Ich stand in den letzten Kriegstagen in Prag, als sich alles um mich herum auflöste. Wir waren als Befreier gekommen, aber plötzlich waren wir die Gejagten. Die Tschechen, die uns noch Stunden…

Im Frühjahr 1942 stand Andrej Wlassow an der Wolchow-Front, nördlich von Nowgorod, in einer der aussichtslosesten Lagen, die die Ostfront zu bieten hatte. Er übernahm die Verantwortung für die 2. Stoßarmee, die den Ring um das belagerte Leningrad aufbrechen sollte. Doch die Operation scheiterte.

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Die Armee drang in die sumpfigen Wälder vor, wurde abgeschnitten und in einem Kessel eingeschlossen. Nachschub kam nicht mehr durch. Die Männer verhungerten, versanken im Morast, ergaben sich oder kamen um. Wlassow selbst irrte nach dem Zusammenbruch seiner Armee wochenlang durch das Hinterland, bis er im Juli in der Nähe eines Dorfes von deutschen Truppen aufgegriffen und gefangen genommen wurde.

In der Gefangenschaft begann Wlassow, das gescheiterte Kriegsjahr 1941 und die Führung Stalins offen zu kritisieren. Er machte die Fehlentscheidungen der obersten Leitung und die rücksichtslose Behandlung der eigenen Soldaten für die Katastrophen der ersten Kriegsmonate verantwortlich. Seine Enttäuschung fiel auf fruchtbaren Boden, denn in denselben Lagern saßen zahllose andere Offiziere und Soldaten, die sich von einem Staat verraten fühlten, der sie zu Deserteuren erklärt hatte, kaum dass sie in Gefangenschaft geraten waren. Aus dieser Kritik und aus den Kontakten zu deutschen Offizieren, die in ihm ein nützliches Werkzeug sahen, entwickelte sich das, was später als Wlassow-Bewegung bekannt wurde.

Der erste greifbare Schritt war die sogenannte Smolensker Erklärung vom Dezember 1942. Ein Aufruf, in dem Wlassow und seine Mitstreiter die Bildung einer russischen Befreiungsarmee zum Kampf gegen den Bolschewismus vorschlugen. Der Text versprach den Sturz Stalins und eine neue Ordnung und nannte ein russisches Komitee als vorgebliche politische Führung, das in dieser Form gar nicht existierte. In Wirklichkeit stand hinter dieser Erklärung keine Armee und kein handlungsfähiges Gremium, sondern lediglich die Bereitschaft der deutschen Propagandaabteilungen, den Namen Wlassow für ihre Zwecke einzusetzen.

Die deutsche Führung beschränkte sich bewusst auf die propagandistische Ausschlachtung. Hitlers rassische Vorurteile ließen eine ernsthafte russische Armee unter eigenem Kommando nicht zu, und die Furcht, bewaffnete ehemalige Rotarmisten könnten im entscheidenden Moment überlaufen, saß tief. Der Name Wlassow wurde deshalb vor allem auf Flugblättern gedruckt, die über den sowjetischen Linien abgeworfen wurden, um die Rote Armee zu zermürben und Überläufer anzulocken. Die Realität des Jahres 1943 sah für die russischen Freiwilligen in deutschen Diensten dagegen ganz anders aus.

Sie dienten verstreut als sogenannte Osttruppen und als Hilfswillige in Sicherungsaufgaben, im Wachdienst und in der Bekämpfung von Partisanen im besetzten Hinterland. Von einer geschlossenen politischen Armee war nichts zu sehen. Stattdessen gab es Disziplinprobleme, Unsicherheit über die eigene Zukunft und immer wieder Fälle von Fahnenflucht. Das bekannteste Beispiel war der Übertritt der Brigade unter Wladimir Gil-Rodionow, die im Sommer geschlossen zu den sowjetischen Partisanen wechselte und sich gegen ihre bisherigen deutschen Vorgesetzten wandte.

Die Reaktion der deutschen Führung war bezeichnend. Statt die russischen Freiwilligen zu einer geschlossenen Streitmacht zusammenzufassen, ordnete Hitler im Laufe des Jahres an, große Teile der Osttruppen von der Ostfront abzuziehen und nach Westen zu verlegen, an den Atlantikwall und nach Italien, wo sie in seinen Augen weniger gefährlich waren und nicht überlaufen konnten. Damit wurde jede Vorstellung einer wirkungsvollen russischen Armee gegen Stalin für Jahre ad absurdum geführt. Die Männer, deren Namen die Propaganda als Befreier feierte, standen in Frankreich Wache, weit entfernt von jenem Feind, gegen den sie angeblich kämpfen sollten.

Ein Ort jedoch verlieh der Bewegung inneren Zusammenhalt: die Schule im Ort Dabendorf südlich von Berlin. Dort wurden nicht Soldaten für den Fronteinsatz gedrillt, sondern Propagandisten und Funktionäre ausgebildet, die die Ideen der Bewegung verbreiten sollten. In Dabendorf sammelten sich Emigranten, ehemalige Offiziere und Intellektuelle, unter ihnen Vertreter der russischen Auslandsorganisation NTS und Publizisten wie Milentij Sykow, dessen Vorstellungen von einem reformierten, entstalinisierten Sozialismus die Programmatik der Bewegung mitprägten. So entstand ein ideologisches Milieu, das über die reine deutsche Propaganda hinausreichte, ohne jedoch militärische Substanz zu besitzen.

Zwei ganze Jahre lang blieb die Wlassow-Bewegung damit ein Kopf ohne Körper, eine politische Idee ohne die Armee, deren Namen sie trug. Erst das Kriegsjahr 1944 veränderte die Lage grundlegend. Die deutschen Niederlagen häuften sich. Die Ostfront wich unaufhaltsam zurück.

Im Westen war die alliierte Landung erfolgt, und der Mangel an Menschen für die Front wurde erdrückend. In dieser Notlage wurde die bislang verschmähte Karte Wlassow plötzlich interessant. Im September kam es zu einem Treffen zwischen Wlassow und Heinrich Himmler, dem Reichsführer der SS, der sich zuvor besonders ablehnend geäußert und die Slawen offen verachtet hatte und nun aus purer Verzweiflung bereit war, dem Projekt einer russischen Armee zuzustimmen. Der Sinneswandel eines der fanatischsten Vertreter der nationalsozialistischen Rassenideologie sagt viel über die Lage aus, in der sich das Reich zu diesem Zeitpunkt befand.

Es war kein Zeichen von Vertrauen, sondern von Not. Aus diesem Zugeständnis erwuchs der entscheidende organisatorische Schritt. Am 14. November 1944 wurde in Prag das Komitee zur Befreiung der Völker Russlands gegründet, ein politisches Dachgremium, das den Anspruch erhob, alle antisowjetischen Kräfte zu vereinen.

Dass gerade Prag als Ort gewählt wurde, hatte symbolische Gründe. Es sollte der Eindruck einer eigenständigen slawischen politischen Handlung entstehen, fern von Berlin, in einer Stadt, die als Bühne diente, während die eigentliche Kontrolle in deutscher Hand blieb. Im Rahmen dieser Gründungsversammlung verlas Andrej Wlassow das sogenannte Prager Manifest, das programmatische Dokument der gesamten Bewegung. Das Manifest umfasste 14 Punkte.

Es forderte den Sturz der stalinistischen Tyrannei, die Rückkehr zu den Rechten, die das Volk in der Revolution des Jahres 1917 errungen zu haben glaubte, und die Beseitigung des Zwangssystems. Es versprach die Freiheit der Rede, der Presse, der Religion und der Versammlung. Es erkannte das Recht der Völker auf Selbstbestimmung an, bis hin zur Bildung eigener Staaten. Es stellte den Bauern das Land als privates Eigentum in Aussicht und sah zugleich die Verstaatlichung der Großindustrie vor, als eine Art Mittelweg zwischen Kapitalismus und Bolschewismus, und es sprach von einem ehrenhaften Frieden mit Deutschland.

In der Endfassung fehlte der offene Antisemitismus, der die frühere Propaganda der Bewegung durchzogen hatte, während die Präambel deutlich antiwestliche Töne anschlug, um den deutschen Verbündeten entgegenzukommen. Ideologisch war das Manifest eine Mischung aus den Vorstellungen des NTS, den reformsozialistischen Ideen Sykows und den Kompromissen, die das Bündnis mit dem Reich erzwang. Für viele der versammelten Emigranten und ehemaligen Sowjetbürger klang dieses Programm nach der lange ersehnten dritten Kraft, die weder Stalin noch die alte kapitalistische Ordnung wollte. Doch die Umstände seiner Verkündung entlarvten den Anspruch.

Ein Manifest, das die Selbstbestimmung der Völker proklamierte, wurde in einer von deutschen Truppen besetzten Stadt verlesen, mit Genehmigung und unter Aufsicht jener Macht, die halb Europa unterjocht hatte. Der Widerspruch zwischen dem Wortlaut und der Wirklichkeit hätte kaum größer sein können. Warum aber gingen Wlassow und seine Führung diesen Weg überhaupt? Die Antwort liegt in einer Rechnung, die sich im Nachhinein als Selbsttäuschung erweisen sollte.

Sie hofften auf politische Eigenständigkeit, auf eine eigene Armee, die nicht unmittelbar der Wehrmacht unterstellt war, und auf die Möglichkeit, das Deutsche Reich als Werkzeug gegen Stalin zu benutzen, um für eine ungewisse Zukunft eine eigene Position zu sichern. Doch wie real konnte diese Unabhängigkeit sein, wenn die Finanzierung, die Bewaffnung und die Versorgung vollständig vom Auswärtigen Amt und den Behörden des Dritten Reiches abhingen? Ein Komitee, das seine Bühne, sein Geld und seine Waffen von der Macht bezog, gegen deren Verbündeten es angeblich kämpfte, konnte kaum als unabhängiger Akteur auftreten. Der formale Schritt von der Deklaration zur Streitmacht erfolgte am 28.

Januar 1945, als die Streitkräfte des Komitees zur Befreiung der Völker Russlands offiziell aufgestellt wurden. Auf dem Papier war Andrej Wlassow ihr Oberbefehlshaber, und diese Truppe galt formell nicht als Teil der Wehrmacht, sondern als eigenständige Armee eines verbündeten politischen Gremiums. Doch schon in dieser Formulierung lag die zentrale Fiktion des gesamten Unternehmens, denn was auf dem Papier nach Souveränität aussah, war in der Wirklichkeit ein spätgeborenes Kind der deutschen Niederlage, das ohne die Erlaubnis, ohne die Waffen und ohne die Versorgung des Reiches keinen einzigen Tag hätte bestehen können. Der Zeitpunkt allein spricht Bände.

Ende Januar standen die sowjetischen Truppen bereits an der Oder, keine hundert Kilometer von Berlin entfernt. Eine Armee, die in diesem Moment erst aufgestellt wurde, konnte auf den Ausgang des Krieges keinen ernsthaften Einfluss mehr nehmen. Sie kam zu spät, und alle Beteiligten wussten es im Grunde. Betrachtet man die Struktur dieser Streitkräfte im Einzelnen, wird das Missverhältnis zwischen Anspruch und Substanz noch deutlicher.

Kernstück und einziger einigermaßen vollständiger Verband war die 1. Infanteriedivision unter dem Kommando von Sergei Bunjtschenko, einem erfahrenen, eigenwilligen und durchsetzungsfähigen Offizier. Diese Division zählte etwa 20. 000 bis 23.

000 Mann, war vergleichsweise gut ausgerüstet und wurde auf dem Truppenübungsplatz Münsingen im Süden Deutschlands aufgestellt und ausgebildet. Sie war das Aushängeschild, der Beweis, dass die Bewegung tatsächlich eine kampffähige Formation hervorbringen konnte. Doch schon die 2. Infanteriedivision unter Grigori Swerew mit etwa 12.

000 Mann blieb unvollständig und verfügte über keine vollwertige schwere Bewaffnung. Die 3. Division unter Michail Schapowalow existierte kaum mehr als auf dem Papier, mit einer geplanten Stärke von rund 10. 000 Mann, die niemals wirklich ausgerüstet oder in Gefechtsbereitschaft gebracht wurde.

Hinzu kamen die Luftstreitkräfte unter Viktor Malzew, die einige tausend Mann umfassten, aber kaum jemals zu einem echten Kampfeinsatz gelangten, sowie separate Kosakenverbände, die organisatorisch nur lose angebunden waren. Diese Kosakenkorps, die schon länger auf deutscher Seite kämpften, unterstanden zum Teil eigenen Befehlshabern und eigenen Traditionen und ließen sich nur schwer in eine einheitliche Kommandostruktur einfügen. Die Luftstreitkräfte wiederum besaßen zwar Piloten mit Fronterfahrung und einige Maschinen, doch Treibstoffmangel und die vollständige Luftherrschaft der Alliierten machten jeden nennenswerten Einsatz von vornherein unmöglich. So war das Bild insgesamt das einer zersplitterten, geographisch verstreuten und ungleich ausgerüsteten Ansammlung von Verbänden, die kaum jemals als geschlossene Armee unter einheitlichem Befehl in Erscheinung trat.

Rechnete man alles zusammen, ergab sich eine nominelle Gesamtstärke von etwa 120. 000 bis 130. 000 Mann. Doch die Zahl der tatsächlich kampfbereiten Soldaten lag weit darunter, denn sie enthielt Verbände, die nur auf dem Papier bestanden, Einheiten ohne Waffen und Männer ohne Ausbildung.

Wie war diese Armee organisiert, und warum funktionierte sie nicht als schlagkräftige Truppe? Äußerlich ahmte sie die Struktur der Wehrmacht nach. Sie verfügte über eigene Rangbezeichnungen, eigene Abzeichen und ein eigenes Offizierskorps, und ihre Führung legte großen Wert darauf, als reguläre Armee und nicht als Hilfsformation aufzutreten. Doch hinter dieser Fassade herrschte vollständige Abhängigkeit.

Die Bewaffnung stammte aus deutschen Beständen und aus erbeuteten sowjetischen Waffen, was bereits die Versorgung mit Munition zu einem Problem machte, weil unterschiedliche Kaliber und Systeme durcheinander gingen. Der Nachschub, die Verpflegung, der Treibstoff – all das kam vom Reich, und in der Endphase des Krieges war das Reich selbst kaum noch in der Lage, seine eigenen Truppen zu versorgen. Bis zuletzt blieb die Armee in erheblichem Maße dem deutschen Kommando unterstellt, auch wenn die Führung darum rang, eigene Entscheidungen zu treffen. Die Folge war ein tiefes strukturelles Ungleichgewicht.

Nur eine einzige Division war annähernd vollwertig, während die zweite und dritte über schwache Artillerie und kaum über Panzer verfügten, und eine eigene einsatzfähige Luftwaffe faktisch nicht existierte. Zu diesen materiellen Schwächen trat ein noch grundlegenderes Problem, das die Kampfkraft von innen aushöhlte: die Motivation der Soldaten. Ein großer Teil der Männer in den Reihen der Befreiungsarmee waren ehemalige Kriegsgefangene, und ihre Beweggründe, sich anwerben zu lassen, hatten oft wenig mit einem ideologischen Kreuzzug gegen den Bolschewismus zu tun. Für viele war der Eintritt in die Truppe schlicht die einzige Alternative zum Verhungern in den deutschen Lagern.

Wer sich meldete, entkam dem Hunger, der Kälte und den Seuchen. Und diese Entscheidung war häufig eine Entscheidung ums nackte Überleben, nicht ein politisches Bekenntnis. Eine Armee aber, die sich zu einem erheblichen Teil aus Männern speiste, die vor allem der eigenen Rettung wegen gekommen waren, ließ sich nur schwer zu einem entschlossenen Kampf gegen ihre früheren Kameraden auf der anderen Seite der Front bewegen. Genau diese Grenzen zeigten sich in dem einzigen nennenswerten Zusammenstoß mit der Roten Armee.

Bereits im Februar hatten kleinere Verbände der Bewegung in einer begrenzten Aktion an der Front Erfahrungen gesammelt, doch der eigentliche Einsatz folgte im Frühjahr. Im Frühjahr wurde die 1. Infanteriedivision unter Bunjtschenko an die Oderfront verlegt, um an einem lokalen Angriffsunternehmen teilzunehmen. Der Hintergrund war der Druck Himmlers und des deutschen Kommandos, das endlich einen sichtbaren Beweis für den militärischen Nutzen dieser Armee sehen wollte, um die eigene Entscheidung, sie überhaupt aufzustellen, im Nachhinein zu rechtfertigen.

Man setzte die Division am 13. April gegen einen kleinen, an sich unbedeutenden sowjetischen Brückenkopf mit dem Namen Erlenhof am Westufer der Oder südlich von Fürstenberg an, wo sowjetische Verbände eine befestigte Stellung hielten. Der Angriff fand in einer Phase statt, in der die sowjetische Übermacht an dieser Front bereits erdrückend war. Für die Führung der Befreiungsarmee war es zugleich ein politischer Moment.

Endlich sollte die eigene Truppe im offenen Feld zeigen, dass sie mehr war als eine Propagandaerfindung, und zugleich hoffte man, mit einem sichtbaren Erfolg die eigene Verhandlungsposition zu stärken. Was tatsächlich geschah, offenbarte jedoch die ganze Schwäche des Unternehmens. Der Angriff kam nur langsam voran. Das Gelände am Fluss war zäh und offen, und die sowjetischen Verteidiger waren gut eingegraben.

Die vorrückenden Verbände gewannen nur wenige hundert Meter Boden, gerieten dann in flankierendes Feuer aus vorbereiteten Stellungen und mussten schwere Verluste hinnehmen. Nach den überlieferten Angaben fielen bei diesem Gefecht mehr als 150 Mann, nach anderen Schätzungen noch deutlich mehr, ohne dass ein nennenswerter Erfolg erzielt worden wäre. Der Angriff stockte, die erhofften Durchbrüche blieben aus, und schließlich brach Bunjtschenko das Unternehmen ab. Statt weiter sinnlose Verluste hinzunehmen, entschied er, seine Division dem deutschen Kommando zu entziehen und sie nach Süden in Marsch zu setzen.

Es war eine der ersten offenen Weigerungen, dem deutschen Befehl bedingungslos zu folgen, und sie deutete bereits an, dass die Führung der Division längst begonnen hatte, eigene Wege zu suchen. Warum funktionierte diese Taktik an der Oder nicht? Die Gründe lagen offen zutage. Bis zum Frühjahr hatte die Rote Armee an dieser Front eine zahlenmäßige und technische Überlegenheit erreicht, gegen die eine Division kaum etwas ausrichten konnte.

Es fehlte an ausreichender Artillerieunterstützung, es fehlte an Luftunterstützung, und es fehlte an den Reserven, die einen anfänglichen Erfolg hätten ausbauen können. Hinzu kamen die wahrscheinlichen Probleme mit der Kampfmoral und der Koordination, denn viele der eingesetzten Männer standen zum ersten Mal in geschlossenem Verband gegen ihre früheren Landsleute, und die Aussichtslosigkeit der Gesamtlage war für jeden erkennbar. Wer im April noch die Zeitungen las oder die Front beobachtete, konnte kaum übersehen, dass Deutschland in wenigen Wochen kapitulieren würde. Für einen Soldaten, der ohnehin nur aus Not in diese Armee geraten war, gab es kaum einen überzeugenden Grund, in einem bereits verlorenen Krieg das Leben zu lassen.

Ein Angriff, der unter diesen Bedingungen und zu diesem späten Zeitpunkt geführt wurde, konnte im besten Fall einen lokalen und flüchtigen Eindruck hinterlassen, aber niemals einen militärischen Wendepunkt herbeiführen. Das Gefecht an der Oder war damit weniger ein Beweis für die Kampfkraft der Befreiungsarmee als ein weiterer Beleg für ihre grundlegende Begrenztheit. So endete der einzige größere Einsatz gegen die Rote Armee in einem kostspieligen Misserfolg, und er hinterließ bei der Führung der 1. Division die Überzeugung, dass ein weiterer Kampf im deutschen Interesse sinnlos war.

Bunjtschenko führte seine Truppe eigenmächtig nach Süden, weg von der zusammenbrechenden Oderfront, in Richtung Böhmen. Er entzog sich damit Schritt für Schritt der deutschen Kontrolle und suchte nach einem Ausweg aus einer Lage, die militärisch längst entschieden war. Dieser Marsch nach Süden führte die Division jedoch nicht in Sicherheit, sondern mitten hinein in ein Geschehen, das in seinen letzten Tagen alle Widersprüche der ganzen Bewegung auf einen Brennpunkt verdichten sollte. Denn dort, in der Region rund um die tschechische Hauptstadt, bahnte sich in den ersten Maitagen eine Erhebung an, die den letzten und überraschendsten Wendepunkt dieser Geschichte bilden sollte.

Um die letzte Wende dieser Geschichte zu verstehen, muss man den Blick auf die Lage Anfang Mai richten. Der Krieg in Europa ging seinem Ende entgegen. Hitler war tot, Berlin gefallen, und in den letzten Tagen der deutschen Besatzung erhob sich am 5. Mai die Bevölkerung Prags gegen die deutschen Truppen.

Der Prager Aufstand war eine verzweifelte, aber entschlossene Erhebung des tschechischen Widerstands, der die Stadt vor dem endgültigen Rückzug der Wehrmacht befreien und dabei zerstörerische Kämpfe verhindern wollte. In den Straßen der Stadt wurden Barrikaden errichtet, die Aufständischen besetzten Rundfunkgebäude und wichtige Verkehrsknoten. Doch ihnen fehlte es an schweren Waffen, um den deutschen Verbänden dauerhaft standzuhalten. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, denn noch immer standen kampffähige deutsche Einheiten in und um Prag, die entschlossen waren, sich den Weg nach Westen freizukämpfen.

In diese Situation geriet die 1. Infanteriedivision Bunjtschenkos, die sich nach ihrem Abmarsch von der Oder in der Umgebung der Stadt befand. Die Aufständischen, die den regulären deutschen Verbänden und den Einheiten der Waffen-SS militärisch unterlegen waren, wandten sich mit der Bitte um Unterstützung an die russische Division, die zufällig in Reichweite stand und über schwere Waffen verfügte. Für Bunjtschenko eröffnete sich damit eine unerwartete Gelegenheit.

Er entschied sich, den Aufständischen zu helfen. Seine Beweggründe waren dabei nicht allein von Sympathie für die Tschechen bestimmt, sondern auch von kühler Berechnung. Ein Eintreten für die Aufständischen konnte der Division im letzten Moment ein politisches Kapital verschaffen, das sich gegenüber den heranrückenden Westalliierten auszahlen mochte. Wer sich in den letzten Kriegstagen offen gegen die Deutschen wandte, hoffte, nicht länger als Kollaborateur, sondern als Verbündeter der Sieger wahrgenommen zu werden.

Die Reaktion Wlassows auf diesen Schritt war jedoch zunächst von Zögern geprägt. Wlassow rechnete anders. Er wollte die Kräfte der Bewegung zusammenhalten, um sie geschlossen den Westmächten zu übergeben, und fürchtete möglicherweise die deutsche Rache in den letzten Stunden ebenso wie die unkalkulierbaren Folgen einer Einmischung in einen fremden Aufstand. Zwischen dem Kalkül des Oberbefehlshabers, der die politische Gesamtlage im Blick hatte, und dem Kommandeur vor Ort, der die konkrete Gelegenheit sah, entstand eine Spannung.

Am Ende jedoch gab Wlassow den Weg frei, und die Division griff ein. Die konkreten Handlungen der folgenden Tage lassen sich recht genau nachzeichnen. Am 6. und 7.

Mai rückten Regimenter der 1. Division mit ihren schweren Waffen, mit Panzern und Artillerie, in Prag ein. Sie lieferten sich Gefechte mit deutschen Verbänden und mit Einheiten der Waffen-SS, besetzten wichtige Punkte der Stadt, banden deutsche Kräfte und entlasteten so die schlecht bewaffneten tschechischen Aufständischen an den Barrikaden. Hier zeigte sich ein bemerkenswerter Unterschied zu dem Gefecht an der Oder.

Warum funktionierte die Taktik in Prag besser als wenige Wochen zuvor am Fluss? Die Antwort liegt in mehreren Faktoren zugleich. Erstens war die Motivation der Soldaten eine völlig andere. In Prag kämpften sie nicht gegen ihre eigenen Landsleute, gegen die Rote Armee, sondern gegen die Deutschen, gegen jene Macht, in deren Diensten und unter deren Verachtung sie jahrelang gestanden hatten.

Das gab dem Kampf eine innere Entschlossenheit, die dem Angriff an der Oder gefehlt hatte. Zweitens verfügte die Division über schweres Gerät, das im städtischen Häuserkampf gegen einen zahlenmäßig nicht überlegenen Gegner wirksam eingesetzt werden konnte. Und drittens boten die örtlichen Bedingungen der Stadt, die Straßen, die Barrikaden und die Unterstützung der Bevölkerung, ein Umfeld, in dem eine entschlossene, gut bewaffnete Truppe rasch Wirkung erzielen konnte. Im offenen Feld an der Oder hatte die zahlenmäßige und technische Übermacht der Roten Armee jede Anstrengung im Keim erstickt.

Im Häuserkampf einer Großstadt dagegen zählten Ortskenntnis, Beweglichkeit und der Rückhalt einer verbündeten Zivilbevölkerung weit mehr als reine Masse. Und genau diese Faktoren spielten der Division in die Hände. Es war die Umkehrung der Ausgangslage. Zum ersten und einzigen Mal kämpfte diese Truppe unter Bedingungen, die ihren begrenzten Mitteln entgegenkamen, statt sie zu überfordern.

Das Ergebnis dieses Eingreifens war spürbar. Die russische Division trug in jenen Tagen einen erkennbaren Anteil daran bei, dass ein großer Teil Prags vor der Zerstörung bewahrt wurde und dass die deutschen Kräfte in der Stadt geschwächt und in die Defensive gedrängt wurden. Diese Wirkung hatte allerdings ihren Preis. Nach den vorliegenden Angaben wurden rund hundert gefallene Angehörige der Division später in Prag bestattet, ein Teil von ihnen in einem bekannten Massengrab auf dem Olšany-Friedhof.

Doch der militärische Erfolg in der Stadt war nur von kurzer Dauer, und die politische Lage kippte schnell. Bereits am 8. Mai verließ die Division die Stadt wieder. Der Grund lag in den wachsenden Spannungen mit dem tschechischen Aufstandsrat, in dem der kommunistische Flügel zunehmend das Sagen hatte und in den russischen Soldaten keine Verbündeten, sondern potenzielle Feinde und mögliche Beute für die heranrückende Rote Armee sah.

Statt Dankbarkeit erlebten die Angehörigen der Division Misstrauen, teils sogar Festnahmen. Die kurze Rolle als Befreier verwandelte sich innerhalb von Stunden in eine neue Bedrohung, und Bunjtschenko zog seine Truppe eilig aus Prag ab, um dem sowjetischen Zugriff zu entgehen. Damit begann der letzte Abschnitt: der Marsch in Richtung der amerikanischen Linien. Die 1.

Division und andere Teile der Bewegung strebten nach Westen in den Raum um Pilsen, wo die 3. amerikanische Armee unter dem Befehl von General Patton stand. Das Ziel war eine Kapitulation, die eine Auslieferung an die Sowjetunion vermeiden sollte. Hier offenbarte sich die vielleicht folgenschwerste Illusion Wlassows und seiner Führung.

Sie rechneten damit, dass der Westen sie als potenzielle Verbündete gegen Stalin ansehen oder zumindest nicht an die Sowjetunion ausliefern würde. In dieser Erwartung lag eine tiefe Fehleinschätzung der internationalen Lage, denn die Alliierten hatten auf der Konferenz von Jalta vereinbart, dass sowjetische Staatsbürger, die in deutsche Hände geraten waren, nach Kriegsende an die Sowjetunion zurückzuführen seien. Für die Männer der Befreiungsarmee, die in den Augen Moskaus Verräter waren, bedeutete diese Vereinbarung nichts anderes als das Todesurteil oder das Lager. Die Hoffnung auf ein westliches Asyl beruhte auf einer Welt, die es im Frühjahr 1945 noch nicht gab.

Die spätere Feindschaft zwischen Ost und West war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgebrochen, und die Sieger handelten gemeinsam. In den Monaten nach Kriegsende wurden im gesamten von den Westmächten kontrollierten Raum hunderttausende ehemalige Sowjetbürger zusammengetrieben und an die Sowjetunion übergeben, oft gegen ihren erbitterten Widerstand und in dem klaren Wissen, was sie erwartete. Die Angehörigen der Befreiungsarmee waren nur eine kleine Gruppe innerhalb dieser gewaltigen Zwangsrückführung, und ihre besondere Rolle als bewaffnete Verbündete der Deutschen machte ihre Aussichten noch aussichtsloser. Wer geglaubt hatte, sich durch die Wende in Prag reingewaschen zu haben, musste erkennen, dass die politische Buchhaltung der Sieger solche Feinheiten nicht kannte.

Der tragische Ausgang folgte rasch und war in seiner Logik beinahe unausweichlich. Die amerikanischen Stellen waren nicht bereit oder nicht in der Lage, die Angehörigen der Bewegung als eigenständige politische Gruppe zu behandeln. In den Wirren der Kapitulation Mitte Mai gerieten Wlassow und große Teile seiner Truppe in sowjetische Hand, teils durch Auslieferung, teils durch unmittelbaren Zugriff sowjetischer Verbände. Wlassow selbst wurde am 12.

Mai auf dem Weg zu den amerikanischen Linien von einer sowjetischen Streife abgefangen und gefangen genommen, sein Stab mit ihm. Was folgte, war ein Verfahren, dessen Ausgang von Anfang an feststand. Im Jahr 1946 fand in Moskau ein geheimer Prozess gegen Wlassow und die führenden Männer der Bewegung statt. Das Urteil lautete auf Verrat am Vaterland.

Am 1. August wurden Andrej Wlassow und elf weitere Anführer hingerichtet. Die übrigen Angehörigen der Bewegung, soweit sie in sowjetische Hand gerieten, erwarteten lange Jahre in den Lagern. Viele von ihnen kehrten nie zurück.

Wie ist die Wende in Prag im Rückblick zu bewerten? Sie bildete den Höhepunkt aller Widersprüche, die diese Bewegung von Anfang an durchzogen hatten. Vielleicht war das Eingreifen ein später Akt der Rache an den Deutschen für Jahre der Demütigung. Vielleicht eine nüchterne Berechnung, um sich den Westalliierten zu empfehlen.

Vielleicht auch eine Eigeninitiative der Truppe vor Ort, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen wollte. Wahrscheinlich wirkten alle diese Beweggründe zusammen. Militärisch ist festzuhalten, dass die 1. Division in der Stadt entschlossener und wirkungsvoller kämpfte als in ihrem einzigen Gefecht gegen die Rote Armee an der Oder.

Doch strategisch änderte auch dieser Einsatz nichts. Er kam in den letzten Tagen eines bereits entschiedenen Krieges und konnte weder den Ausgang des Krieges noch das Schicksal der Beteiligten beeinflussen. Die Befreiungsarmee wurde niemals zu jener unabhängigen politischen oder militärischen Kraft, als die sie sich verstanden wissen wollte. Sie blieb bis zum Schluss abhängig, marginal und von den großen Entscheidungen der Mächtigen bestimmt, gegen die sie vergeblich anzukommen versuchte.

Am Ende bleibt die russische Befreiungsarmee unter dem Kommando Wlassows in den Jahren 1944 und 1945 eines der widersprüchlichsten und begrenztesten Kapitel des Zweiten Weltkriegs an der Ostfront. Die politischen Deklarationen des Komitees und das Prager Manifest versprachen ein neues Russland ohne Bolschewisten und ohne Kapitalisten, mit Freiheiten und mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker. In der Praxis aber wurde diese Armee zu spät aufgestellt, unter den Bedingungen der totalen Niederlage Deutschlands, im tiefen Misstrauen der nationalsozialistischen Führung und mit minimalen Mitteln. Ihre tatsächliche Kampfkraft blieb gering.

Nur eine einzige Division war einigermaßen vollständig ausgerüstet. Die Kämpfe gegen die Rote Armee beschränkten sich auf einen kurzen und erfolglosen Zusammenstoß an der Oder, und die Wende in Prag war eher ein Akt der Verzweiflung oder des taktischen Kalküls als eine strategische Entscheidung. Viele der Soldaten und Offiziere waren ehemalige Kriegsgefangene, für die der Eintritt in diese Armee oft die Wahl zwischen dem Tod im Lager und dem Dienst bei den Deutschen bedeutete. Diese Ausgangslage prägte die gesamte Geschichte der Truppe und macht jedes einfache Urteil unmöglich.

Wlassow und sein Umfeld rechneten damit, Deutschland als Werkzeug gegen Stalin zu benutzen und danach vielleicht im Westen Verständnis zu finden. Diese Illusionen zerbrachen an der Wirklichkeit, an der Abhängigkeit vom nationalsozialistischen Regime, an der zu späten Gründung und an den Nachkriegsabkommen der Alliierten. Das Ende, die Gefangennahme, der geheime Prozess und die Hinrichtung im Jahr 1946 zeigten, wie eng der Handlungsspielraum in einem totalen Krieg war und wie vorhersehbar tragisch die Folgen für jene ausfielen, die diesen Weg einschlugen. Es ist eine Geschichte nicht von allgemeingültigen Lehren und nicht von Helden, sondern von konkreten Entscheidungen, von engen Umständen und von deren Konsequenzen in einem der grausamsten Kriege des 20.

Jahrhunderts. Sie lässt sich weder zu einem Heldenepos verklären noch auf ein einfaches Feindbild reduzieren, ohne die Wirklichkeit zu verfehlen. Am Ende bleibt das Bild einer Truppe, die zwischen zwei übermächtigen Diktaturen zerrieben wurde, deren Führung auf eine Eigenständigkeit setzte, die ihr niemand zugestehen wollte, und deren Soldaten in ihrer großen Mehrheit weniger von Überzeugung als von der schieren Not getrieben waren.

Das nüchterne Ergebnis lautet, dass die russische Befreiungsarmee auf den Verlauf des Krieges keinen messbaren Einfluss hatte und dass ihr Weg vom ersten bis zum letzten Tag von Abhängigkeit, Fehleinschätzung und einem vorgezeichneten Ende bestimmt war.