Im Spätsommer des Jahres 1941 erreichte der Krieg im Osten einen Punkt, an dem die deutsche Führung eine grundlegende Entscheidung treffen musste. Die Schlacht um Kiew, die als größte Kesselschlacht der Kriegsgeschichte gilt, war das Ergebnis eines erbitterten strategischen Streits und einer starren sowjetischen Verteidigungshaltung. Die Heeresgruppe Mitte hatte in den ersten Wochen des Krieges spektakuläre Erfolge erzielt, doch der Vormarsch auf Moskau stockte. Die Verbände waren abgenutzt, der Nachschub blieb zurück, und der sowjetische Widerstand verhärtete sich.

Im Süden kämpfte die Heeresgruppe Süd gegen die zahlenmäßig stärksten Kräfte der Roten Armee, die Südwestfront unter Generaloberst Michail Kirponos. Diese Front verteidigte die Ukraine mit Kiew als befestigtem Zentrum. Im deutschen Oberkommando tobte ein heftiger Streit. Ein Teil des Generalstabs, darunter Generaloberst Franz Halder und Generalfeldmarschall Fedor von Bock, wollte den Vorstoß auf Moskau als entscheidendes Ziel.
Hitler jedoch bestand auf wirtschaftlichen und operativen Zielen im Süden: das ukrainische Getreide, die Kohle des Donetzbeckens und die Absicherung der Flanke. Am 21. August setzte Hitler per Weisung durch, dass die Vernichtung der sowjetischen Kräfte im Süden Vorrang habe. Die Panzergruppe Guderian, die eigentlich auf Moskau angesetzt werden sollte, wurde nach Süden befohlen.
Auf sowjetischer Seite verhinderte Stalin einen rechtzeitigen Rückzug. Er verbot die Räumung Kiews und drohte Kommandeuren, die einen Rückzug erwogen, mit schweren Konsequenzen. General Schukow, der einen Rückzug vorgeschlagen hatte, wurde abgelöst. Die Frontführung blieb an die Weisung gebunden, Kiew um jeden Preis zu halten, obwohl die Gefahr einer Einkesselung immer deutlicher wurde.
Der deutsche Plan sah eine doppelte Umfassung vor. Von Süden sollte die Panzergruppe Kleist aus einem Brückenkopf bei Krementschug nach Norden vorstoßen. Von Norden sollte Guderians Panzergruppe über Konotop nach Süden zielen. Die Infanteriearmeen sollten den Kessel nach innen abriegeln.
Die Panzerspitzen bewegten sich schneller, als die sowjetische Führung reagieren konnte, und die politische Vorgabe verhinderte eine Ausweichbewegung. Am 15. September trafen die Panzerspitzen bei Lochwiza zusammen. Der Ring war geschlossen.
Vier sowjetische Armeen, Hunderttausende Soldaten, waren eingeschlossen. Die eingeschlossenen Truppen versuchten auszubrechen, doch die Angriffe blieben unkoordiniert. Die Luftwaffe beherrschte den Luftraum und machte jede Bewegung am Tag unmöglich. Am 20.
September fiel Generaloberst Kirponos bei einem Ausbruchsversuch. Nur etwa 15. 000 Mann gelang es, sich durchzuschlagen. Die Zerschlagung des Kessels dauerte bis zum 26.
September. Kiew selbst fiel am 19. September. Die deutschen Verbände meldeten rund 665.
000 Gefangene, die neuere Forschung schätzt die Zahl der Eingeschlossenen auf 450. 000 bis 500. 000. Die Gesamtverluste der Südwestfront beliefen sich auf etwa 700.
000 Mann. Die deutschen Verluste waren geringer, aber dennoch erheblich. Der Sieg war jedoch teuer erkauft. Die Panzergruppen waren verschlissen, die Zeit für den Angriff auf Moskau war verloren.
Der Vorstoß auf die Hauptstadt konnte erst Ende September beginnen, als sich das Wetter zu verschlechtern begann. Die Panzer, die den Kessel geschlossen hatten, kehrten in einem Zustand fortgeschrittener Abnutzung zurück. Die Schlacht um Kiew war ein außergewöhnlicher taktischer Erfolg, aber kein strategischer Wendepunkt. Die Sowjetunion verfügte über Raum, Menschen und Industrie, um solche Verluste auszugleichen.
Die deutschen Nachschubwege wurden immer länger, die eigenen Kräfte schwanden. Der Sieg war das Produkt der deutschen Operationsführung und der sowjetischen Fehlentscheidungen, aber er löste die grundlegenden Probleme des Feldzugs nicht. Doch die Schlacht hatte eine dunkle Seite, die nicht ausgeblendet werden darf. Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden nicht nach den Regeln des Krieges behandelt.
Hunger, Kälte und Gewalt führten zu einem Massensterben. Nur wenige Tage nach der Einnahme Kiews ermordeten deutsche Einheiten in der Schlucht von Babi Jar mehr als 30. 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Dieses Verbrechen war Teil des Vernichtungskrieges, zu dem auch die Schlacht gehörte.
Die Kesselschlacht um Kiew bleibt die größte Umfassung der Kriegsgeschichte. Sie zeigt, wie strategische Entscheidungen und operative Möglichkeiten ein Ergebnis von gewaltigem Ausmaß hervorbringen können, ohne dass die Beteiligten zu Vorbildern werden. Wer diese Schlacht verstehen will, muss den militärischen Vorgang und den Krieg der Vernichtung zusammensehen.