Ich saß in der engen, eiskalten Kabine unseres Bombers, als der Befehl kam: „Ziel Berlin, Bomben abwerfen, dann umkehren.“ Wir wussten, dass wir an der äußersten Grenze unserer Reichweite flogen,…

In der Nacht vom 7. auf den 8. August 1941 starteten vom Flugplatz Kagul auf der estnischen Insel Saaremaa fünfzehn zweimotorige Bomber vom Typ DB-3 der baltischen Flotte. Ihr Ziel lag fast tausend Kilometer entfernt: Berlin, die Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschen Reiches.

Thumbnail

Während die Maschinen mit voller Treibstofflast und bewusst reduzierter Bombenmenge Kurs über die Ostsee nahmen, tobte an der Front ein Krieg von unvorstellbarem Ausmaß. Die Wehrmacht war nach der Schlacht von Smolensk weiter nach Osten vorgedrungen, die Rote Armee zog sich zurück, und die Verluste gingen bereits in die Hunderttausende. Die Lage war ernst, aber nicht hoffnungslos. Im August standen die deutschen Verbände noch mehr als 300 Kilometer vor Moskau.

Die akute Bedrohung der Hauptstadt kam erst im Oktober und November mit dem Unternehmen „Taifun“. Doch der Druck auf die sowjetische Führung war gewaltig. Seit dem Überfall am 22. Juni erlitt die Rote Armee katastrophale Niederlagen.

Ganze Armeen waren in Kessel geraten, die Luftstreitkräfte hatten in den ersten Wochen schwere Verluste erlitten, und die Führung war durch die Repressionen der Vorkriegsjahre geschwächt. Stalin hatte inzwischen die unmittelbare Befehlsgewalt übernommen. In dieser Situation kam die Idee auf, Berlin zu bombardieren. Der unmittelbare Anstoß war das Verhalten des Gegners: Ab dem 22.

Juli flog die deutsche Luftwaffe Nachtangriffe auf Moskau. Zugleich verbreitete die deutsche Propaganda, die sowjetische Luftwaffe sei praktisch zerschlagen und könne dem Reich keinen Schaden mehr zufügen. Diese Behauptungen richteten sich an die eigene Bevölkerung, an neutrale Staaten und an mögliche Verbündete der Sowjetunion. In Moskau entstand daraus ein doppelter Druck: Man musste den eigenen Menschen zeigen, dass der Staat noch handlungsfähig war, und man musste die These vom leichten Sieg widerlegen.

Ein Angriff auf die deutsche Hauptstadt, ausgerechnet in dem Moment, in dem der Feind die eigene Metropole bombardierte, versprach eine Antwort, die weit über den rein militärischen Wert hinausreichte. Die Anregung ging vom Befehlshaber der Fliegerkräfte der Kriegsmarine, Generalleutnant Semjon Schaworonkow, aus. Er erkannte, dass von den westlichsten Inseln aus die Reichweite bis Berlin gerade eben zu erreichen war. Der Volkskommissar der Kriegsmarine, Admiral Nikolai Kusnezow, trug den Gedanken am 26.

Juli Stalin vor. Stalin billigte das Vorhaben. Die Beweggründe waren klar: Es ging um einen Vergeltungsschlag, der die Stimmung der Bevölkerung und der Truppen heben sollte. Es ging darum, das Bild vom bereits entschiedenen Krieg zu erschüttern.

Und es ging darum, der Außenwelt zu zeigen, dass die Sowjetunion die Fähigkeit behielt, tief in feindliches Gebiet vorzustoßen. Alle drei Motive zielten weniger auf materielle Zerstörung als auf Symbolik, Wahrnehmung und Willen. Die Planung stand unter strengster Geheimhaltung. Als Ausgangsbasis wählte man den Flugplatz Kagul auf der Insel Saaremaa, weil er weit genug im Westen lag.

Am 6. August führte man einen Aufklärungs- und Erprobungsflug durch. Die entscheidende Beschränkung war die Entfernung: Von Saaremaa bis Berlin lagen etwa 900 Kilometer in eine Richtung, was für die eingesetzten Maschinen an der äußersten Grenze des Möglichen lag. Um genug Treibstoff für Hin- und Rückflug mitzuführen, musste die Bombenlast stark reduziert werden.

Eine Maschine, die theoretisch eine Tonne oder mehr hätte tragen können, flog nach Berlin oft nur mit einem Bruchteil dieser Menge. Die eingesetzten Bomber vom Typ DB-3 und ihre Weiterentwicklung DB-3F, später als Il-4 bezeichnet, waren zuverlässige, aber keineswegs für strategische Angriffe über solche Distanzen ausgelegte Flugzeuge. Für spätere Einsätze zog man auch schwere viermotorige Maschinen der Typen TB-7, später Pe-8, sowie die zweimotorige Jer-2 heran, um die geringe Nutzlast der Standardbomber auszugleichen. Doch auch dieser Versuch stieß rasch an Grenzen, denn die schweren Maschinen waren nur in geringer Zahl verfügbar, technisch noch nicht ausgereift und selbst anfällig für Ausfälle auf den langen Strecken.

Ein Einsatz dieser Typen in der Nacht vom 10. auf den 11. August endete mit erheblichen Schwierigkeiten und Verlusten. Die Vorbereitung jedes einzelnen Fluges war ein aufwendiges Werk.

Die Maschinen mussten sorgfältig gewartet, die Treibstoffvorräte genau berechnet und die Startbahnen des behelfsmäßig ausgebauten Feldflugplatzes instand gehalten werden. Jeder Fehler in der Kalkulation konnte bedeuten, dass eine Besatzung auf dem Rückweg über der Ostsee ohne Treibstoff blieb. Die Männer wussten, dass sie in einer Maschine flogen, deren Grenzen sie bei jedem Einsatz aufs Neue ausreizten, und dass zwischen einem erfolgreichen Rückflug und einem Verlust oft nur wenige Minuten Flugzeit lagen. Die taktischen Entscheidungen folgten unmittelbar aus diesen technischen Grenzen.

Man flog bei Nacht, um der Flugabwehr und den Jägern des Gegners zu entgehen. Die Flughöhe wählte man so, dass sie zugleich Treibstoff sparte und die Maschinen weniger auffällig machte. Das zwang die Besatzungen in große Höhen, in denen Kälte, Vereisung und Sauerstoffmangel zu ständigen Gefahren wurden. In Höhen von mehreren tausend Metern froren Instrumente und Tragflächen, und ohne ausreichende Sauerstoffversorgung drohten die Männer die Besinnung zu verlieren.

Die Navigation musste unter Bedingungen unzureichender Ausrüstung gelingen. Man arbeitete überwiegend mit Koppelnavigation, also mit der laufenden Berechnung von Kurs, Geschwindigkeit und Zeit, ergänzt durch das Erkennen von Geländemarken und in manchen Fällen durch die Orientierung an den Sternen. Gerade hier zahlte sich aus, dass die Torpedoflieger der Marine gewohnt waren, über offener See ohne feste Bezugspunkte zu fliegen und ihre Position allein aus Berechnung und Erfahrung zu bestimmen. Diese Schule machte die Männer des 1.

Minen-Torpedo-Fliegerregiments zu einer der wenigen Gruppen, denen man eine solche Aufgabe überhaupt zutrauen konnte. Man muss sich die körperliche Belastung eines solchen Fluges vor Augen führen: Über viele Stunden saßen die Besatzungen in engen, ungeheizten Rümpfen, umgeben von Motorenlärm, in einer Kälte, die weit unter dem Gefrierpunkt lag. Die Atemmasken und die Sauerstoffversorgung waren unbequem und störanfällig. Schon eine kleine Unaufmerksamkeit konnte zu gefährlicher Benommenheit führen.

Jede Vereisung der Tragflächen veränderte das Flugverhalten und zwang die Piloten zu ständiger Wachsamkeit. Die Navigatoren mussten im Halbdunkel ihre Berechnungen anstellen, Karten lesen und den Kurs korrigieren, während unter ihnen feindliches oder zumindest unübersichtliches Gelände vorüberzog. Der Weg führte über die Ostsee, wo es kaum feste Bezugspunkte gab, dann über die Küste und schließlich über das dicht besiedelte Kernland des Gegners, in dem jede Ortschaft eine Verteidigung bergen konnte. Der erste Angriff erfolgte in der Nacht vom 7.

auf den 8. August. Eine Gruppe von fünf Maschinen unter Oberst Jewgeni Preobraschenski startete von Kagul, nahm Kurs über die Ostsee und näherte sich der deutschen Hauptstadt aus einer Richtung, mit der die Verteidiger nicht rechneten. Über dem Ziel kam den Angreifern zunächst das Überraschungsmoment zugute.

Die Flugabwehr Berlins war auf einen Angriff aus dem Osten nicht eingestellt, und in den ersten Minuten arbeiteten Scheinwerfer und Flakbatterien noch ungeordnet. Ein Teil der Besatzungen erreichte den Luftraum über der Stadt und warf seine Bomben ab. Die Wirkung beschränkte sich im Wesentlichen auf Randbezirke und Vororte, denn die geringe Last und die Nachtbedingungen ließen kein genaues Treffen bedeutender Ziele im Zentrum zu. Entscheidend war, dass die gesamte Gruppe des ersten Fluges ohne Verluste zurückkehrte.

Die Meldung, dass sowjetische Flugzeuge Berlin erreicht und angegriffen hätten, wurde über Funk übermittelt und in der Führung mit großer Erleichterung aufgenommen, denn sie bewies, dass das Unternehmen technisch möglich war. Doch was beim ersten Mal durch Überraschung gelang, wurde bei den folgenden Einsätzen bis Anfang September zunehmend schwerer. Die deutsche Seite reagierte rasch. Die Flugabwehr der Hauptstadt wurde in erhöhte Bereitschaft versetzt.

Scheinwerfer und Batterien wurden auf die neue Bedrohungsrichtung ausgerichtet, und Nachtjäger begannen, die Anflugwege zu überwachen. Mit jeder weiteren Nacht stiegen die Verluste. Zu den Gefahren durch den Gegner kamen technische Ausfälle, denn die Maschinen wurden an der äußersten Grenze ihrer Belastbarkeit betrieben. Motoren fielen aus, Treibstoff wurde knapp, und immer wieder mussten Besatzungen auf Ausweichziele umschwenken, wenn Berlin nicht erreichbar war.

In solchen Fällen wurden Städte wie Königsberg und andere Ziele im deutschen Hinterland angegriffen. Über den gesamten Zeitraum der Operation summierten sich etwa 86 Flugzeugeinsätze. Von diesen erreichten nach den vorliegenden Angaben ungefähr 33 bis 50 Maschinen tatsächlich den Raum Berlin, und insgesamt wurden etwa 36 Tonnen Bomben abgeworfen. Diese Zahlen zeigen, wie schmal der militärische Ertrag im Verhältnis zum Aufwand blieb.

Mit jedem Einsatz veränderte sich das Verhältnis zwischen Anstrengung und Wirkung zu Ungunsten der Angreifer. Wo im ersten Fall alle Maschinen zurückgekehrt waren, kehrten nun immer wieder einzelne nicht zurück, sei es durch feindliches Feuer, durch Absturz nach technischem Versagen oder durch das Aufbrauchen des Treibstoffs über See. Die Männer flogen dennoch weiter, Nacht für Nacht, solange die Basis auf der Insel gehalten werden konnte. Auf der taktischen Ebene lässt sich recht genau sagen, warum das Unternehmen gerade beim ersten Mal gelang und warum ein anhaltender wirkungsvoller Angriff nicht möglich war.

Die hohe Ausbildung einzelner Besatzungen ermöglichte es, eine außerordentlich anspruchsvolle Aufgabe unter widrigsten Bedingungen zu bewältigen, und der Überraschungseffekt sicherte dem ersten Flug seinen Erfolg. Zugleich standen dem dauerhaften Erfolg unüberwindliche Hindernisse entgegen: die geringe Nutzlast begrenzte die Wirkung jeder einzelnen Maschine, das Fehlen jeder Begleitung durch Jäger machte die Bomber auf den langen Strecken verwundbar, und die unvollkommene Navigation sowie die schwache Zielmarkierung bei Nacht schlossen eine massierte präzise Wirkung von vornherein aus. Hinzu kam die exponierte Lage der Basis. Der Flugplatz auf Saaremaa lag nahe an der vorrückenden Front und war schwer zu verteidigen.

Als die deutsche Führung die Herkunft der Angriffe erkannte, richtete sich ihr Gegenschlag folgerichtig gegen die Inseln, und die Basis auf Saaremaa ging bereits im September verloren. Damit endete die kurze Phase, in der von hier aus Berlin überhaupt erreichbar gewesen war. Nun stellt sich die Aufgabe, ehrlich zu bilanzieren, was die Operation gekostet und was sie tatsächlich bewirkt hat. Der materielle Schaden, den Berlin durch diese Angriffe erlitt, war gering.

Es handelte sich im Wesentlichen um Brände in Randgebieten, um Dutzende von Brandbomben und um abgeworfene Flugblätter, nicht um die Zerstörung wichtiger Anlagen im Kern der Stadt. Die deutsche Reaktion durchlief mehrere Stufen. Zunächst herrschte Verwirrung, und die Führung versuchte, die Angriffe britischen Flugzeugen zuzuschreiben, weil man einen sowjetischen Vorstoß aus dieser Richtung für kaum möglich hielt. Als sich der Ursprung nicht mehr leugnen ließ, ordnete Hitler an, die Stützpunkte auf den Inseln zu beseitigen, und die Luftwaffe führte einen Gegenschlag gegen Kagul und die umliegenden Anlagen.

Der Sachschaden in Berlin blieb klein, doch der psychologische Einschlag beim Gegner, der sich vermeintlich unangreifbar gewähnt hatte, war für einige Tage beträchtlich. Auf der sowjetischen Seite stand von Anfang an die propagandistische Verwertung im Vordergrund. Der Angriff wurde öffentlich hervorgehoben. Mehrere Besatzungsangehörige wurden ausgezeichnet, und Oberst Preobraschenski sowie weiteren Beteiligten wurde der Titel „Held der Sowjetunion“ verliehen.

Für Angriffe auf die feindliche Hauptstadt wurden zudem Geldprämien ausgesetzt, was den außergewöhnlichen Stellenwert dieser Einsätze unterstrich. Der Wert dieser Maßnahmen lag weniger im materiellen Bereich als in der Wirkung auf die Stimmung im Inneren. Nach Wochen der Rückzüge und der schlechten Nachrichten bot die Nachricht, dass sowjetische Flugzeuge über Berlin gewesen waren, einen greifbaren Beweis dafür, dass der Staat noch handlungsfähig war und dass der Krieg nicht so eindeutig verloren war, wie die feindliche Propaganda behauptete. Genau dieser innere Effekt war der eigentliche Zweck des Unternehmens, und in diesem begrenzten Sinne erfüllte es seine Aufgabe.

Auch international fand die Operation Widerhall. In der westlichen Presse wurde über die Angriffe berichtet, und die Meldungen trugen dazu bei, das Bild einer Sowjetunion zu festigen, die trotz schwerster Verluste weiterkämpfte und sogar in der Lage war, die Hauptstadt des Gegners anzugreifen. Für ein Land, das dringend auf Unterstützung und Anerkennung durch mögliche Verbündete angewiesen war, hatte diese Wahrnehmung einen eigenständigen Wert. Sie stärkte die Überzeugung, dass ein Bündnis mit der Sowjetunion nicht auf einen bereits verlorenen Partner setzte.

Eine ehrliche militärische Bewertung muss jedoch die Kosten neben die Wirkung stellen. Über den gesamten Zeitraum gingen etwa 17 Maschinen verloren, und rund 70 Flieger kamen ums Leben. Bei diesen Männern handelte es sich nicht um durchschnittliche Besatzungen, sondern um besonders erfahrene, aufwendig ausgebildete Elitemannschaften, deren Verlust sich nicht rasch ersetzen ließ. Man muss diese Bilanz vor dem Hintergrund des allgemeinen Mangels betrachten.

In einer Phase, in der jede einsatzfähige Maschine und jede erfahrene Besatzung an den entscheidenden Frontabschnitten dringend gebraucht wurde, band die Operation Ressourcen, die anderswo einen unmittelbaren militärischen Nutzen hätten stiften können. Dies führt zu einer grundsätzlichen Beobachtung über die sowjetische Vorstellung vom Luftkrieg in jener Zeit. Die Fernfliegerei war weder in ihrer Ausrüstung noch in ihrer Doktrin auf strategische Bombardierungen nach dem Muster ausgelegt, das später von den westlichen Alliierten in großem Stil betrieben wurde. Ihre eigentliche Aufgabe lag in der taktischen Unterstützung der Landstreitkräfte, und für diese Rolle waren die begrenzten Kräfte im Sommer und Herbst weit dringender erforderlich als für symbolische Fernangriffe.

Man kann diese Rechnung noch schärfer fassen: Jede der etwa 17 verlorenen Maschinen und jede der rund 70 gefallenen Besatzungen hätte an der Front unmittelbar gebraucht werden können, um vorrückende Panzerverbände zu stören, Nachschubwege zu treffen oder den bedrängten eigenen Truppen Luft zu verschaffen. Der Vergleich fällt schonungslos aus, wenn man den geringen Sachschaden in Berlin neben den Verlust so erfahrener Männer stellt. Und doch wäre es zu einfach, die Entscheidung allein an dieser Rechnung zu messen, denn sie berücksichtigt nur die materielle Seite und lässt jene politische und moralische Dimension außer Acht, die für die Führung im Vordergrund stand. Genau in dieser Spannung zwischen nüchterner militärischer Logik und dem Bedürfnis nach einem sichtbaren Zeichen liegt der eigentliche Charakter des Unternehmens.

Es war kein Fehler im Sinne eines Versehens, sondern eine bewusste Entscheidung, in der das Symbolische über das Materielle gestellt wurde. Ordnet man das Unternehmen schließlich in den größeren Zusammenhang ein, so bleibt festzuhalten, dass es den Verlauf jenes Feldzugs nicht veränderte. Die Angriffe auf Berlin waren ein einzelnes, zeitlich eng begrenztes Ereignis, das mit dem Verlust der Basis auf Saaremaa im September endete. Die Stabilisierung der Lage vor Moskau erfolgte erst später und aus ganz anderen Gründen.

Sie beruhte auf der Zähigkeit der sowjetischen Verteidigung, auf dem Einbruch des Winters, auf der Erschöpfung der deutschen Angriffsverbände nach monatelangen Kämpfen und schließlich auf der Gegenoffensive vom Dezember, die dem Vormarsch der Wehrmacht ein vorläufiges Ende setzte. Die Bombardierung Berlins gehörte zu keinem dieser entscheidenden Faktoren. Sie veranschaulicht vielmehr etwas anderes: den Vorrang, den die politische und symbolische Dimension in der Führung der Verteidigung während der kritischsten Periode des Krieges erhielt. In einem Augenblick, in dem der Staat um sein Überleben kämpfte, war die sichtbare Fähigkeit zum Gegenschlag mehr wert als die kühle Rechnung über Bomben und Ziele.

Ziehen wir das Fazit: Die Bombardierungen Berlins durch die sowjetische Fliegerei im August und September 1941 zählten zu den ersten sichtbaren Vergeltungsschlägen gegen das Gebiet des Gegners nach dem Beginn des Krieges, der vom nationalsozialistischen Deutschland ausgelöst worden war. Sie verlangten von den Besatzungen erheblichen Mut und großes Können, denn diese Männer handelten am äußersten Rand dessen, was Technik und Navigation der damaligen Zeit erlaubten. Der materielle Ertrag blieb dennoch äußerst gering. Einige Dutzend Tonnen Bomben gegen die Hauptstadt des Reiches konnten den Gang der Kämpfe an der Front nicht beeinflussen, und keine dieser Nächte veränderte das militärische Kräfteverhältnis.

Das eigentliche Ergebnis der Operation lag auf einer anderen Ebene, auf der politischen und der psychologischen. Sie erlaubte es der sowjetischen Führung, die Fähigkeit zum Schlag tief in feindliches Gebiet vorzuführen, die propagandistischen Behauptungen von der vollständigen Vernichtung der sowjetischen Luftwaffe zu widerlegen und den Widerstandswillen unter dem Eindruck der schweren Niederlagen von Sommer und Herbst zu stützen. In diesem Sinne fügte sich Stalins Entscheidung in die Logik eines totalen Krieges ein, in dem Fragen des Ansehens, der Stimmung der Bevölkerung und der Verfassung der Armee ein eigenständiges Gewicht erhielten. Zugleich führte die Operation die Grenzen der sowjetischen Fernfliegerei jener Zeit unmissverständlich vor Augen.

Die unzureichende Reichweite und Nutzlast der Maschinen, die Schwäche der Navigationsausrüstung und die hohe Verwundbarkeit bei langen Flügen ohne jede Begleitung traten offen zutage. Der Preis an Menschenleben und an Material war spürbar, gerade angesichts des akuten Bedarfs an Fliegerkräften an den entscheidenden Abschnitten der Front. Am Ende wurden die Wendepunkte jener Zeit, die bis in das Jahr 1942 hineinreichte, nicht durch diese Flüge bestimmt, sondern durch die Standhaftigkeit der sowjetischen Truppen in der Verteidigung, durch die Fähigkeit der Führung, Gegenoffensiven zu organisieren, und durch die Verschiebung des allgemeinen Kräfteverhältnisses.

So bleiben die Angriffe auf Berlin in der Geschichte als eine kühne, aber teure symbolische Geste in der schwersten Zeit des Krieges.