatt eine Überschrift: „Späne, wie sie beim großen Hobeln fallen. “ Kurze Bilder vom Krieg, aufgeschrieben von einem Mann, der zu viel Tod gesehen hatte.
Der Ton war dunkel, fast erstarrt. „Am Tatarengraben gibt es vielleicht bisher als einziger Stelle der Ostfront mehrere Kameradschaftsgräber, im Weltkrieg Massengräber genannt, 100 Mann in einem gemeinsamen Grab nebeneinander unter einem gemeinsamen Kreuz. Ein Zug mit 2000 Gefangenen und acht Mann Bewachung blieb in dieser Gegend mehrere Tage stecken. Die Russen kratzten vor Hunger die Kartoffeln aus dem gefrorenen Boden und sammelten die Körner aus den Getreideschobern.
Trotzdem starb jeden Tag eine Anzahl an Erschöpfung und Kälte. So packt der russische Winter den Russen selber. Zwei bis drei km vom Haus entfernt in der Weite der Steppe beginnt das Schlachtfeld in unheimlicher Erstarrtheit und Unberührtheit. Seit einem Monat da liegend.
Bei ihren Waffen und Gerät in Löchern, in Stellungen oder auf der Fläche liegen die Russen wie der Tod sie gemäht, entstellt und verändert. Zum Begraben haben weder Freund noch Feind Zeit, da sich jeder für den Winter einrichten muss. Soldatenlos der Besiegten. Aber die Stiefel haben ihnen die Genossen sämtlich ausgezogen.
Im Nebenraum liegt ein Russe mit einem vereiterten Lungenschuss. Gestern Nacht hörte ich ihn durch die Wand immer wieder rufen: ‚Wdomi, Wdomi, nach Hause, nach Hause. ‘ Das ist der Trieb der leidenden Kreatur, die Sehnsucht des an Leib oder Seele wunden Menschen hüben und drüben. Domi, nach Hause.
Als eine Kompanie zahlreiche Gefangene gemacht hatte, befahl der Kompaniechef einem ausgezeichneten Unteroffizier ohne schwerwiegenden Grund, einen der Gefangenen zu erschießen. Der Unteroffizier weigerte sich mit der Antwort, er sei Soldat und nicht Henker. Darauf erschoss der Kompaniechef selbst den Gefangenen. Zwei Tage später fiel er.
Ist es dem Rechtsinn des gemeinen Mannes zu verargen, wenn er eine höhere Gerechtigkeit in diesen Vorgängen sucht? “
Dieser Brief markierte einen tiefen Einschnitt. Der Mann, der einst pralerisch von ulkigen Feldzügen schrieb, war verstummt. An seine Stelle war ein Beobachter getreten, den das Grauen zur Nachdenklichkeit zwang.
Das erstarrte Schlachtfeld, seit einem Monat unberührt, weil niemand Zeit hatte, die Toten zu begraben. Die 2000 Gefangenen, die im gefrorenen Boden nach Kartoffeln kratzten und doch täglich starben – Opfer jener deutschen Kriegsführung, die den Hungertod der Kriegsgefangenen bewusst in Kauf nahm. Und mittendrin ein einziger Laut, der alle Ideologie durchbrach: der verwundete Russe hinter der Wand, der immer wieder nach Hause rief. Zum ersten Mal erkannte Helmut im Feind den leidenden Menschen, „hüben und drüben“.
Am schwersten aber wog die Szene von der Erschießung des Gefangenen. Ein Kompaniechef befahl ohne Grund einen Mord. Ein Unteroffizier verweigerte ihn mit den Worten: „Er sei Soldat und nicht Henker. “ Der Offizier tötete selbst und fiel zwei Tage später.
Dass Helmut hier von einer „höheren Gerechtigkeit“ sprach, war ungeheuerlich für einen Mann, der im Sommer die Gegner noch „Tiermenschen“ nannte und die Erschießung der Kommissare achselzuckend hinnahm. Etwas in ihm hatte sich verschoben. Der Krieg, der andere Menschen entmenschlichte, gab ihm hier für einen Augenblick sein Gewissen zurück. Es war die vielleicht menschlichste Stelle in all seinen Briefen, geschrieben in einem Winter, der zum Massengrab einer ganzen Armee werden sollte.
Der Winter 1941/42 verging. Helmut überstand ihn, jenen Winter, der Hunderttausende deutscher Soldaten das Leben kostete. Am 23. Februar 1942 schrieb er von der Krim.
„Heute ist ein besonderer Tag, nämlich der Tag der roten Armee. Und der Geschützdonner war auch nachts stärker als sonst. Außerdem ist der Tag aber auch sonst noch bemerkenswert, weil ich heute seit sehr langer Zeit einen Rausch gehabt habe. Der Grund ist ja nicht schwer zu erraten, wenn man bedenkt, dass ich einen eingewachsenen Nagel am großen Zeh hatte und der Rausch ein örtlicher war, weil das Nagelausreißen sonst Unlustgefühle erregt.
Ach ja, und dann hast du ja heute Geburtstag, wo man sowas doch vergisst, wenn es nicht im Kalender steht. Ich kann mich wirklich nicht über Langeweile beklagen. Nun haben wir auch seit einigen Tagen Radio im Flur. Nicht doll, aber man hört gerade noch die Melodie heraus und versteht Bruchstücke des Wehrmachtberichtes.
Nun empfange am heutigen Tag der, ganz leise ins Ohr gesagt, nur weil an ihm mein liebes Beißerle zur Welt kam, für mich bedeutungsvoll ist, ganz besondere Grüße von deinem Hellmut. Zum Trost zwei politische Witze aus unserem Tataren-Wehrmachtskabarett, die aber vielleicht bei euch schon längst durch sind. Erstens: Ein Herr in der Straßenbahn schimpft auf alles. Verkehrsverhältnisse, Markensystem, es wäre alles ein großer Saustall.
Plötzlich zeigt ein Kriminalbeamter seine Marke und will den Mann festnehmen, doch der behauptet, nichts gesagt zu haben. Der Kriminaler fragt die Mitfahrenden, aber der eine hat Zeitung gelesen und nichts gehört, der nächste zum Fenster hinausgesehen, der Dritte geschlafen, der vierte spielt den Taubstummen. Als beide aussteigen, sagt der Herr triumphierend zum Kriminalen: ‚Ein Saustall ist es schon, aber es gibt doch Volksgemeinschaft. ‘ Zweitens: Italienischer Wehrmachtsbericht vom 30.
Februar. Von unserer siegreichen Löwendivision wurde gestern in hartem Kampf ein Fahrrad erobert. Das Vorderrad wurde unbrauchbar gemacht. Das Hinterrad ging verloren.
Die Lenkstange befindet sich in unserer Hand. Um den Rahmen wird noch gekämpft. “
Wie weit war dieser Brief von jenem ersten Sommer entfernt, als Helmut den Krieg für ein rasch entschiedenes Abenteuer hielt? Der Geschützdonner war zum ständigen Begleiter geworden.
Ein einziger Rausch nach vielen Monaten, Anlass genug für eine ironische Bemerkung. Und dann jene zwei Witze aus dem Tataren-Wehrmachtskabarett – leise Spötteleien über das Regime selbst. Der erste machte sich über die vielbeschworene Volksgemeinschaft lustig, in der aus Angst vor der Geheimen Staatspolizei keiner mehr etwas gehört haben wollte. Der zweite verhöhnte die großspurigen Siegesmeldungen mit einem erbeuteten Fahrrad und einem Datum, das es nicht gab.
Es war bemerkenswert, dass ausgerechnet dieser Mann, der einst überzeugt und früh der Partei beigetreten war, solche Witze weitergab. Der Krieg hatte auch seinen Glauben angekratzt, wenn auch nur an den Rändern, im Ton, im Galgenhumor. Zwischen den Zeilen aber stand das Menschliche unverändert. Er erinnerte sich an den Geburtstag seiner Frau, nannte sie zärtlich „sein Beißerle“, und der Tag war ihm bedeutungsvoll allein, weil sie an ihm geboren wurde.
Es war einer der letzten warmen, ruhigen Briefe, die von ihm erhalten sind. Es war der letzte Brief, der von Helmut erhalten geblieben ist. Er trug das Datum des April 1942 und stammte wieder aus einem Lazarett, diesmal wegen des rechten Knies. Nichts an diesem Brief kündigte ein Ende an.
Im Gegenteil, er klang beinahe erleichtert, fast heiter. „Nun machst du dir jetzt und zu der Zeit, da dieser Brief ankommt, wieder unnötige Sorgen. Du kennst doch meinen alten Trick, auf dem Wege vom Lazarett zur Truppe noch mal ins Lazarett zu gehen. Diesmal ist mit dem rechten Knie was los.
Keine äußeren Merkmale, aber so, dass ich mit dem Wagen ins Kriegslazarett fahren musste. Es sind gleich so viel Untersuchungen bei mir gemacht worden, wie in meinem ganzen bisherigen Leben nicht. Hier sind auch deutsche Schwestern, übrigens die ersten deutschen Frauen, die ich seit fast eineinviertel Jahren sehe. Dann will ich auch nicht verhehlen, dass ich lieber gesund zur Truppe gehe, als im besten Lazarett zu liegen.
Noch dazu mit einer Sache, der ich nicht ganz traue. Von der Kompanie erfahre ich nun nichts mehr vorderhand. Ich glaube aber, sie macht auch allmählich hier Schluss, wenn auch die Russen den Wunsch ausgesprochen haben, die Division im Kaukasus wiederzusehen. Ich habe nun glücklich im letzten halben Jahr 18 Tage Kompaniedienst gemacht.
Das ist nicht viel. Na, nun für heute Schluss. In Liebe, dein Hellmut. Bitte schreibe den Eltern, damit sie sich nicht aufregen, wenn Post zurückkommt.
Schreibe an mich vorläufig ruhig weiter. “
Es waren, wie das Schicksal es fügte, die letzten erhaltenen Worte Helmuts an seine Frau. Ein Mann im Lazarett, der sich über deutsche Krankenschwestern freute, die ersten Frauen aus der Heimat seit über einem Jahr, der über sein Knie klagte und doch lieber gesund zur Truppe zurück wollte, der nebenbei notierte, die Russen hätten den Wunsch geäußert, seine Division im Kaukasus wiederzusehen. Es war ein Brief wie so viele zuvor, nichts an ihm verriet, dass die Korrespondenz hier abbrach.
Was in den Monaten danach geschah, ist aus den Briefen selbst nicht mehr zu erfahren. Wir wissen nur, was die knappen biographischen Daten festhalten: Helmuts Genesung, seine Rückkehr zur Truppe, sein letztes Kriegsjahr. All das liegt im Dunkeln. Fest steht nur das Ende.
Seine Division wurde tatsächlich in den Süden der Ostfront geworfen, in jene gewaltigen Kämpfe, die im Winter 1942/43 die deutsche Ostarmee zerrieben. Und dort, im Südabschnitt der Ostfront, fiel Helmut im Februar 1943 als Feldwebel im dritten Winter des Krieges, im selben Monat, in dem bei Stalingrad die deutsche Katastrophe ihren Höhepunkt erreichte. Er wurde 38 Jahre alt. Zu Hause blieben eine Frau und zwei Kinder, die zwei kleinen Banditen aus seinem allerersten Brief.
Seine Briefe erzählen keine einfache Geschichte. Sie zeigen keinen Helden und kein Monster, sondern einen Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit: einen liebevollen Vater, der seine Kinder Pummer und Dicken nannte und sich nach ihren kleinen Geschichten sehnte; einen gebildeten Lehrer, der Pflanzen fotografierte und über zerbrochene Mikroskope trauerte; und zugleich einen überzeugten Anhänger eines verbrecherischen Regimes, der die Vertreibung von Menschen, das Sterben in den Ghettos und die Erschießung von Gefangenen mit derselben Feder festhielt, mit der er zärtliche Grüße nach Hause schrieb. Gerade darin liegt der Wert dieser Briefe. Sie führen uns nicht das ferne Ungeheuer vor, das wir gerne für den Täter halten möchten, sondern den Nachbarn, den Kollegen, den Familienvater.
Sie zeigen, wie ein anständiger, kultivierter Mann Schritt für Schritt Teil eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte wurde – nicht durch Hass allein, sondern durch Selbstverständlichkeit, durch Gewöhnung, durch das Wegsehen im entscheidenden Moment. Und sie zeigen auch, wie der Krieg diesen Mann veränderte: vom übermütigen Wanderknecht des Jahres 1939 bis zu dem stillen Beobachter, der im Winter auf der Krim einen sterbenden Feind nach Hause rufen hörte und darin zum ersten Mal den Menschen erkannte. Helmut ist einer von vielen Millionen, die in diesem Krieg vielen und töteten, litten und Leid zufügten.