Im Dezember des Jahres 1944 stand Generalfeldmarschall Walter Model in einem Gefechtsstand in der verschneiten Eifel und beugte sich über eine Karte der Ardennen. Draußen rollten unter dem Schutz dichter Wolken die letzten einsatzfähigen Panzerverbände der Wehrmacht an ihre Ausgangspositionen. Funkstille war befohlen, ganze Divisionen rückten nachts und ohne Licht vor. Die Vorbereitung auf das letzte große Offensivunternehmen des Deutschen Reiches im Westen lief auf ihren Höhepunkt zu.

Zur gleichen Zeit, viele hundert Kilometer weiter östlich an der Weichsel, formierte sich die Rote Armee zu einem Schlag, der nur wenige Wochen später über die Stellungen der Wehrmacht hereinbrechen und bis tief nach Schlesien vorstoßen sollte. Model galt in diesem Moment als der erfahrenste Krisenkommandeur, über den Hitler noch verfügte. In der Truppe und in der Propaganda trug er einen Spitznamen, der seine Rolle auf den Punkt brachte: Er war Hitlers Feuerwehrmann. Überall dort, wo die Front zu brechen drohte, wurde Model herangeholt, und immer wieder gelang es ihm mit Resten, Reserven und improvisierten Verbänden, noch einmal eine Linie zu halten.
Doch dieser Ruf durfte nicht über das Wesentliche hinwegtäuschen. Model war kein unpolitischer Fachmann, der nur seine Pflicht tat. Er war ein überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus, persönlich loyal gegenüber Hitler, und genau dieses Vertrauen machte ihn für das Regime so wertvoll. Seine Heeresgruppen kämpften im Osten in einem Vernichtungskrieg, in dem Kriegsgefangene zu Hunderttausenden starben, die Zivilbevölkerung ausgeplündert wurde und die Wehrmacht den Massenmord hinter der Front mitermöglichte.
Die taktische Begabung Models und die Verbrechen des Krieges, dem sie diente, gehörten zur selben Geschichte und ließen sich nicht voneinander trennen. Daraus ergab sich die Frage, die diesen Weg bestimmte. Konnte ein einzelner Befehlshaber, so entschlossen und erfahren er auch sein mochte, zugleich zwei riesige Heere aufhalten, die von Osten und Westen heranrollten? Und wenn nicht, was sagte es über die Wehrmacht aus, dass ein Mann wie Model immer wieder örtliche Erfolge erzwang, während die Sache, der er diente, längst verloren und zudem zutiefst verbrecherisch war?
Um zu verstehen, warum gerade Model in diesem aussichtslosen Zweifrontenkampf zur letzten Hoffnung der Heeresleitung erklärt wurde, musste man einige Monate zurückgehen. Man musste an die Orte zurückkehren, an denen er noch einmal vorführte, wie man selbst bei erdrückender Überlegenheit des Gegners Zeit gewinnen, kampffähige Verbände retten und dem Feind empfindliche Verluste zufügen konnte. Denn nur vor diesem Hintergrund ließ sich begreifen, wie tief der Riss zwischen handwerklichem Können und strategischem wie moralischem Bankrott in den letzten Kriegsjahren verlief. Die Geschichte dieses Zweifrontenkampfes begann nicht in den Ardennen, sondern im hohen Norden der Ostfront im Winter desselben Jahres.
Im Januar übernahm Model das Kommando über die Heeresgruppe Nord, und er übernahm sie in einem Zustand, der dem Zusammenbruch nahe kam. Die Rote Armee hatte mit der Leningrad-Nowgorod-Operation die jahrelange Belagerung Leningrads gesprengt. Eine Belagerung, die im Verlauf von beinahe neunhundert Tagen mehr als eine Million Menschen das Leben gekostet hatte, die meisten von ihnen Zivilisten, verhungert in einer planmäßig ausgehungerten Stadt. Diese Hungerblockade der Wehrmacht war eines der größten Verbrechen des gesamten Krieges, und sie war der Boden, auf dem Model nun seine Verteidigungskunst entfaltete.
Die Front der Wehrmacht war an mehreren Stellen aufgerissen. Verbände hatten den Zusammenhalt verloren, die Verluste an Mensch und Material waren hoch, und die Moral vieler Einheiten war erschüttert. Model reagierte mit jenem Prinzip, das untrennbar mit seinem Namen verbunden blieb: Schild und Schwert. Der Schild bedeutete, Gelände nicht um jeden Preis zu halten, sondern dort, wo es taktisch sinnvoll war, vorübergehend zurückzuweichen, um die eigene Linie zu verkürzen und Kräfte freizumachen.
Das Schwert bedeutete den sofortigen scharfen Gegenstoß, sobald genügend Reserven gesammelt waren, um den nachdrängenden Gegner zu treffen, ehe er sich festsetzen konnte. Dieses Wechselspiel aus elastischem Ausweichen und entschlossenem Zurückschlagen war kein starres Schema, sondern eine Haltung, die er der gesamten Führung aufzwang. Wo andere Kommandeure unter Hitlers Haltebefehlen ganze Verbände in aussichtslosen Stellungen verbluten ließen, suchte Model den beweglichen Kampf, auch wenn er dafür mit dem Führerhauptquartier in Konflikt geriet. Konkret zeigte sich diese Methode an Brennpunkten wie dem Raum um Narva und in den Abschnitten, in denen Korps wie das 66.
Armeekorps schwer bedrängt wurden. Model und seine Stäbe fügten aus den Resten zerschlagener Divisionen immer wieder Kampfgruppen zusammen, oft benannt nach ihrem Führer, ausgestattet mit dem, was gerade verfügbar war: eine Handvoll Panzer, einige Sturmgeschütze, versprengte Grenadiere, Pioniere und Artillerie. Mit solchen behelfsmäßigen Verbänden führte er örtliche Gegenstöße, die das sowjetische Vorgehen verzögerten und es den Hauptkräften der Wehrmacht erlaubten, sich geordnet abzusetzen, statt in der Auflösung zu zerfallen. Wer fragte, warum das überhaupt funktionierte, stieß auf mehrere Faktoren.
Die Aufklärung lieferte oft präzise Lagebilder. Die Artillerie wurde zentral und flexibel zusammengefasst, sodass an einem Schwerpunkt rasch Feuer konzentriert werden konnte. Vor allem aber trug die Führungskultur der Auftragstaktik dazu bei. Untere Führer bis hinab zu Unteroffizieren erhielten ein Ziel, aber nicht jeden Schritt vorgeschrieben, und konnten daher in der raschen Lage selbständig handeln, wo ein starr geführter Gegner erst auf Befehle warten musste.
Im Raum von Narva ballte sich diese Art der Kriegführung in besonderer Schärfe zusammen. Die schmale Landenge zwischen der Ostsee und dem Peipussee zwang beide Seiten dazu, ihre Kräfte auf engem Raum zu verdichten, und so entstanden über Monate hinweg Stellungskämpfe von außerordentlicher Härte. Die Verbände der Wehrmacht, darunter Einheiten verschiedener Nationen in den Reihen der Waffen-SS, gruben sich in ein Geflecht aus Gräben, Bunkern und Sumpfstellungen ein, das die sowjetischen Angreifer immer wieder zum Stehen brachte. Model nutzte die natürlichen Hindernisse des Geländes, lenkte seine knappen Reserven mit großer Genauigkeit an die jeweils bedrohten Punkte und ließ verlorene Gräben in sofortigen Gegenstößen zurückerobern, ehe der Gegner sie ausbauen konnte.
Dass dieser Abschnitt monatelang hielt, lag weniger an zahlenmäßiger Stärke als an dieser unablässigen zähen Reaktionsfähigkeit, die den Verteidigern jedoch ebenso schwere Verluste abverlangte wie den Angreifern. Das geordnete Zurücknehmen der Front auf die rückwärtige Pantherstellung war dabei keine schlichte Flucht, sondern eine sorgfältig vorbereitete Operation. Model ließ die neue Linie im Hinterland ausbauen, regelte die Reihenfolge des Absetzens, sicherte die Marschstraßen mit Nachhuten ab und täuschte den Gegner über den Zeitpunkt des Rückzugs, sodass die Hauptkräfte sich lösen konnten, ehe die sowjetische Führung nachstieß. Aus militärischer Sicht war es ein Lehrstück geordneter Rückzugsführung, das einen großen Teil der Heeresgruppe vor der Vernichtung bewahrte.
Doch gerade die Sorgfalt dieser Planung warf ein Licht auf die Doppelnatur des ganzen Unternehmens, denn dieselbe Energie, die das Leben der Soldaten rettete, diente zugleich der Verlängerung eines Krieges, der für die Bevölkerung der besetzten Gebiete nichts als weiteres Leid bedeutete. Dieselbe Beweglichkeit hatte eine dunkle Kehrseite, die in heroischen Erzählungen meist verschwiegen wurde. Das geordnete Ausweichen auf die rückwärtige Pantherstellung, das Model unter dem Deckmantel aggressiver Durchhalteparolen gegen Hitlers Widerstand durchsetzte, war militärisch geschickt und rettete einen erheblichen Teil der Mannschaften und der schweren Waffen. Es ging jedoch einher mit der Politik der verbrannten Erde.
Beim Rückzug wurden Dörfer niedergebrannt, Vorräte vernichtet, Infrastruktur zerstört und Teile der Bevölkerung verschleppt, um dem nachrückenden Gegner ein verwüstetes Land zu hinterlassen. Was in der Sprache der Stäbe als Gewinn von Zeit erschien, bedeutete für die Menschen vor Ort Obdachlosigkeit, Hunger und Tod in einem ohnehin schon ausgebluteten Kriegswinter. Die Rettung von Divisionen der Wehrmacht und das Leiden der Zivilbevölkerung waren zwei Seiten derselben Operation. Im Sommer folgte der nächste Einsatz, und er war noch dramatischer.
Ende Juni hatte die Rote Armee mit der Operation Bagration die gesamte Heeresgruppe Mitte zerschlagen. Eine Katastrophe, die in ihrem Ausmaß die Verluste der Wehrmacht von Stalingrad noch übertraf und in deren Verlauf mehrere hunderttausend Soldaten der Wehrmacht fielen, verwundet wurden oder in Gefangenschaft gerieten. Model wurde am 28. Juni blitzartig nach Mitte versetzt, um zu retten, was noch zu retten war.
Er fand eine Heeresgruppe vor, die kaum mehr existierte. Ganze Armeen waren aufgelöst, ein klaffendes Loch von mehreren hundert Kilometern Breite klaffte in der Front, durch das die sowjetischen Verbände nach Westen strömten. In den folgenden Wochen sammelte er versprengte Einheiten, schob herangeführte Reserven in die Lücken und baute östlich von Warschau Stück für Stück wieder eine zusammenhängende Front auf. Um das Ausmaß der Katastrophe zu begreifen, musste man sich vor Augen führen, dass die Operation Bagration in wenigen Wochen eine ganze Heeresgruppe von rund dreißig Divisionen auslöschte und die Front um mehrere hundert Kilometer nach Westen verschob.
Ganze Korps wurden eingekesselt und zur Aufgabe gezwungen. Kommandeure gerieten in Gefangenschaft oder fielen, und die Reste fluteten in Auflösung nach Westen. In dieses Chaos hinein wurde Model gestellt, und seine Aufgabe bestand zunächst nicht im Gegenangriff, sondern im bloßen Wiederherstellen eines Mindestmaßes an Ordnung. Er richtete Auffanglinien ein, an denen Versprengte gesammelt und sofort neuen Verbänden zugeteilt wurden.
Er ließ Bahnknoten und Straßenkreuzungen sichern und warf die wenigen herangeführten Panzer- und Infanteriedivisionen so gestaffelt in die Lücken, dass der sowjetische Vormarsch sich an immer neuen, wenn auch dünnen Riegeln festlief. Es war Improvisation im größten Maßstab, getragen von der Fähigkeit der Stäbe der Wehrmacht, aus dem Nichts wieder Strukturen zu schaffen. Den sichtbarsten örtlichen Erfolg erzielte er Anfang August bei Radzymin nahe Warschau, wo Panzerverbände der Wehrmacht dem vorgeprellten sowjetischen Dritten Panzerkorps eine schwere Niederlage beibrachten und dessen Spitzen abschnitten. Dieser Gegenschlag zeigte noch einmal die ganze Klaviatur seiner Methode: das Erkennen des überdehnten gegnerischen Schwerpunkts, das rasche Zusammenfassen der eigenen Panzer, der konzentrierte Stoß in die Flanke.
Zugleich fiel dieser Erfolg in dieselben Tage, in denen jenseits der Weichsel der Warschauer Aufstand begann und von SS- und Polizeiverbänden mit unvorstellbarer Brutalität niedergeschlagen wurde, während die Front der Wehrmacht diesseits des Flusses stand. Auch hier lagen militärisches Können und das Verbrechen des Regimes räumlich und zeitlich dicht beieinander. Models persönlicher Führungsstil verstärkte die Wirkung seiner Methode. Er war fast ständig an der Front präsent, tauchte unangekündigt bei den Gefechtsständen vorderer Verbände auf, kannte viele seiner Kommandeure mit Namen und Verband und verband schroffe Härte mit der Fähigkeit, erschöpfte Truppen noch einmal zum Äußersten anzutreiben.
Diese Mischung aus Nähe und Unerbittlichkeit machte ihn bei einem Teil der Soldaten geachtet und bei einem anderen gefürchtet. Für seine Leistungen im Osten erhielt er das Ritterkreuz mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten, eine der höchsten Auszeichnungen des Reiches, die nur an eine kleine Zahl von Soldaten verliehen wurde. Doch jede dieser Auszeichnungen war zugleich eine Anerkennung dafür, dass er den verbrecherischen Krieg verlängerte und damit das Leiden auf allen Seiten in die Länge zog. Während Model im Osten ein weiteres Mal sein Können bewies, wurde die Lage im Westen kritisch.
Im August rief Hitler seinen Feuerwehrmann erneut, diesmal nach Frankreich. Als Model im August den Oberbefehl über die Heeresgruppe B und zeitweise zugleich die Aufgaben des Oberbefehlshabers West übernahm, befand sich die Front im Westen in voller Auflösung. Nach der alliierten Landung in der Normandie war die Abwehr der Wehrmacht unter dem Gewicht von Material, Luftherrschaft und Nachschub der Westmächte zusammengebrochen. Im Kessel von Falaise drohte der größte Teil zweier Armeen vernichtet zu werden, eingeschlossen zwischen anrückenden amerikanischen, britischen, kanadischen und polnischen Verbänden.
Model traf in dem Moment ein, in dem nur noch zu retten war, was sich schnell genug bewegte. Mit der ihm eigenen Energie organisierte er den Durchbruch und den Abzug über die Seine, und es gelang ihm, einen beträchtlichen Teil der eingeschlossenen Kräfte, darunter Reste der Siebten Armee und der Panzergruppe Eberbach, dem endgültigen Untergang zu entziehen. Allerdings entkamen die Männer meist nur als ausgeblutete Verbände ohne ihre schweren Waffen, ihre Panzer und ihre Fahrzeuge, die zu Tausenden zerstört oder zurückgelassen in der Normandie verblieben. Den reinsten und zugleich folgenreichsten Abwehrerfolg dieser Wochen erzielte Model im September gegen die alliierte Luftlandeoperation Market Garden.
Der Plan der Westmächte sah vor, mit einem kühnen Stoß über eine Kette von Brücken in den Niederlanden bis über den Rhein bei Arnheim vorzustoßen und so den Krieg womöglich noch vor Jahresende zu entscheiden. Das Schicksal wollte es, dass ausgerechnet das Zweite SS-Panzerkorps in der Nähe von Arnheim zur Auffrischung lag, als die britische Erste Luftlandedivision dort absprang. Model erkannte die Gefahr rasch und reagierte mit großer Entschlossenheit. Die SS-Panzerverbände wurden umgehend gegen die nur leicht bewaffneten Fallschirmjäger geworfen.
Die Brücke bei Arnheim blieb in der Hand der Verteidiger, und die britische Division wurde von ihren Verstärkungen abgeschnitten und nach Tagen erbitterten Häuserkampfes nahezu aufgerieben. Von rund zehntausend gelandeten britischen Soldaten kehrte nur ein Bruchteil zurück, der weitaus größere Teil fiel oder geriet in Gefangenschaft. Der Verlauf der Schlacht zeigte, wie schnell die Führung der Wehrmacht aus dem ersten Schrecken heraus die Lage in den Griff bekam. Die Luftlandung verteilte sich über einen langgestreckten Korridor von den südlichen Brücken bis hinauf nach Arnheim, und gerade die weit vorgeschobene britische Division am Nordende dieses Korridors war von Anfang an am verwundbarsten.
Während die bodengebundenen alliierten Verbände sich mühsam über eine einzige Straße nach Norden vorkämpften, immer wieder aufgehalten durch gesprengte Brücken und Sperren, schnürten die Verbände der Wehrmacht den Luftlanderaum bei Arnheim Stück für Stück ein. Die Briten konnten die große Rheinbrücke nur an ihrem Nordende und nur für kurze Zeit halten, ehe sie unter dem Druck der Panzer und der Artillerie zusammenbrachen. Tagelang kämpften eingeschlossene Fallschirmjäger in den Häusern am Fluss, ohne dass die ersehnte Entlastung den Korridor hinauf durchstoßen konnte, und am Ende blieb nur der Versuch, die Reste der Division über den Fluss zurückzuholen. Aus rein militärischer Sicht zählte diese Abwehrschlacht zu den geschlossensten taktischen Erfolgen der Wehrmacht in jenem Jahr, und es lohnte zu fragen, warum sie gelang.
Entscheidend war die rasche Lagebeurteilung, die zufällige, aber sofort genutzte Anwesenheit kampferprobter Panzerverbände, die Schnelligkeit, mit der die Kommandeure der Wehrmacht örtlich Kampfgruppen bildeten und an die Brennpunkte führten, sowie die strukturelle Schwäche der Luftlandetruppen, die ohne schwere Waffen und mit gestörtem Nachschub gegen Panzer kämpfen mussten. Doch auch hier war Vorsicht geboten gegenüber jeder reinen Heldengeschichte. Die Verbände, die diesen Erfolg errangen, waren Einheiten der Waffen-SS, jener Organisation, die im gesamten besetzten Europa für Massaker an Zivilisten und Gefangenen verantwortlich war. Der taktische Glanz von Arnheim und der verbrecherische Charakter genau dieser Truppe gehörten untrennbar zusammen.
Und die Erleichterung über den abgewehrten Stoß bedeutete für die niederländische Bevölkerung den Beginn eines Hungerwinters unter fortgesetzter Besatzung, in dem Zehntausende starben. Wenige Wochen nach Arnheim begann in den Führungsstäben die Planung jenes Unternehmens, das als Wacht am Rhein in die Geschichte eingehen sollte und das wir als Ardennenoffensive kennen. Hitler hatte den Entschluss gefasst, im Westen noch einmal in die Offensive zu gehen, um die Front zu zerreißen, und sein Ziel war weit gesteckt. Die Panzerverbände sollten durch die Ardennen stoßen, die Maas überschreiten und bis zum großen Nachschubhafen Antwerpen durchbrechen, um die britischen und kanadischen Verbände im Norden von den Amerikanern abzuschneiden.
Model und Generalfeldmarschall von Rundstedt hielten diesen Plan von Anfang an für überzogen. Beide erfahrenen Soldaten erkannten, dass die vorhandenen Kräfte, vor allem aber die Treibstoffvorräte, für ein so tiefes Ziel bei weitem nicht ausreichten. Model brachte einen begrenzteren Gegenentwurf ein, eine sogenannte kleine Lösung mit einem klaren Schwerpunkt in Richtung Lüttich, um die Erste amerikanische Armee in einer örtlichen Kesselschlacht einzuschließen, statt sich an dem fernen Ziel Antwerpen zu verausgaben. Über Models eigene Einschätzung des Hitlerplans ist ein Wort überliefert, das seine Skepsis auf den Punkt brachte.
Dieser Plan, so soll er gesagt haben, stehe auf keinem einzigen vernünftigen Bein. Es war eine bemerkenswerte Aussage, denn sie zeigte, dass der Befehlshaber, der die Offensive führen sollte, ihr strategisches Fundament für unhaltbar hielt. Und doch warf sich Model, als seine Einwände abgeschmettert wurden und Hitler an der großen Lösung festhielt, mit voller Kraft in die Ausführung. Genau an diesem Punkt lag eine der aufschlussreichsten Spannungen seiner Laufbahn.
Ein Mann, der den Befehl für falsch hielt, organisierte ihn dennoch mit höchster Energie und schickte damit Zehntausende in eine Schlacht, von deren Sinnlosigkeit er selbst überzeugt war. Es war jene Mischung aus Pflichtethos, persönlicher Loyalität zu Hitler und der Unfähigkeit oder dem Unwillen zum Widerspruch, die das Funktionieren der gesamten Kriegsmaschinerie bis zum bitteren Ende ermöglichte. Die Vorbereitung der Offensive war ein Meisterstück der Tarnung. Die letzten verfügbaren Panzerdivisionen wurden herangeführt, darunter die elitär ausgestatteten Verbände der Ersten und der Zwölften SS-Panzerdivision, und alles wurde auf Geheimhaltung ausgelegt.
Die Verbände marschierten nur bei Nacht. Funkverkehr wurde weitgehend eingestellt, Bewegungen unter dichten Wolken verborgen, und das schlechte Dezemberwetter wurde bewusst zum Verbündeten gemacht, weil es die überlegen alliierte Luftwaffe am Boden hielt. Hinzu kamen Täuschungsmaßnahmen bis hin zu Kommandos in erbeuteten amerikanischen Uniformen, die hinter der Front Verwirrung stiften sollten. Auch das Können der Truppe spielte eine Rolle: erfahrene Panzerbesatzungen, eingespielte Stäbe und Offiziere, die gewohnt waren, in der raschen Lage selbständig zu entscheiden.
All das wurde aufgeboten für ein Ziel, das die verantwortlichen Feldmarschälle für unerreichbar hielten. Als die Offensive am 16. Dezember im Morgengrauen losbrach, gelang in den ersten Tagen tatsächlich ein überraschender Anfangserfolg. Die Verbände der Wehrmacht durchbrachen an mehreren Stellen die dünn besetzte amerikanische Front in einem Abschnitt, den die Alliierten für ruhig gehalten hatten, überrannten unerfahrene oder zur Erholung dorthin verlegte Einheiten und stießen nach Westen in Richtung Maas vor.
An einigen Stellen erbeuteten sie dringend benötigten Treibstoff und Versorgungslager. Die Gründe für diesen anfänglichen Erfolg waren dieselben, die schon im Osten gewirkt hatten: die völlige Überraschung, die hohe Beweglichkeit der Panzerverbände, das Geschick der Besatzungen und die Eigeninitiative der unteren Führer selbst unter dem Druck des Mangels. Für kurze Zeit schien es, als könne die alte Wucht der Panzerwaffe der Wehrmacht noch einmal aufleben. Doch zugleich offenbarte dieselbe Offensive auch ihre dunkelste Seite.
In den ersten Tagen des Vorstoßes verübten Verbände der Waffen-SS, insbesondere aus der Kampfgruppe um den Offizier Joachim Peiper, Massaker an amerikanischen Kriegsgefangenen und an belgischen Zivilisten. Bei dem bekanntesten dieser Verbrechen wurden nahe Malmedy mehr als achtzig gefangene amerikanische Soldaten auf einem Feld zusammengetrieben und erschossen. Diese Morde waren keine Entgleisung einzelner, sondern Ausdruck einer Truppe und eines Krieges, in dem die Tötung von Wehrlosen zum Mittel geworden war. Der taktische Schwung der ersten Tage und diese Verbrechen geschahen im selben Vorstoß durch dieselben Verbände, und wer nur den militärischen Erfolg erzählte, verschwieg das halbe Geschehen.
Bastogne entwickelte sich dabei zum Sinnbild für das Scheitern des ganzen Unternehmens. Die kleine Stadt war ein Knotenpunkt, an dem mehrere wichtige Straßen zusammenliefen, und ohne ihre Beherrschung konnten die Verbände der Wehrmacht ihren Nachschub und ihre Verstärkungen nur unter größten Schwierigkeiten nach Westen führen. Die eingeschlossene amerikanische Besatzung lehnte die Aufforderung zur Übergabe ab und hielt die Stadt trotz Kälte, Munitionsmangel und ständiger Angriffe, bis die von Süden heranstoßende Dritte Armee den Ring durchbrach. Jeder Tag, den Bastogne hielt, kostete die Offensive einen Teil ihres ohnehin knappen Schwungs, und während die Panzerspitzen vor der Maas im Treibstoffmangel stecken blieben, verfestigte sich an den Flanken der amerikanische Widerstand.
Der Vormarsch kam rasch ins Stocken, und die Gründe dafür zeigten die ganze Hohlheit des Unternehmens. Im Zentrum klammerte sich die amerikanische 101. Luftlandedivision an den Verkehrsknotenpunkt Bastogne und hielt die eingeschlossene Stadt trotz aller Angriffe, sodass die Panzerspitzen den wichtigen Straßenknoten umgehen mussten und Zeit verloren. Der Treibstoff, dessen Mangel Model von Anfang an vorausgesehen hatte, wurde knapp, und manche Panzer blieben schlicht liegen, weil die Tanks leer waren und die erhofften Beutelager nicht ausreichten.
Als das Wetter um den 23. Dezember aufklärte, kehrte die alliierte Luftwaffe in voller Stärke zurück und zerschlug Kolonnen, Nachschub und Stellungen aus der Luft. Aus dem Süden führte General Patton seine Dritte Armee in einem bemerkenswert schnellen Schwenk heran und entsetzte Bastogne. Damit war die Offensive im Kern gescheitert.
So bündelte die Ardennenoffensive die ganze Tragik und Verlogenheit der Lage, in der sich das Reich am Ende dieses Jahres befand. Die Verbände der Wehrmacht bewiesen örtlich noch immer ein hohes taktisches Können. Ihre Panzerbesatzungen und Infanteristen kämpften mit Geschick und Härte, und für wenige Tage gelang ein Durchbruch, der die Alliierten erschreckte. Doch all dieses Können stieß an eine strategische Unmöglichkeit, die schon vor dem ersten Schuss feststand.
Es fehlte an Treibstoff, an Reserven, an Luftunterstützung, und der Gegner verfügte über ein Vielfaches an Material und Menschen. Die Offensive verbrauchte die letzten beweglichen Reserven des Reiches. Mehr als achtzigtausend Soldaten wurden getötet, verwundet oder gefangen genommen, und gerade die Panzerverbände, die im Osten so dringend gebraucht worden wären, lagen nun zerschlagen in den Wäldern der Ardennen. Model hatte einen Befehl, den er für falsch hielt, mit aller Kunst ausgeführt und damit nur den Zusammenbruch beschleunigt.
Mit dem Scheitern der Ardennenoffensive begann für Model und die Heeresgruppe B im Januar 1945 der lange Weg zurück hinter den Rhein. Die letzten beweglichen Reserven waren verbraucht, und nun musste verteidigt werden, was kaum noch zu verteidigen war. In den Monaten zuvor und während des Rückzugs zeigte sich an Orten wie dem Hürtgenwald und um die alte Kaiserstadt Aachen noch einmal die ganze Zähigkeit der Stellungsverteidigung. Im Hürtgenwald, einem dichten, schwer überschaubaren Waldgebiet, verwandelten die Verteidiger das Gelände in eine Falle aus Bunkern, Minenfeldern und sorgfältig angelegten Feuerstellungen und fügten den angreifenden amerikanischen Divisionen über Wochen schwerste Verluste zu.
Sie nutzten dabei die Anlagen des sogenannten Westwalls und die Methode der elastischen Verteidigung, bei der vorgeschobene Stellungen unter Druck aufgegeben und die Angreifer dann durch Gegenstöße aus der Tiefe getroffen wurden. Aachen selbst wurde im Oktober 1944 nach erbittertem Häuserkampf zur ersten größeren Stadt des Reiches, die in alliierte Hand fiel, und auch hier kostete jeder Häuserblock Zeit und Blut. Doch all diese Hartnäckigkeit verlängerte nur die Agonie eines bereits entschiedenen Krieges. Im März 1945 überschritten die Westalliierten den Rhein, nachdem ihnen bei Remagen unverhofft eine unzerstörte Brücke in die Hände gefallen war, und die Front im Westen begann sich endgültig aufzulösen.
Im April vollzogen die amerikanische Erste und Neunte Armee eine gewaltige Umfassung des Ruhrgebiets, des industriellen Herzens Deutschlands, und schlossen dort die Heeresgruppe B mit mehreren hunderttausend Soldaten in einem riesigen Kessel ein. Model, dessen ganzes militärisches Denken auf Beweglichkeit und Gegenschlag angelegt war, sah sich nun in der genau umgekehrten Lage, eingeschlossen, ohne Bewegungsfreiheit, ohne Nachschub. Er versuchte noch mit Verbänden wie dem 53. Armeekorps einen Gegenstoß nach Osten zu organisieren, um den Kessel aufzubrechen und den Anschluss an die übrige Front zu gewinnen.
Doch jeder solche Versuch zerschellte an der nüchternen Wirklichkeit. Es fehlte an Treibstoff, an Munition, an Luftunterstützung und an jeder Reserve, aus der heraus ein ernsthafter Stoß hätte geführt werden können. Der Ruhrkessel war in seinem Ausmaß einer der größten Einschließungen des gesamten Krieges. In dem dicht besiedelten Industriegebiet drängten sich die Reste der Heeresgruppe B mit ihrem schweren Gerät, eingeschlossen zwischen den von Norden und Süden zusammenlaufenden amerikanischen Armeen, während die Zivilbevölkerung in den Kellern der zerbombten Städte ausharrte.
Mit jedem Tag schrumpfte der Kessel. Die Munition reichte nur noch für Stunden des Gefechts. Der Treibstoff war längst aufgebraucht, und an einen geordneten Ausbruch war nicht mehr zu denken. Die Soldaten, die hier festsaßen, waren keine frischen Verbände mehr, sondern erschöpfte Reste, durchmischt mit hastig zusammengezogenen Einheiten aus älteren Jahrgängen und unzureichend ausgebildeten jungen Männern, denen man kaum noch eine sinnvolle Aufgabe stellen konnte.
In diesen Wochen wurde die Lage an den zwei Fronten zu einer Sache von Tagen und Stunden, nicht mehr von Strategie. Während im Ruhrgebiet die letzten Gefechte tobten, hatte die Rote Armee im Osten bereits die Oder überschritten und stand vor Berlin, das sie ab dem 16. April zu stürmen begann. Das Reich war zu diesem Zeitpunkt vollständig zerschnitten.
Die Verbände im Westen und im Osten waren voneinander isoliert, und es existierten keinerlei Reserven mehr, die irgendwo hätten eingreifen können. Die Frage, ob ein einzelner Befehlshaber zwei riesige Heere zugleich aufhalten könne, hatte sich damit endgültig und unwiderruflich beantwortet. Kein taktisches Können, keine Auftragstaktik, keine persönliche Präsenz an der Front konnte das Missverhältnis an Menschen, Material und Raum noch ausgleichen. Die Wehrmacht war nicht an einem Mangel an Tapferkeit oder Geschick gescheitert, sondern an einem Krieg, den das nationalsozialistische Deutschland gegen nahezu die gesamte industrialisierte Welt vom Zaun gebrochen hatte und der von Anfang an auf Eroberung und Vernichtung angelegt war.
Vor diesem Hintergrund traf Model im Ruhrkessel eine Reihe von Entscheidungen, die zu den menschlich aufschlussreichsten seines ganzen Lebens gehörten. Hitler hatte befohlen, jede Stadt und jede Stellung als Festung bis zum letzten Mann zu halten und im Untergang noch das eigene Land zu zerstören. Model jedoch weigerte sich, das Ruhrgebiet mit seinen Millionen Einwohnern in einen sinnlosen Trümmerkampf zu zwingen. Statt den Befehl zum Verbrennen der Industrieanlagen und zum Kampf bis zur völligen Vernichtung auszuführen, löste er am 15.
April die Heeresgruppe B kurzerhand auf. Er entließ die jüngsten und die ältesten Jahrgänge nach Hause und stellte es den übrigen Soldaten frei, sich zu ergeben oder auf eigene Faust durchzuschlagen. Es war ein Akt, der dem fanatischen Durchhaltebefehl des Regimes zuwiderlief und unzähligen Männern das Leben rettete, die sonst in den letzten Kriegstagen noch verheizt worden wären. Zugleich sollte man auch diesen Schritt nicht zur reinen Heldentat verklären, denn er kam für die Opfer von fast sechs Jahren Krieg unendlich spät, und derselbe Mann hatte diesen Krieg über Jahre mit großer Energie verlängert.
Models eigener Weg endete wenige Tage später. Für einen Generalfeldmarschall, der an einen preußischen Ehrbegriff glaubte, war der Gedanke an die Gefangenschaft unerträglich, und er sah sich zugleich in dem Wissen gefangen, einem verbrecherischen Regime bis zuletzt gedient zu haben. Am 21. April nahm sich Walter Model in einem Waldstück bei Duisburg das Leben.
Es war für ihn die letzte in seiner eigenen Logik konsequente militärische Entscheidung eines Mannes, für den die Kapitulation im Rang eines Feldmarschalls nicht in Frage kam. Sein Tod beendete eine Laufbahn, die das ganze Drama der Generalität der Wehrmacht in jenen Jahren spiegelte: hohe fachliche Begabung im Dienst einer Sache, die weder zu gewinnen noch zu rechtfertigen war. Am Ende blieb das Bild eines Mannes, an dem sich das Wesen dieses Krieges ablesen ließ. Walter Model war der letzte große Truppenführer, den das Deutsche Reich dem gleichzeitigen Ansturm von Osten und Westen entgegenstellen konnte.
Seine Methode, die Verbindung aus elastischer Verteidigung, präzisen Gegenschlägen, der Eigenständigkeit der unteren Führer durch die Auftragstaktik und der ständigen persönlichen Präsenz an der Front, erlaubte ihm selbst in den Jahren 1944 und 1945 noch örtliche Erfolge und fügte dem Gegner schwere Verluste zu. Die Abwehr bei Arnheim, die Anfangserfolge in den Ardennen und die Verteidigung im Westen zeigten, wozu die Truppen der Wehrmacht unter fähiger Führung technisch noch imstande waren. Doch dieselben Erfolge verlängerten einen aussichtslosen und verbrecherischen Krieg, kosteten unzählige Menschen auf allen Seiten das Leben und gingen einher mit verbrannten Erdresträumen, mit Massakern an Gefangenen und mit fortgesetzter Besatzung und Unterdrückung.
Der Krieg an zwei Fronten gegen eine Koalition mit erdrückender Überlegenheit an Rohstoffen, Menschen und Material ließ selbst dem begabtesten Feuerwehrmann keine Chance, und das war keine Frage des Könnens, sondern die unausweichliche Folge eines Angriffskrieges, den Deutschland selbst entfesselt hatte.