Im Herbst 1939 verschwand ein Land mit über 35 Millionen Menschen von der Landkarte – innerhalb weniger Wochen. Am 1. September überfiel die deutsche Wehrmacht Polen. Ich dachte, das Schlimmste…

Im Herbst jenes Jahres verschwand ein souveräner europäischer Staat von der Landkarte des Kontinents. Innerhalb weniger Wochen wurde die Zweite Polnische Republik, ein Land mit mehr als 35 Millionen Einwohnern, zwischen zwei totalitären Großmächten aufgeteilt, besetzt und schließlich ausgelöscht. Der deutsche Überfall am 1. September gilt in den meisten Geschichtsbüchern als Beginn des Zweiten Weltkriegs.

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Doch die vollständige Zerschlagung Polens war nicht das Werk einer einzigen Macht. Gut zwei Wochen nach dem deutschen Angriff, am frühen Morgen des 17. September, überschritten die Truppen der Roten Armee die östliche Grenze des bereits schwer bedrängten Landes. Dieser Schlag aus dem Osten, der in vielen Erzählungen lange übersehen oder bewusst verschwiegen wurde, besiegelte das Schicksal der polnischen Nation.

Um die Ereignisse jenes Herbstes zu verstehen, muss man weit zurückblicken. Aus dem Zusammenbruch der alten Imperien nach dem Ersten Weltkrieg war ein neues Polen entstanden, das nach mehr als hundert Jahren der Teilung seine Unabhängigkeit zurückerlangt hatte. Doch die Grenzen dieses jungen Staates blieben lange umkämpft. Im polnisch-sowjetischen Krieg rangen die junge Sowjetrepublik und die Zweite Polnische Republik um die weiten Gebiete zwischen Warschau und Kiew.

Der Friede von Riga im März 1921 legte eine Grenze fest, die große Teile der heutigen Westukraine und des westlichen Weißrusslands dem polnischen Staat zusprach. In Moskau jedoch wurde dieser Vertrag niemals als gerecht empfunden. Die bolschewistische Führung betrachtete die östlichen Woiwodschaften Polens als verlorene Gebiete, als eine offene Wunde, die eines Tages geschlossen werden müsse. In den späten Dreißigerjahren geriet die europäische Ordnung unwiderruflich ins Wanken.

Der Versuch, eine kollektive Sicherheit gegen die wachsende Aggression des nationalsozialistischen Deutschlands zu errichten, scheiterte an gegenseitigem Misstrauen. Das Münchner Abkommen vom September 1938, in dem Großbritannien und Frankreich der Zerschlagung der Tschechoslowakei zustimmten, hinterließ bei Stalin einen tiefen Argwohn. Er zog daraus den Schluss, dass die Westmächte bereit seien, Osteuropa dem deutschen Expansionsdrang zu opfern, und dass sie womöglich hofften, Hitler nach Osten gegen die Sowjetunion zu lenken. Zugleich war die Rote Armee durch die großen Säuberungen der Jahre 1937 und 1938 schwer geschwächt worden.

Stalin hatte einen erheblichen Teil des höheren Offizierskorps verhaften und erschießen lassen. Die militärische Führung war verunsichert, ihre Schlagkraft geschwächt, und Stalin wusste, dass seine Streitkräfte für einen großen Krieg nicht bereit waren. Vor diesem Hintergrund näherten sich im Sommer 1939 zwei Regime an, die einander ideologisch zutiefst verfeindet waren. Verhandlungen der Sowjetunion mit Großbritannien und Frankreich über ein gemeinsames Bündnis gegen Deutschland verliefen zögerlich und ergebnislos.

Die Westmächte zeigten sich unentschlossen, und Polen selbst weigerte sich strikt, sowjetischen Truppen ein Durchmarschrecht durch sein Gebiet zu gewähren, aus der begründeten Furcht, dass die Rote Armee ein einmal betretenes Land niemals wieder verlassen würde. Während diese Gespräche im Sande verliefen, öffnete sich für Stalin eine verlockendere Möglichkeit. Das nationalsozialistische Deutschland, das bereits fest zum Angriff auf Polen entschlossen war, brauchte dringend Sicherheit im Osten, um einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden. So fanden zwei Diktaturen, die sich in Propaganda und Ideologie unversöhnlich gegenüberstanden, aus reiner Machtberechnung zueinander.

Für beide Seiten war das Bündnis ein kaltes, zweckdienliches Geschäft. Am 23. August unterzeichneten die Außenminister Wjatscheslaw Molotow und Joachim von Ribbentrop in Moskau einen Nichtangriffsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. Nach außen wurde dieser Vertrag als Instrument des Friedens dargestellt.

Doch der eigentliche Kern des Abkommens verbarg sich in einem geheimen Zusatzprotokoll, dessen Existenz die Sowjetunion noch lange nach dem Krieg leugnete. In diesem Geheimprotokoll teilten die beiden Regime ganz Osteuropa in Interessensphären auf. Sie legten fest, wie im Falle einer territorialen Umgestaltung die Grenze zwischen den beiden Machtbereichen verlaufen sollte, ungefähr entlang der Flüsse Narew, Weichsel und San. Finnland, Estland, Lettland und der größte Teil Polens östlich dieser Linie wurden dem sowjetischen Einflussbereich zugeschlagen, während Litauen und der westliche Teil Polens dem deutschen Bereich zufielen.

Zwei souveräne Nachbarstaaten wurden hier in aller Heimlichkeit wie Beute auf einem Verhandlungstisch verteilt. Man muss sich die volle Bedeutung dieses Dokuments vergegenwärtigen. Ein Vertrag, der offiziell den Namen eines Nichtangriffspakts trug, gab in seinem geheimen Teil faktisch grünes Licht für einen Angriffskrieg. Ohne die Zusicherung sowjetischer Neutralität und ohne die Aussicht auf die versprochene östliche Beute hätte Hitler den Feldzug gegen Polen kaum in dieser Form riskiert.

Für das nationalsozialistische Deutschland bedeutete das Abkommen die Sicherung des Rückens für den Schlag gegen Polen. Für die Sowjetunion Stalins bedeutete es die Rückgewinnung jener Gebiete, die man seit dem Frieden von Riga als verloren betrachtete, sowie einen Zeitgewinn, um die geschwächte Rote Armee für spätere Auseinandersetzungen zu rüsten. Beide Seiten verfolgten expansionistische Ziele, und beide betrachteten die Existenz unabhängiger Staaten zwischen ihnen als bloßes Hindernis. Nur eine Woche später, am 1.

September, überfiel die deutsche Wehrmacht Polen ohne Kriegserklärung. Großbritannien und Frankreich, die Polen Garantien gegeben hatten, erklärten zwei Tage später dem Deutschen Reich den Krieg, unternahmen jedoch keine ernsthafte militärische Entlastung im Westen. Die polnischen Streitkräfte, tapfer, aber technisch und zahlenmäßig unterlegen, wurden in den ersten Wochen zurückgedrängt. Während die polnische Armee in verzweifelten Rückzugsgefechten versuchte, im Südosten des Landes nahe der rumänischen Grenze einen letzten Verteidigungsraum aufzubauen, wartete Stalin ab.

Er zögerte den eigenen Eingriff bewusst hinaus aus mehreren kühl kalkulierten Gründen. Zum einen wollte er die Rote Armee nicht als aggressiven Mitangreifer an der Seite Deutschlands erscheinen lassen, solange die polnische Regierung noch handlungsfähig war. Zum anderen band ein anderer Konflikt seine Aufmerksamkeit im fernen Osten. An der mongolisch-mandschurischen Grenze am Fluss Chalchin Gol hatten sowjetische und japanische Truppen seit Monaten schwere Kämpfe geliefert.

Erst Mitte September kam es dort zu einem Waffenstillstand, der die japanische Bedrohung im Osten für den Augenblick beseitigte. Kaum war Stalins Rücken im fernen Osten frei, konnte er im Westen handeln. Er wartete, bis die polnische Niederlage gegen Deutschland faktisch besiegelt schien und die polnische Regierung sich zur Flucht anschickte. In der Nacht zum 17.

September wurde der polnische Botschafter in Moskau einbestellt. Man überreichte ihm eine Note, in der die Sowjetunion behauptete, der polnische Staat und seine Regierung hätten faktisch aufgehört zu existieren, weshalb auch alle bestehenden Verträge mit Polen ihre Gültigkeit verloren hätten. Zum Schutz der ukrainischen und weißrussischen Bevölkerung, so die Begründung, sehe sich die Rote Armee gezwungen, die Grenze zu überschreiten. Der Botschafter weigerte sich, diese Note anzunehmen, doch das änderte nichts am Lauf der Dinge.

Diese Begründung war ein Vorwand, der in scharfem Widerspruch zur Realität stand. Der polnische Staat existierte durchaus noch. Seine Armee kämpfte weiter, und seine Regierung hatte nicht kapituliert. Vor allem aber verletzte der sowjetische Angriff einen ausdrücklichen Vertrag zwischen Polen und der Sowjetunion: Seit 1932 bestand ein Nichtangriffspakt, der später verlängert worden war und formal noch weit in die Zukunft gültig sein sollte.

Indem sie erklärte, der polnische Staat sei erloschen, versuchte die sowjetische Führung, den offenkundigen Bruch dieses Vertrages nachträglich zu bemänteln. Es war eine juristische Konstruktion, die einen Angriffskrieg als humanitäre Schutzmaßnahme erscheinen lassen sollte. Für den Einmarsch hatte die sowjetische Führung zwei große Heeresgruppen bereitgestellt, die als Weißrussische Front und als Ukrainische Front bezeichnet wurden. Am frühen Morgen des 17.

September 1939 setzten sich die sowjetischen Truppen entlang der gesamten Ostgrenze Polens in Bewegung. Die sowjetischen Verbände umfassten zu Beginn ungefähr 400. 000 bis 500. 000 Soldaten, eine Streitmacht, die in den folgenden Tagen weiter anwuchs und in ihrer Gesamtheit auf 600.

000 bis über 800. 000 Mann geschätzt wird. Ihnen standen mehrere tausend Panzer und Panzerwagen sowie tausende Flugzeuge zur Verfügung. Im Osten des Landes standen den sowjetischen Armeen fast keine regulären Feldarmeen gegenüber.

Die Hauptkräfte des polnischen Heeres kämpften und starben im Westen gegen die Wehrmacht. Was im Osten verblieb, waren vor allem Einheiten des Grenzschutzkorps, versprengte Reste geschlagener Verbände, Reservisten, Polizeieinheiten und schlecht ausgerüstete Formationen ohne einheitliche Führung. Die sowjetische Führung wusste genau, dass sie nicht in einen ebenbürtigen Gegner hineinstieß, sondern in ein Vakuum, das der deutsche Angriff bereits geschaffen hatte. Sie konnte ihre Kräfte in aller Ruhe an der Grenze zusammenziehen, während die polnische Aufmerksamkeit vollständig nach Westen gerichtet war.

Die Weißrussische Front stand unter dem Kommando von Michail Kowaljow, während die Ukrainische Front von Semjon Timoschenko geführt wurde, einem Mann, der später im großen Krieg gegen Deutschland eine bedeutende Rolle spielen sollte. Der taktische Plan war einfach und wirkungsvoll: ein rascher, tiefer Durchbruch mit mechanisierten Verbänden, um möglichst schnell große Räume zu besetzen und den vereinbarten Demarkationslinien zuvorzukommen. Panzerkolonnen und motorisierte Einheiten rollten weit ins Landesinnere, oft schneller, als sich Nachrichten über den Einmarsch verbreiten konnten. Die polnische Verteidigung war hier nicht auf einen Krieg im Osten vorbereitet.

Der ursprüngliche Plan, sich in den Südosten des Landes zurückzuziehen und dort, gestützt auf die rumänische Grenze, einen Widerstandsraum zu halten und auf Nachschub der Westmächte zu warten, brach mit dem sowjetischen Einmarsch endgültig zusammen. Der sogenannte rumänische Brückenkopf, die letzte strategische Hoffnung Polens, wurde durch den Angriff aus dem Osten in einem Schlag zunichte gemacht. Man stelle sich die Lage eines einfachen polnischen Soldaten in jenen Tagen vor. Seit über zwei Wochen kämpfte, marschierte und zog sich seine Einheit vor der überlegenen deutschen Wehrmacht zurück.

Er hörte Gerüchte, dass Hilfe aus dem Osten nahen könnte, denn viele Polen hofften zunächst, die Rote Armee komme womöglich, um gegen die Deutschen zu kämpfen. Diese Hoffnung zerbrach rasch an der Wirklichkeit. Als klar wurde, dass die Sowjetunion als zweiter Angreifer gekommen war, standen die polnischen Kommandeure vor einer unmöglichen Entscheidung. Der Oberbefehlshaber gab eine widersprüchliche und tragische Weisung aus: gegen die Sowjets möglichst keinen Kampf aufzunehmen, außer im Falle eines Angriffs oder eines Entwaffnungsversuchs, und stattdessen zu versuchen, sich in Richtung Rumänien und Ungarn abzusetzen.

Diese Anweisung, geboren aus dem Wunsch, sinnloses Blutvergießen zu vermeiden, führte in der Praxis zur Verwirrung. Mancherorts ergaben sich Einheiten kampflos, anderenorts kam es zu erbitterten Gefechten. Trotz der aussichtslosen Gesamtlage leisteten einzelne polnische Verbände heftigen Widerstand. Um die Stadt Grodno im Nordosten entbrannten mehrtägige verlustreiche Kämpfe.

Dort verteidigten sich Soldaten, Freiwillige, Polizisten und sogar Jugendliche gegen die anrückenden sowjetischen Panzer, oft mit unzureichenden Mitteln und improvisierten Waffen. Die Einnahme der Stadt war für die Rote Armee mit spürbaren Verlusten verbunden, und im Zuge der Kämpfe kam es zu Erschießungen gefangener Verteidiger. Auch um die alte Stadt Wilna wurde gerungen, ebenso in der Region um Szack im Osten, wo Einheiten des Grenzschutzkorps den sowjetischen Verbänden noch in den letzten Septembertagen erbitterte Gefechte lieferten. Diese Kämpfe zeigten, dass der polnische Widerstand nicht gänzlich zusammengebrochen war, doch sie blieben lokal begrenzt, unkoordiniert und ohne Aussicht auf strategischen Erfolg.

Ein besonders symbolträchtiger Schauplatz war die Stadt Lemberg im Südosten des Landes. Sie wurde zunächst von deutschen Truppen belagert, geriet dann aber gemäß den Absprachen des Geheimprotokolls in den sowjetischen Einflussbereich. So kam es zu der grotesken Situation, dass deutsche und sowjetische Truppen um dieselbe Stadt herumstanden und sich koordinieren mussten, um die Übergabe zu regeln. Die polnische Garnison, eingeklemmt zwischen zwei Angreifern, kapitulierte schließlich gegenüber den sowjetischen Streitkräften in der irrigen Hoffnung, von ihnen milder behandelt zu werden als von den Deutschen.

Viele der gefangenen Offiziere sollten diese Entscheidung mit dem Leben bezahlen. Anderswo lieferten polnische Reiterverbände aussichtslose Gefechte gegen die technische Übermacht, und versprengte Gruppen setzten den Kampf noch Tage nach dem organisierten Zusammenbruch fort. Warum aber blieb dieser Widerstand letztlich so wirkungslos? Weil die überwältigende zahlenmäßige und technische Überlegenheit der Roten Armee auf eine Verteidigung traf, die bereits durch den deutschen Angriff zerschlagen, führungslos und ohne jede Reserve war.

Zugleich offenbarte die Operation auch Schwächen der Roten Armee selbst. Die Koordination zwischen den vorrückenden Kolonnen war oft mangelhaft, die Logistik überlastet, und es kam zu Zwischenfällen, bei denen sich sowjetische Einheiten in der allgemeinen Verwirrung sogar gegenseitig beschossen. Der rasche Vormarsch verschleierte, dass die durch die Säuberungen geschwächte Armee erhebliche organisatorische Probleme hatte. Doch gegen das erschöpfte Polen fielen diese Mängel kaum ins Gewicht.

Die sowjetischen Verluste blieben, gemessen am Umfang der Operation, vergleichsweise gering. Auf polnischer Seite waren die Verluste im Osten ebenfalls beträchtlich. Doch die eigentliche Katastrophe lag nicht in den Gefallenen, sondern in der ungeheuren Zahl der Gefangenen. Mehrere hunderttausend polnische Soldaten und Offiziere gerieten in sowjetische Gefangenschaft, ein menschliches Reservoir, dessen Schicksal in den folgenden Monaten von tragischer Bedeutung werden sollte.

Als sich die vorrückenden deutschen und sowjetischen Truppen im Landesinneren begegneten, wurde die Zusammenarbeit der beiden Regime auf offener Bühne sichtbar. In der Festungsstadt Brest kam es am 22. September zu einer gemeinsamen Zeremonie, bei der deutsche und sowjetische Verbände in einem geordneten Vorbeimarsch die Übergabe der Stadt begingen. Bilder dieses Ereignisses, auf denen Offiziere beider Armeen einträchtig nebeneinander stehen, wurden zu einem bleibenden Sinnbild der zynischen Partnerschaft jener Wochen.

Wenige Tage später, am 28. September, unterzeichneten die beiden Mächte in Moskau den sogenannten Grenz- und Freundschaftsvertrag. In diesem Abkommen zogen sie die endgültige Trennungslinie zwischen ihren Besatzungszonen neu, im Wesentlichen entlang der Flüsse Bug und San. Als Teil dieses Handels verschob sich Litauen aus der deutschen in die sowjetische Interessensphäre, während Deutschland im Gegenzug einen größeren Anteil am zentralen Polen erhielt.

Die Beute wurde ein zweites Mal neu vermessen und aufgeteilt, als hätte es das polnische Volk niemals gegeben. Mit der Kapitulation der letzten größeren polnischen Verbände Anfang Oktober war der Feldzug beendet. Ein Staat mit einer über tausendjährigen Geschichte, der gerade erst zwei Jahrzehnte seine wiedergewonnene Unabhängigkeit genossen hatte, war von der Landkarte getilgt. Doch das Ende der Kampfhandlungen bedeutete für die Menschen in den besetzten Ostgebieten nicht etwa Ruhe, sondern den Beginn eines neuen Leidenswegs.

Die Sowjetunion ging umgehend daran, die eroberten Gebiete formell in ihr Staatsgebiet einzugliedern. Es wurden hastig organisierte Wahlen abgehalten, deren Ergebnisse von vornherein feststanden und die den äußeren Anschein einer freiwilligen Vereinigung erwecken sollten. Auf dieser scheinbaren Grundlage wurden die östlichen Woiwodschaften Polens der weißrussischen und der ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen. Millionen von Menschen, die am Vortag noch Bürger Polens gewesen waren, wurden über Nacht zu sowjetischen Staatsbürgern erklärt und der vollen Gewalt des sowjetischen Apparats unterworfen.

Es begann eine umfassende Sowjetisierung: die Verstaatlichung von Grund und Boden, die Zerschlagung der bisherigen gesellschaftlichen Strukturen, die Unterdrückung der katholischen Kirche und der nationalen Institutionen sowie die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens nach sowjetischem Vorbild. Im Zentrum dieser Politik stand der Terror des Geheimdienstes, der damals unter dem Kürzel NKWD bekannt war. Er verfolgte gezielt jene Gruppen, die als potentielle Träger nationalen Widerstands galten: Offiziere, Beamte, Gutsbesitzer, Geistliche, Lehrer, Richter, Polizisten und die gesamte gebildete Oberschicht. In mehreren großen Wellen wurden zwischen dem Winter 1939 und dem Sommer 1941 tausende Menschen aus ihren Wohnungen gerissen und in Viehwaggons in die entlegensten Regionen der Sowjetunion deportiert, nach Sibirien, in den hohen Norden und nach Zentralasien.

Die genaue Zahl der Verschleppten ist bis heute umstritten. Die Schätzungen reichen von mehreren hunderttausend bis zu weit über einer Million Menschen. Viele von ihnen, darunter zahllose Frauen, Kinder und Alte, starben an Hunger, Kälte, Erschöpfung und Krankheit. Diese Deportationen fügten sich nahtlos in Stalins allgemeine Nationalitätenpolitik ein, die darauf zielte, ganze Bevölkerungsgruppen zu entwurzeln, zu zerstreuen und jeden Keim nationaler Selbstbehauptung zu ersticken.

Das grausamste Kapitel dieser Repressionen ereignete sich im Frühjahr 1940. Auf Beschluss der höchsten sowjetischen Führung wurden mehrere zehntausend polnische Kriegsgefangene, überwiegend Offiziere, aber auch Polizisten, Grenzschützer, Ärzte, Ingenieure und Angehörige der Bildungselite in mehreren Lagern und Gefängnissen systematisch ermordet. Die bekannteste dieser Mordstätten liegt in einem Wald nahe der Stadt Katyn, weshalb dieses Verbrechen bis heute unter diesem Namen erinnert wird. Insgesamt wurden auf diese Weise rund 22.

000 Menschen mit Genickschüssen getötet und in Massengräbern verscharrt. Es war der bewusste Versuch, Polen dauerhaft seiner Führungsschicht zu berauben und damit jede künftige Wiederauferstehung eines unabhängigen Staates zu erschweren. Über Jahrzehnte hinweg leugnete die Sowjetunion diese Tat und schob die Verantwortung dafür dem nationalsozialistischen Deutschland zu, bis erst spät im 20. Jahrhundert die sowjetische Täterschaft offiziell eingeräumt wurde.

Wie reagierte die übrige Welt auf diesen zweiten Angriff gegen Polen? Bemerkenswert zurückhaltend. Obwohl Großbritannien und Frankreich sich wegen des deutschen Überfalls bereits im Kriegszustand mit dem Deutschen Reich befanden, erklärten sie der Sowjetunion nicht den Krieg. Die Westmächte verurteilten den sowjetischen Einmarsch zwar, doch sie zogen keine ernsthaften Konsequenzen.

Sie wollten unter keinen Umständen einen zweiten mächtigen Gegner in den Konflikt hineinziehen und hofften insgeheim, das Zweckbündnis zwischen Moskau und Berlin werde nicht von Dauer sein. So blieb der sowjetische Angriff völkerrechtlich weitgehend folgenlos. Für die polnische Regierung, die inzwischen ins Exil gegangen war, zunächst nach Frankreich und später nach London, war diese Zurückhaltung der Verbündeten eine bittere Erfahrung. Man hatte auf Beistand gehofft und erhielt Worte statt Taten.

Die geopolitische Vorsicht der Westmächte ließ Polen mit seinem doppelten Verlust allein. Diese Nachsicht des Westens reihte sich in die weitere Kette der Ereignisse ein, denn die Aggression endete nicht mit Polen. Bereits im Winter 1939 überzog die Sowjetunion das kleine Finnland mit einem Krieg, der sich als weit blutiger und schwieriger erwies, als Stalin erwartet hatte, und der die organisatorischen Schwächen der Roten Armee vor aller Welt bloßstellte. Im Sommer 1940 besetzte und annektierte die Sowjetunion schließlich die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sowie Teile Rumäniens.

Der Griff nach Polen im September 1939 war somit kein isolierter Einzelfall, sondern der erste Schritt in einer ganzen Reihe von Annexionen, die alle auf demselben zynischen Abkommen mit dem nationalsozialistischen Deutschland beruhten. Für die Rote Armee bot der Feldzug zudem eine militärische Lehre. Die aufgedeckten Mängel in Führung, Koordination und Ausrüstung führten zu Reformbemühungen, die jedoch bei weitem nicht abgeschlossen waren, als das Bündnis der beiden Diktaturen zerbrach. Denn das Zweckbündnis, auf dem all diese Eroberungen beruhten, hielt nicht.

Am 22. Juni 1941 überfiel das nationalsozialistische Deutschland ohne Vorwarnung die Sowjetunion und machte damit den Pakt und alle seine Geheimabsprachen mit einem Schlag zunichte. Die Gebiete, die Stalin im Herbst 1939 besetzt hatte, wurden binnen weniger Wochen von der deutschen Wehrmacht überrannt. Der Zeitgewinn, den sich Stalin durch das Bündnis hatte erkaufen wollen, hatte die Sowjetunion nicht vor dem deutschen Angriff bewahrt.

Im Gegenteil, die vorgeschobenen Grenzen und die noch unfertigen Reformen trugen dazu bei, dass die ersten Monate des deutsch-sowjetischen Krieges für die Sowjetunion katastrophal verliefen. Die Erinnerung an den sowjetischen Einmarsch in Polen wurde über Jahrzehnte von Mythen und Rechtfertigungen überlagert. Die offizielle sowjetische Darstellung sprach nicht von einem Angriff, sondern von einem Befreiungsfeldzug zum Schutz der ukrainischen und weißrussischen Brudervölker vor dem angeblichen Zerfall des polnischen Staates. In dieser Erzählung erschien die Rote Armee nicht als Mitangreiferin an der Seite Hitlers, sondern als Beschützerin unterdrückter Nationalitäten.

Die Fakten jedoch sprechen eine andere Sprache. Der polnische Staat war zum Zeitpunkt des Einmarsches noch nicht untergegangen. Ein gültiger Nichtangriffspakt wurde gebrochen, und die Grenzen der Besatzungszonen entsprachen exakt jenen Linien, die zuvor im Geheimen mit dem nationalsozialistischen Deutschland vereinbart worden waren. Es war die geheime Absprache zweier Diktaturen, die den Verlauf der Ereignisse bestimmte, nicht die Sorge um das Wohl irgendeines Brudervolks.

Dass dieser Angriff in vielen späteren Darstellungen verblasste, hatte politische Gründe. In der Nachkriegszeit, als die Sowjetunion zu den Siegermächten über das nationalsozialistische Deutschland zählte, passte die Erinnerung an ihre eigene Rolle als Mitangreiferin jenes Jahres nicht in das offizielle Geschichtsbild, und so wurde sie verdrängt. Betrachtet man all diese Ereignisse im Zusammenhang, treten die Umrisse einer gemeinsamen Aggression zweier totalitärer Regime klar hervor. Der sowjetische Einmarsch in Polen war kein isolierter Zwischenfall und keine humanitäre Schutzmaßnahme, sondern die zweite Klinge, die einen bereits am Boden liegenden Staat endgültig durchtrennte.

Aus dem zynischen Zusammenspiel des nationalsozialistischen Deutschlands und der Sowjetunion Stalins entstand das Verschwinden Polens von der Landkarte, verbunden mit massenhaftem Tod, Deportation und Mord. Die Vereinbarungen, die diesem Geschehen zugrunde lagen, atmeten einen kalten, berechnenden Zynismus, in dem das Schicksal von Millionen Menschen zur bloßen Verhandlungsmasse zwischen zwei Diktaturen herabgewürdigt wurde. Die militärische Wirklichkeit war eindeutig: Eine erdrückende Überlegenheit an Menschen und Material traf auf einen erschöpften, zweifach angegriffenen Gegner. Und doch offenbarte die Operation zugleich die tiefen Schwächen einer Armee, die sich selbst zuvor ihrer besten Köpfe beraubt hatte.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Stalins Handeln in jenem Herbst einer nüchternen Machtberechnung folgte, dem Wunsch nach territorialem Gewinn und der Vorbereitung auf einen großen Krieg, der dennoch kam und die Sowjetunion mit voller Wucht traf. Der Pakt bewahrte sie nicht vor dem Konflikt mit Deutschland. Er verschob ihn nur um weniger als zwei Jahre. Solche vergessenen oder verdrängten Angriffe legen die Mechanismen offen, mit denen sich totalitäre Systeme im 20.

Jahrhundert ausdehnten: durch geheime Absprachen, durch vorgeschobene Begründungen und durch die rücksichtslose Missachtung der Souveränität und des Lebens ganzer Völker. Die Teilung Polens erinnert daran, welchen Preis geopolitische Geschäfte fordern, wenn sie auf Kosten der Freiheit und der Existenz von Menschen geschlossen werden. Es ist eine Mahnung, die weit über jenen fernen Herbst hinaus Gültigkeit besitzt und die uns lehrt, hinter die schönen Worte diplomatischer Verträge zu blicken und nach den Absichten zu fragen, die sich in ihrem Schatten verbergen.