Im Juni 1942 fällt vor Stalingrad ein deutscher Gefreiter. Dreiundzwanzig Jahre alt, ledig, ohne Kinder. Sein Name wird in keinem Geschichtsbuch stehen. Einer von Millionen, die dieser Krieg verschlang.

Doch er hat etwas hinterlassen, ein Bündel Briefe an seine Eltern, geschrieben über anderthalb Jahre, von der Kaserne bis an die Front. Diese Briefe zeigen, was die großen Zahlen verbergen: wie ein einzelner gewöhnlicher Mensch in diesen Krieg hineinwuchs. Sein Name war Franz Siebeler, geboren 1919 in Nordhausen am Harz, katholisches Elternhaus, kaufmännischer Angestellter. Im Oktober 1940 wurde er eingezogen.
Mit der Artillerie zog er in den Krieg, erst auf den Balkan beim Überfall auf Jugoslawien, dann ab Juni 1941 nach Russland, als Gradmelder immer vorn. Später führte ihn sein Weg mit der 14. Panzerdivision nach Stalingrad. Wir lesen, wie aus dem stolzen Rekruten ein Soldat wird, der die Welt zunächst wie ein Reisender bestaunt, der lernt, ganze Völker zu verachten, der zusieht, wie Menschen erschossen werden, und es billigt, und der zugleich ein liebevoller Sohn bleibt, der um das Gebet seiner Mutter bittet.
Wir kennen das Ende, das Franz Siebeler nicht kannte. Während er noch hofft, der Krieg sei bald vorbei, wissen wir, wohin sein Weg führt. Das macht das Lesen seiner Briefe zu einer eigentümlichen Erfahrung: Wir sehen einem Menschen bei etwas zu, das er selbst nicht sehen kann. Seine Geschichte beginnt im Herbst 1940.
Der Krieg ist ein Jahr alt. Polen ist überrannt, Frankreich besiegt, die Wehrmacht steht auf dem Höhepunkt ihrer Siege, und in Deutschland herrscht die Zuversicht der Sieger. In diesen Wochen werden überall junge Jahrgänge zu den Waffen gerufen. Einer von ihnen kommt Anfang Oktober in einer Kaserne in Weimar an, ein Rekrut unter vielen.
Zwei Tage ist er beim Militär, da setzt er sich abends vor dem Schlafengehen hin und schreibt nach Hause. Ihr Lieben, vor dem Schlafengehen schnell einige Zeilen. Zwei Tage meiner Militärzeit sind schon vorbei. Heute sind wir richtige Soldaten geworden.
Vormittags wurden wir untersucht, und zwar mit allen Schikanen. Ich wiege im Adamskostüm 120 Pfund. Körperlich ist alles in Ordnung. Nachmittags bekamen wir die Uniform, Drillichzeug, Stiefel, Mantel und so weiter.
Dazu Strümpfe, Hemden, Unterhosen, Turnschuhe, Wolljacke. Bettwäsche haben wir noch nicht erhalten. Das Essen war bisher gut und reichlich. Wenn es so weiterginge, wäre ich zufrieden.
Die Fahrt hierher war furchtbar. Unterwegs sah ich viele Rekrutenzüge. Die Kameraden sind in Ordnung. Abiturienten, Mittlere Reife, Schlosser und so weiter wurden ausgesucht und verteilt, damit von allen Ständen einer auf der Stube ist.
Sehr gute Einrichtung. Die Spinde sind sehr groß, also werden die Fußballschuhe noch hineinpassen. Eine Hälfte des Spindes ist abgeteilt in verschiedene Fächer, darunter ein verschließbares Wertfach. Also ist für alles bestens gesorgt.
Geld haben wir noch nicht bekommen. Nun will ich schließen, denn die Bude, die mit acht Mann belegt ist, muss noch sauber gemacht werden. Die Zivilklamotten werde ich demnächst schicken. Viele Grüße, Franz.
Es ist der Ton eines jungen Mannes, für den der Krieg noch nicht begonnen hat. Kein Wort von Waffen, von Feind, von Angst. Stattdessen die Wolljacke, das reichliche Essen, das verschließbare Wertfach im Spind. Alles ist bestens gesorgt, und die Fußballschuhe, die noch hineinpassen, gehören zu einem Leben, in das Franz Siebeler selbstverständlich zurückzukehren gedenkt.
Die Zivilkleidung schickt er nach Hause, als lege man einen Anzug für eine Weile ab. Weimar ist die Stadt Goethes und Schillers, und für Siebeler nur die erste Station. Er ahnt nicht, wie weit ihn dieser Weg noch tragen wird, der hier beim Wiegen im Adamskostüm so harmlos beginnt. Ende Januar 1941.
Die Ruhe der sächsischen Quartiere ist vorbei. Franz Siebelers Abteilung ist ins Ausland verlegt worden, ins Protektorat Böhmen und Mähren, das von Deutschland besetzte Restschechien. Er weiß, dass er es nicht offen schreiben darf, und umschreibt den Ort. Die Kälte liegt bei achtzehn Grad unter null, die Öfen gehen gegen Morgen aus, und für achtzig Mann gibt es eine einzige Pumpe zum Waschen.
Franz aber hat es besser getroffen als die meisten. Als Schreiber sitzt er den ganzen Tag im warmen Geschäftszimmer eines alten Schlosses. Ihr Lieben, nach dem furchtbaren Tauwetter herrscht jetzt wieder eine spürbare Kälte. Heute Morgen hatten wir wieder achtzehn Grad, aber mittags scheint dann die Sonne vom klarblauen Himmel.
In unserer Unterkunft ist es ganz gemütlich. Nur gegen Morgen, wenn die beiden Öfen ausgehen, ist es empfindlich kalt. Ich wickle mich so gut es geht in die zwei Decken ein und sehe zu, wie ich einschlafe. Unser Offizierschor ist zum Teil katholisch.
Der Chef des Stabes, Oberleutnant Weiß, stammt aus der Ostmark und hat schon im österreichischen Bundesheer gedient. Der Adjutant des Kommandeurs stammt aus der Lausitz, hat in Paderborn studiert. Sein Bruder ist Geistlicher. Übrigens hat der Adjutant noch zwölf Geschwister.
Auch unser stellvertretender Chef, Leutnant Schuldheiß, ist Katholik und ist im Zivil Apotheker in Bonn. Die meisten Angaben weiß ich aus den Wehrpässen. Mutti möchte nun gern wissen, ob es etwas zu kaufen gibt. Das muss ich leider verneinen.
Alles geht auf Karte, genau wie daheim. Einige wenige S-Waren gibt es im freien Verkauf, sind aber auch sehr teuer. Anfangs gab es wohl noch Pralinen, doch trotz des hohen Preises haben die Soldaten alles weggekauft. Die Schaufenster stehen alle leer.
Übrigens ist unser Aufenthaltsort ein blödes Nest, wo es nicht viel gibt. Zur Abwechslung habe ich mal wieder Wache, aber keine mit Gewehr und Stahlhelm, sondern Telefonwache auf dem Geschäftszimmer im alten, viel hundertjährigen Schloss. Mein Kamerad schläft gerade. Ab und zu unterbricht ein Klingeln die Stille.
Ein Kino ist zwar hier, doch zeigt die Bruchbude nur tschechische Filme, und da gehen wir nicht hin, weil wir doch nichts verstehen. Sonntag will ich zur Kirche gehen. Es sind zwei hier. Eine ist eine ehemalige Klosterkirche.
Das Kloster selbst ist heute eine Irrenanstalt, die größte des Protektorates. Schlimm ist besonders eines: Für uns achtzig Mann ist nur eine Waschgelegenheit da, eine Pumpe. Morgens im Dunkeln bei spiegelglattem Boden sich zu ihr zu finden, ist ein halsbrecherisches Kunststück. Außerdem ist es ja auch noch sehr kalt, sodass man mächtig dabei friert.
So werden wir langsam kleine Säue, die sich nur jeden zweiten Tag waschen. Doch hoffe ich, im Laufe des Frühjahrs mal wieder nach Hause zu kommen. Doch hat es keinen Zweck, Luftschlösser zu bauen. Wer weiß, wo wir dann stecken.
Nun seid alle recht herzlichst gegrüßt und geküsst von eurem Franz. Franz Siebeler ist im besetzten Land, und doch bleibt sein Blick der eines Touristen. Das alte Schloss, die Weinberge, die leeren Schaufenster. Die tschechische Bevölkerung kommt in seinen Zeilen kaum vor, und wenn, dann als Kulisse eines blöden Nestes, dessen Sprache und Filme ihn nicht interessieren.
Es ist die selbstverständliche Herablassung des Besatzers, ausgesprochen ganz ohne Bösartigkeit, und gerade darin liegt sie. Ein Satz aber bleibt hängen, fast beiläufig hingeworfen: Wer weiß, wo wir dann stecken. Franz spürt, dass diese Zwischenstation nicht die letzte ist. Noch ahnt er nicht, in welche Richtung der Weg ihn führen wird.
April 1941. Es ist die Zeit, in der Franz Siebeler zum ersten Mal in einen wirklichen Krieg gerät. Am 6. April hat die Wehrmacht Jugoslawien und Griechenland überfallen, ohne Kriegserklärung, mit einem verheerenden Luftangriff auf das offene Belgrad.
Franz’ Einheit steht an der ungarisch-jugoslawischen Grenze am Fluss Drau. Auf der anderen Seite liegt Feindesland. Zwei Tage nach Ostern schreibt er aus einem strohgedeckten Bauernhaus nach Hause, und zum ersten Mal steht in seinen Zeilen das Wort, das alles verändert: die Feuertaufe. Ihr Lieben alle, ihr werdet euch wundern, mich hier zu finden.
Aber nach den Vorgängen in Serbien konnte ein Eingreifen unsererseits nicht lange ausbleiben. Die Feuertaufe habe ich hinter mir, aber das war halb so wild. Wir liegen an der Drau, und das gegenüberliegende Ufer ist serbisch. Die Brücke ist in der Nacht, als wir ankamen, in die Luft geflogen.
Der Fluss hat jetzt Hochwasser und ist rund vierhundert Meter breit. Andernfalls wären wir wohl längst drüben. Unsere Geschütze sind ganz groß in Fahrt und treffen ganz präzise. Die feindlichen dagegen haben noch keine große Wirkung gezeigt.
Der nächste Treffer war fünfzig Meter von uns ab. Die Infanterie ist mit Floßsäcken über den Fluss gesetzt und hat schon zwei Gefangene eingebracht. Die waren ziemlich vergnügt und freuten sich scheinbar, dass der Krieg für sie vorbei ist. Die Serben haben sich rund zehn Kilometer zurückgezogen, sodass man sich ungestört mal in die erste Linie wagen kann.
Vorhin war ich vorn und habe mir mal den ganzen Zauber angesehen. Schade, dass man nur wenig Geld in Peng hat. Zu kaufen gibt es genug. Alles pfundweise zu essen.
Auch jeden Tag esse ich rund fünf Eier. Paprika haben wir auch probiert, und es brannte im Maule ganz anständig. Das ist natürlich ein Grund zum Trinken. Ich habe heute schon einen Liter Rotwein getrunken, aber ohne Folgen auf die Körperhaltung.
Das Waschen hat man nötig, denn der Dreck geht bis an die Knöchel. Die Fahrt durch Österreich-Ungarn ging bei herrlichem Wetter vor sich. Ich bin ganz sonnenverbrannt. Wien ist wunderbar.
Leider war der Aufenthalt nur sehr kurz. Die Länder der Alpen sahen wir im herrlichen Sonnenglanz liegen, wenn man nur Zeit zum Ansehen hätte. Aber auf jeden Fall sieht man viel Schönes in der Welt. Da fehlt mir der Fotoapparat.
Vielleicht kann man bei den Serben einen requirieren. In der nächsten Zeit wird Schreiben schwer fallen. Keine Angst, die Sache wird schon schiefgehen. Nun wünsche ich euch allen ein gesegnetes, gnadenreiches Osterfest.
Seid tausendmal gegrüßt und geküsst von eurem Franz. Franz Siebeler ist im Krieg angekommen, und doch klingt es, als sei er auf einer Reise. Die Geschütze senden Grüße nach drüben. Das Schlachtfeld ist der ganze Zauber, den man sich ansieht wie eine Sehenswürdigkeit.
Der Krieg und das Staunen über die schöne Welt stehen in denselben Sätzen, ungetrennt. Selbst der Fotoapparat, der ihm fehlt, ließe sich vielleicht bei den Serben requirieren. Geplünderter Besitz der Besiegten, ganz beiläufig eingeplant. Ein Satz bleibt: Die Gefangenen freuten sich, dass der Krieg für sie vorbei ist.
Franz schreibt es, ohne zu ahnen, dass es der Wunsch ist, der bald über allem stehen wird, auch über ihm. Für ihn hat der Krieg gerade erst begonnen. Zwölf Tage nach Kriegsbeginn ist alles vorbei. Am 17.
April 1941 kapituliert Jugoslawien. Franz Siebelers Einheit ist bis Sarajevo vorgestoßen, quer durch das eroberte Land, und liegt nun in einem Hotel einquartiert. Der Feldzug, der für ihn kaum Kämpfe brachte, ist zu Ende. Franz nutzt die Ruhe, um ausführlich zu beschreiben, was er sieht.
Es ist der Blick des Siegers auf die Besiegten. Ihr Lieben alle. Diese Nacht kam die Sondermeldung durchs Radio, dass die letzten Reste der geschlagenen Armee die Waffen gestreckt haben. Demnach wäre also dieser Feldzug zu Ende.
An der Moral und Einstellung der Gefangenen konnte man sehen, dass für den Krieg nicht die geringste Lust vorhanden war. Auch was Waffen und Ausrüstung anbetrifft, waren wir turmhoch überlegen. Uns gegenüber standen bespannte feindliche Kräfte. Da die Pferde nicht ausreichten, waren viele Fahrzeuge mit Ochsen bespannt.
Die Panzer hätten die ganze Konsorte über den Haufen gefahren. Zu ihrem Glück haben sie es auf den Kampf nicht erst ankommen lassen. Nun liegen wir hier und bringen Fahrzeuge und Waffen in Ordnung, falls es doch weitergehen sollte. Aber auf die Dauer macht das Leben unter diesen wenig kulturbelackten Völkern auch keinen Spaß.
Wir liegen seit zwei Tagen hier in einem Hotel in Quartier. Nun stellt euch darunter nur kein Gebäude deutschen Ausmaßes vor. Unsere Ruhestätten sind Feldbetten, jedoch ohne Matratzen. Wir schlafen direkt auf dem Drahtgestell.
Die Bevölkerung besteht zum großen Teil aus Mohammedanern, die nicht gerade vertrauenerweckend aussehen. Und diese Elemente haben hier Polizeigewalt. Viel können sie ja damit nicht anfangen. Es bestimmt die Wehrmacht.
Aber mit einem Schießprügel über der Schulter und einer Armbinde, neuerdings mit Hakenkreuz, rennen die Brüder umher. Morgens bis abends lungern sie in den Straßen umher, entsetzlich zerlumpt. Oder sie sitzen vor einer schmierigen Kaffeestube und schlürfen ihren Mokka. Der schmeckt übrigens ganz gut, wie wir gemerkt haben.
Ausgegeben wird er in einem kleinen Kupferbehälter mit langem Griff. Die Tassen sind aber nur so groß wie die in Matildchens Puppenstube, aber der Spaß kostet auch nur fünfzehn Pfennig. In den Läden gibt es nur Gebrauchsgegenstände und Kornfronk, Sidol, Persil und anderes mehr. Da seht ihr, wo überall deutsche Erzeugnisse zu haben sind.
Man darf in Punkto Wirtschaft Jugoslawien nicht mit Deutschland vergleichen. Wenn ich zum Fenster rausschaue, dann erinnert das Gebirge stark an den Harz. Die Häuschen stehen hoch oben an den Wiesenrändern, genau wie die Gegend von Hoheis. Nun will ich schließen, denn für heute habe ich ausgeatscht.
Grüß die Hausbewohner und alle Bekannten. Tausend Grüße und Küsse. Franz. In diesem Brief ist kein Schuss zu hören, und doch zeigt er den Krieg deutlicher als jede Schlacht.
Franz Siebeler betrachtet die Menschen Bosniens von oben herab. Ihre Armut, ihre Ochsengespanne, ihre Sprache, ihren Glauben. Sie sind für ihn Elemente, wenig kulturbelackte Völker, Vagabunden, die er des Diebstahls verdächtigt. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der ein anständiger junger Mann aus Nordhausen ganze Völker verächtlich abtut, die erschreckt, genährt von der Überzeugung der eigenen deutschen Überlegenheit.
Ein Detail bleibt haften: die Armbinde mit dem Hakenkreuz am Arm der bosnischen Hilfspolizisten. Das Zeichen der Besatzer ist schon da, dort, wo die Wehrmacht steht. Und Franz, der es beschreibt, ist ein Teil davon, ohne dass ihm der Gedanke je zu kommen scheint. Der 20.
Juni 1941. Franz Siebeler ist im Osten in Polen, dicht an der Grenze zur Sowjetunion. Er weiß es nicht, oder er darf es nicht schreiben. Aber in achtundvierzig Stunden wird hier der größte Vernichtungskrieg der Geschichte beginnen.
Über drei Millionen deutsche Soldaten stehen bereit für den Überfall auf die Sowjetunion. Das Unternehmen Barbarossa ist geplant nicht als gewöhnlicher Feldzug, sondern als Krieg der Auslöschung. Franz ahnt, dass etwas Großes bevorsteht. Er schreibt vom Zeltlager, von Mücken und von dem, was er auf dem Weg gesehen hat.
Ihr Lieben, aus weiter Ferne sende ich euch für heute die besten Grüße. Es geht mir gut, wenn nur die Mücken nicht wären. Ich bin wie alle anderen vollkommen zerstochen, und nachts ist es im Zelt kaum auszuhalten. Im Übrigen ist das Lagerleben ganz prima.
Solange das schöne Wetter bleibt, braucht man ja nichts zu befürchten. Die Fahrt hierher war ganz in Ordnung. Vom Kriege sind oft noch Spuren zu finden. Juden laufen hier in Massen herum.
Die meisten sind reinsten galizischen Typus. Alle haben weiße Armbinden mit blauem Stern. Die Häuser sind im elendsten Zustande, so ähnlich wie in Bosnien. Man glaubt kaum, wie Menschen darin hausen können.
Die Straßen sind in furchtbarem Zustande. Richtig polnisch. Es ist direkt halsbrecherisch, sie zu befahren. Ich mache augenblicklich mit meinem Grad kleine Spritzfahrten durch diese schöne Gegend.
Man muss höllisch aufpassen, um nicht im Sande stecken zu bleiben. Ich bin stark gespannt, was wir hier sollen. Falls irgendetwas geschehen sollte, dann stehen wir an entscheidender Stelle. Man weiß nicht recht, was überhaupt los ist.
Gemunkelt wird auf jeden Fall sehr viel. Zu kaufen gibt es gar nichts. Die Polskis haben selber nichts zu essen. Unsere Verpflegung ist gut, nur Wasser fehlt.
Waschen können wir uns nur nach Katzenart. Für heute muss ich wegen der knappen Zeit schließen. Die Mittagszeit ist bald wieder um. Ich wünsche euch weiterhin alles Gute und bitte um euer Gebet.
Tausend Grüße und Küsse, euer Franz. Zwei Tage vor dem Angriff schreibt Franz von Mücken und Motorradfahrten, und dazwischen, in einem einzigen Atemzug, von den Juden, die er in Massen sieht, mit weißen Armbinden und blauem Stern. Es ist genau die Kennzeichnung, mit der die deutsche Besatzung die jüdische Bevölkerung Polens brandmarkte, bevor sie sie in die Ghettos und später in den Tod trieb. Franz beschreibt diese Menschen so, wie er die Bosnier beschrieben hat: als Elend, als etwas Fremdes, kaum noch als Menschen.
Er sieht, und er sieht doch nichts. Und über allem steht sein eigener Satz: Falls irgendetwas geschehen sollte, dann stehen wir an entscheidender Stelle. Er hat recht. In zwei Tagen wird der Frieden dieses Zeltlagers zerbrechen, und Franz Siebeler wird in einen Krieg hineingezogen, aus dem für ihn kein Weg zurückführt.
Er bittet um das Gebet seiner Familie. Er wird es brauchen. Der Abend des 21. Juni 1941.
In wenigen Stunden wird der Krieg gegen die Sowjetunion beginnen. Noch geht eine letzte Feldpost ab, und Franz greift zum Stift. Fast zwei Jahre lang hatte ein Nichtangriffspakt Deutschland und die Sowjetunion verbunden, der Hitler-Stalin-Pakt von 1939. Jetzt bricht Hitler ihn.
Und Franz, der bisher meist von Wetter, Essen und Sehenswürdigkeiten geschrieben hat, findet in dieser Nacht andere Worte. Ihr Lieben alle, da morgen früh noch einmal Post abgeht, will ich noch schnell einige Zeilen schreiben. Morgen früh wird der Tanz hier wohl losgehen. Wer hätte das wohl gedacht?
Aber Verträge sind ja dazu da, dass sie nicht gehalten werden. Und mit dem Russen wäre ja auf Dauer doch keine Freundschaft möglich gewesen. Die hätten ja auf die günstige Gelegenheit gewartet, über uns herzufallen. Aber hier steht eine deutsche Armee, die es den Brüdern schon verleiden wird.
Gegen niemand würde ich gern Krieg führen, aber diese Mörder und Gottesleugner müssen schon ihre Strafe kriegen. Hoffen wir, dass alles gut abläuft. Der Feind wird wohl auch in Massen bereitstehen, aber das soll für uns kein Hindernis sein. So ruhig wie in Jugoslawien wird’s kaum werden, aber bezwungen müssen die Roten werden.
Meine Kameraden liegen schon in vorderster Front. Wir dagegen müssen vorerst noch einige Kilometer zurückbleiben, da wir den Verlauf der Dinge erst abwarten müssen. Ich werde mal sehen, wie sich dann mein Kratz bewährt. Auf jeden Fall fürchte ich kein Gelände, wenn manchmal der Hinterteil meines werten Körpers stark in die Höhe fliegt.
Warten wir in Ruhe ab, was kommen wird. Schließt mich in euer Gebet ein. Grüßt alle Hausbewohner herzlichst, besonders Familie Warms. Mit den besten Grüßen und tausend Küssen verbleibt euer Franz.
Zum ersten Mal spricht Franz Siebeler die Sprache derer, die diesen Krieg geplant haben. Die Sowjetmenschen sind für ihn Mörder und Gottesleugner, die ihre Strafe verdienen. Der gläubige Katholik und die nationalsozialistische Propaganda vom gottlosen Bolschewismus sprechen hier mit einer Stimme. Der gebrochene Vertrag stört ihn nicht.
Er findet die Rechtfertigung schon fertig vor: Der andere hätte ja doch zuerst zugeschlagen. Es ist die klassische Umkehrung, mit der ein Angriffskrieg zum Verteidigungskrieg umgelogen wird. Und doch bleibt dieser eine Satz, in dem noch der Mensch durchscheint: Gegen niemand würde ich gern Krieg führen. Franz will kein Krieger sein, aber er hat die Feindbilder angenommen, die ihm gegeben wurden, und mit ihnen zieht er nun in den mörderischsten Krieg der Geschichte.
Am nächsten Morgen beginnt der Tanz. Der 24. Juni 1941, der dritte Tag des Krieges. Franz Siebeler steht am Bug, dem Grenzfluss, mitten im Zentrum der Front.
Hier ist der Widerstand härter als alles, was er in Jugoslawien erlebt hat. Zum ersten Mal schreibt er nicht als Zuschauer, sondern aus dem Feuer heraus. Und zum ersten Mal berichtet er von Dingen, die kein bloßes Gefecht mehr sind. Ihr Lieben alle, wir liegen hier im Zentrum der Front, und der Widerstand des Feindes ist hart.
Es hat der heftigsten Anstrengungen gekostet, um ihn aus seinen Bunkerstellungen zu vertreiben. Mehrmals musste die Infanterie zurück, da die Roten die Massen wie im Weltkriege vorwerfen. Jetzt scheint der Vormarsch aber zu rollen. Unsere Panzer greifen an.
Der Feind ist rund dreißig Kilometer zurückgeworfen. Wir haben gestern Morgen mehrere Bombenangriffe der Roten erlebt. Auf einen Schlag erschienen siebenundzwanzig Martinbomber. Eine Bombe traf die Brücke, welche aber unterdessen von den Pionieren wiederhergestellt worden ist.
Ein Reihenwurf der Roten schlug dreihundert Meter vor unserer Stellung ein. Da lagen wir aber schnell mit der Nase im Dreck. Seit gestern Mittag fliegen die Jäger dauernd Sperre. Es ist eine Freude zu sehen, wenn die Messerschmitt hundert Meter über uns hinwegbrausen.
Auf dem Rückflug kamen gerade die ersten zwei Messerschmitt, die nämlich prompt je einen Russen abgeschossen haben. Das war eine Freude, als die beiden brennend abstürzten. Der Feind hat starke Verluste gehabt. Die Bunker sind niedergekämpft.
Nach Aussagen der Stoßtrupps haben die politischen Kommissare ihre Leute mit vorgehaltener Pistole gezwungen, wieder in die Bunker zu gehen, die sie infolge des Artilleriebeschusses verlassen hatten. Die Zivilbevölkerung hat aus dem Hinterhalt sich an diesen Kämpfen beteiligt. Zwanzig Personen, darunter zwei Frauen, wurden standrechtlich erschossen. Das ist auch mehr wie recht, denn was Gemeineres gibt es wohl kaum.
Die umliegenden Orte sind fast vollkommen zerstört. Nachts war der Himmel rot vom Feuerschein. Durchs Scherenfernrohr habe ich alles genau sehen können. Nun wird der Marsch bald weitergehen, und wir brauchen uns von den Mücken nicht mehr zerstechen lassen.
Also, alles Gute. Denkt an mich beim Beten. Tausend Grüße und Küsse, euer Junge. Dieser Brief ist ein Dokument.
Franz Siebeler beschreibt, wie zwanzig Zivilisten, darunter zwei Frauen, standrechtlich erschossen wurden. Und er fügt hinzu: Das ist auch mehr wie Recht. Es ist ein Kriegsverbrechen, festgehalten von der Hand eines Augenzeugen und im selben Atemzug gutgeheißen. Was er Beteiligung aus dem Hinterhalt nennt, war im deutschen Vernichtungskrieg der Vorwand für zahllose Erschießungen von Unbeteiligten.
Von Anfang an wurde dieser Krieg im Osten geführt ohne die Grenzen, die anderswo noch galten. Und daneben steht die Freude, echte, unverstellte Freude beim Anblick brennend abstürzender Flugzeuge, in denen Menschen sterben. Derselbe Franz, der die Familie um ihr Gebet bittet, der an Matildchens Puppenstube denkt, sieht dem Tod anderer als einem Schauspiel zu. Der Foto hat viel zu tun, schreibt er am Ende.
Er will festhalten, was er sieht. Man fragt sich, was er auf diesen Bildern bewahren wollte. Anfang Juli 1941. Der Krieg im Osten ist zehn Tage alt, und er ist anders als alles zuvor.
Franz Siebeler steht kurz vor der alten russisch-polnischen Grenze. Der Vormarsch, der in den ersten Tagen zu rollen schien, stockt. Der Gegner weicht nur schrittweise, und zum ersten Mal schreibt Franz von deutschen Verlusten, von frischen Gräbern am Straßenrand. In der Stadt Luzk hat er etwas gesehen, das ihn nicht mehr loslässt.
Ihr Lieben alle, Post ist in diesem Krieg die einzige freudige Abwechslung. Der Krieg gegen die Sowjets ist hart und grausam, pardon, wird nicht gegeben. Wir liegen kurz vor der alten russisch-polnischen Grenze. Die Roten sind ein fanatischer Gegner, die nur schrittweise zurückgehen.
Oft lassen sie sich lieber abschießen, als sich zu ergeben. Wir kommen nur langsam vorwärts, da wir den Elitetruppen der roten Armee gegenüberstehen. Auch auf unserer Seite gibt es empfindliche Verluste. Viele frische Soldatengräber ziehen sich auf unserer Vormarschstraße hin.
In Luzk haben die Roten in ihrem Parteihause vier notgelandete Flieger unter den fürchterlichsten Qualen ermordet. Wer es nicht gesehen hat, glaubt es nicht. Die Tränen kamen mir vor Wut in die Augen. Willi Schwabe habe ich in dieser brennenden Stadt auch getroffen.
Schlafen kann man täglich nur sehr wenig. Die Lage lässt es kaum zu. Alle hervorragenden Häuser hier sind Parteibüros, komfortabel eingerichtet. Die Häuser der Bevölkerung sind dagegen Hütten.
Das nennt sich dann Proletariat. Im Großen und Ganzen ist der Krieg eine böse Sache. Wir graben uns täglich Deckungslöcher. Die russische Artillerie schießt planmäßig das Gelände ab, und ab und zu kommen auch die Flieger.
Da schicke ich immer ein Stoßgebet zum lieben Gott. In unserer Stellung schlug gestern eine schwere Fliegerbombe zwei Meter neben einem unserer Wagen ein, drückte ihn gegen den Gartenzaun und schlug die Scheibe ein. Weiter passierte nichts. An der Vormarschstraße stehen eine Menge vernichteter Feindpanzer, zum Teil schwersten Kalibers.
Nun genug vom Krieg. Hoffentlich ist der Zauber bald vorbei. Für heute will ich schließen. Denkt an mich im Gebet.
Es grüßt tausendmal euer Junge. Zum ersten Mal bekommt der Krieg für Franz ein anderes Gesicht. Im Großen und Ganzen ist der Krieg eine böse Sache, schreibt er. Und: Hoffentlich ist der Zauber bald vorbei.
Der Tanz, auf den er zwei Wochen zuvor fast gespannt gewartet hatte, ist zur Last geworden. Die frischen Gräber am Wegrand sind jetzt auch deutsche. Und doch treibt ihn das, was er in Luzk gesehen haben will, tiefer in den Hass. Beim Rückzug der roten Armee kam es zu grausamen Morden an Gefangenen.
Ereignisse, die es gab und die die nationalsozialistische Propaganda begierig aufgriff, um den eigenen längst geplanten Vernichtungskrieg als Vergeltung erscheinen zu lassen. Franz sieht das Grauen, und er sieht es nur auf einer Seite. Für die zwanzig Erschossenen am Bug, von denen er eine Woche zuvor schrieb, hatte er kein Wort des Entsetzens gefunden, nur die Bemerkung, es sei mehr wie Recht. Sein Mitleid kennt eine Richtung.
Das ist die Handschrift dieses Krieges, und sie ist auch die seine. Oktober 1941. Der Krieg im Osten ist keine drei Monate von seinem ersten großen Winter entfernt. Franz Siebeler ist mit der Heeresgruppe Süd tief in die Ukraine vorgestoßen, an die Küste des Asowschen Meeres.
Hinter ihm liegt eine der großen Kesselschlachten, in der Hunderttausende Rotarmisten gefangen genommen wurden. Franz war daran hervorragend beteiligt, wie er schreibt, und noch immer glaubt er, das Ende sei nah. Ihr Lieben alle. Um es gleich vorweg zu sagen: Es geht mir gut.
Nach Beendigung des Kessels, an dem wir hervorragend beteiligt waren, sind wir schon wieder ein Stück weiter zum Meere vorgestoßen. Heute noch werden wir wohl an die Gestade des Asowschen Meeres gelangen. Das Wetter ist noch ganz gut. Der kalte Wind ist zur Gewohnheit geworden.
Gestern Nachmittag sind wir Gradfahrer vorgerast, um dem Regen und dem damit verbundenen Matsch zu entgehen. Wir hatten Schwein und sind in letzter Minute mit Hängen und Würgen im Nachtquartier eingetroffen. Dann war alles ein Schlamm. Lange kann ja der Krieg nicht mehr dauern.
Vorgestern haben wir einige tausend Gefangene eingebracht, darunter auch Flintenweiber. Ganz verkommene Gestalten. Der Feind war vollkommen eingeschlossen, und auf dem Schlachtfeld lagen hunderte von toten Russen herum. Ein Greuel der Verwüstung.
Alles lag durch- und übereinander. Genug davon. Hühner und Enten schlachten wir auch manchmal zur Erhaltung unserer Leistungsfähigkeit. Das Essen ist sonst ganz gut.
Man isst alles, da es der Hunger reintreibt. Verwöhnt war ich ja nie. Vom Meckern wird’s ja leider nicht besser. Ist das Mittagessen nicht berühmt, dann wird eben mehr Brot gegessen, auch trocken, wenn es sein muss.
Also Schluss für heute. Schließt mich in euer Gebet ein. Tausend Grüße und Küsse von eurem Jungen. Etwas hat sich verschoben in Franz.
Das Schlachtfeld voller toter Russen ist ihm jetzt ein Greuel der Verwüstung, und statt der früheren Begeisterung steht da nur noch: genug davon. Er wendet den Blick ab, aber es ist kein Mitgefühl, das ihn abwenden lässt. Die Toten bleiben Russen, die Gefangenen verkommene Gestalten. Für die sowjetischen Soldatinnen findet er das verächtliche Wort der Propaganda: Flintenweiber.
Sein Blick auf den Feind ist derselbe geblieben. Nur die Lust am Hinsehen ist ihm vergangen. Und dann jener Satz, den in diesem Herbst Millionen deutscher Soldaten schrieben: Lange kann ja der Krieg nicht mehr dauern. Es ist der Oktober 1941.
Die Wehrmacht steht scheinbar vor dem Sieg. Doch der russische Schlamm, durch den Franz seinem Nachtquartier entkommt, ist erst der Anfang. Hinter dem Regen wartet der Winter, auf den niemand vorbereitet ist, und der Krieg, von dem Franz hofft, er sei bald vorbei, wird noch dreieinhalb Jahre dauern, länger als Franz Siebeler selbst zu leben hat. Ende November 1941.
Franz Siebeler steht seit fünf Monaten ununterbrochen im Kampf. Rostow am Don ist gefallen, und mit der Stadt, so schreibt er, die letzte Bahnverbindung zwischen dem Kaukasus und Zentralrussland. Was er nicht schreibt, weil er es noch nicht weiß: Rostow wird nur wenige Tage in deutscher Hand bleiben. Ende November wirft die rote Armee die Deutschen wieder hinaus.
Die erste größere Rückeroberung des Krieges, ein erstes Zeichen, dass der Sieg nicht kommt. Franz aber schreibt an einem Sonntag nach Hause, den er beinahe vergessen hätte, so sehr ist ihm ein Tag wie der andere geworden. Und er schreibt Sätze, wie er sie nie zuvor geschrieben hat. Ihr Lieben alle, das war heute ein Freudentag: fünf Säcke Post für den Stab.
Heute Abend habe ich erst gemerkt, dass Sonntag ist. Ein Tag vergeht wie der andere in dieser freudelosen Einsamkeit. Ein Tag so stur wie der andere. In den letzten Tagen gab es für uns wenigstens die frohe Kunde, dass das hart umkämpfte Rostow gefallen ist.
Lange lagen wir davor, und heftig waren die Kämpfe. Nun aber ist diese Stadt unser. Aber eines ist immer dasselbe: elende Hütten und unbeschreibliche Armut. Immer wieder kommt mir ein Wort in den Sinn: Arbeiterparadies.
Welcher Betrug an der Menschheit ist doch mit diesem Worte oft getan worden. Mögen alle unsere bisherigen Kriege sein, wie sie wollen, gerecht oder ungerecht, mögen sie Machenschaften der Diplomaten sein. Eines aber steht fest: Dieser Krieg gegen die verbrecherische Arbeit des Bolschewismus ist der Kampf der gerechten Sache. Wehe, wenn die asiatischen Horden in unser schönes Deutschland eingedrungen wären.
Nur wer die grauenhaften Zustände selbst gesehen hat, kann sich ein Bild über die Wirklichkeit in der Sowjetunion machen. Tief erschüttert hat mich die Nachricht über den Tod von Wickbert Zellermann. Damit ist ein alter Kamerad gefallen, den man von frühester Jugend her kannte. Er steht noch leibhaftig vor meinen Augen mit seiner blonden Haarlocke, als ich ihn voriges Weihnachten zum letzten Mal sah.
Der Krieg ist bitter, sehr bitter. Solche Schicksale treffen solche, die ihn gut kannten, sehr hart. In einem Monat ist nun Weihnachten. Weihnachten, Fest des Friedens.
Aber die Menschen wissen nichts vom Frieden. Nur Krieg steht in jeder Zeile. Wo werden wir es wohl in diesem Jahr feiern? Für mich wird es die erste Kriegsweihnacht sein.
Wir sind ja zufrieden, wenn wir, die wir nun ununterbrochen fünf Monate im Kampf stehen, rausgezogen würden und einige Wochen Ruhe bekämen. Ein Bäumchen wird sich wohl auftreiben lassen, und wenn ein Haufen Post käme, so wäre jeder glücklich und zufrieden. Die Ansprüche des Landsers sind ja nicht groß. In diesem Jahre kann ich ja nun nicht persönlich die Weihnachtsgeschenke kaufen.
Mit gleicher Post habe ich daher an die Mila geschrieben, auf das Konto von Papa hundert Mark zu überweisen. Verteilt das Geld bitte wie folgt: Papa und Mutti je fünfunddreißig Mark, Wolf und Matilde je fünfzehn Mark. Das göttliche Kind möge euch allen seinen Segen geben, und wir wollen hoffen, dass seine Gnade die Führer der Völker erleuchtet, sodass im nächsten Jahre Weihnachten wieder ein Fest des Friedens ist. Wenn ihr unter dem Lichterbaume sitzt, dann denkt an mich, schließt mich in euer Gebet ein.
Nochmals frohes Fest und tausend Grüße und Küsse von eurem Jungen. Hier, in diesem letzten Brief, spricht Franz Siebeler es zum ersten Mal ganz offen aus: Alle früheren Kriege mögen ungerecht gewesen sein, Sache der Diplomaten. Dieser eine aber sei der Kampf der gerechten Sache. Die Menschen des Landes, das er erobert hat, sind ihm zu asiatischen Horden geworden, ihre Armut zum Beweis, nicht zur Anklage.
Die Sprache der nationalsozialistischen Propaganda vom jüdisch-bolschewistischen Untermenschen ist restlos zu seiner eigenen geworden. Der gläubige Katholik, der um das Gebet seiner Mutter bittet und für das kranke Häschen zu Hause fünfzehn Mark beiseitelegt, rechtfertigt in demselben Brief einen Vernichtungskrieg als gottgerechte Sache. Beides steht nebeneinander, ohne Widerspruch, ohne Bruch. Das ist das Verstörende an Franz Siebeler: nicht, dass er ein Monster war, sondern dass er keines war.
Und über allem liegt der Tod des Freundes mit der blonden Haarlocke, den er im Jahr zuvor zum letzten Mal gesehen hat. Der Krieg ist bitter, sehr bitter, schreibt Franz. Er trauert um den einen Kameraden, dessen Namen er kennt, und findet kein Wort für die Hunderte namenloser Toter, über die er Wochen zuvor hinwegsah. Sein Mitgefühl reicht so weit wie sein Bekanntenkreis.
Es ist der letzte Brief dieser Sammlung. Was danach kommt, wissen wir nicht mehr aus seiner Hand. Hier brechen die Briefe ab. Wir wissen nicht, ob Franz zu Weihnachten die Ruhe bekam, die er sich wünschte.
Wir wissen nicht, ob der Urlauberzug, über den er einmal so herzlich gelacht hatte, ihn je nach Hause brachte, nach Nordhausen, das auf seiner Strecke lag. Was wir wissen, steht in den nüchternen Zeilen seiner Militärunterlagen. Franz Siebeler wurde von seiner ersten Einheit später zum Artillerieregiment 4 der 14. Panzerdivision abkommandiert.
Mit dieser Division geriet er in den Sog nach Süden, dorthin, wo im Sommer 1942 die deutsche Offensive auf den Kaukasus und auf eine Stadt an der Wolga rollte, deren Name für alles stehen sollte, was in diesem Krieg unterging: Stalingrad. Dort, vor Stalingrad, fiel Franz Siebeler im Juni 1942 als Gefreiter. Er wurde nicht älter als dreiundzwanzig Jahre, ledig, ohne Kinder. Von der Stadt, deren Belagerung im folgenden Winter die deutsche Sechste Armee verschlingen würde, hat er den Untergang nicht mehr erlebt.
Er starb, bevor der Kessel sich schloss, einer von Hunderttausenden, die der Wolga nie so nah kamen wie im Tod. Der Krieg, von dem er im Oktober 1941 noch geschrieben hatte, lange könne er nicht mehr dauern, überlebte ihn um fast drei Jahre. Was bleibt von Franz Siebeler? Ein Bündel Briefe, geschrieben in Zelten, in fremden Bauernhäusern, auf dem Geschäftszimmer eines alten Schlosses, in Deckungslöchern am Rand russischer Straßen.
Keine großen Worte, keine Bekenntnisse eines Täters, keine eines Helden. Die Briefe eines gewöhnlichen jungen Mannes an seine Eltern, seine Geschwister, an das kranke Häschen zu Hause. Und gerade darin liegt ihre Bedeutung. Franz Siebeler war kein Fanatiker, der zum Krieg drängte.
Er wollte, wie er selbst schrieb, gegen niemand gern Krieg führen. Er trug seine Fußballschuhe im Spind, staunte über die Landschaft, sparte Butter für den nächsten Tag. Und derselbe Mann sah zu, wie zwanzig Zivilisten erschossen wurden, und nannte es mehr wie Recht. Er sah brennende Flugzeuge abstürzen und empfand Freude.
Er übernahm die Sprache von den asiatischen Horden und dem jüdisch-bolschewistischen Feind, ohne zu zögern, und zog mit ihr in einen Krieg, der Millionen Menschen das Leben kostete. Es wäre bequem, in ihm ein Ungeheuer zu sehen. Es wäre ebenso falsch, in ihm nur ein Opfer zu sehen. Franz Siebeler war beides und keines: ein fürsorglicher Sohn und ein Rädchen in einer Vernichtungsmaschine, ein frommer Mensch und ein Mann, der das Töten anderer rechtfertigte.
Seine Briefe zeigen, wie leicht, wie beiläufig ein anständiger junger Mann zum Mitträger eines Verbrechens werden konnte, nicht durch einen großen Entschluss, sondern durch tausend kleine Selbstverständlichkeiten, durch das Übernehmen von Feindbildern, durch das Wegsehen, durch das Weitermachen. Das ist es, warum diese Briefe heute noch gelesen werden müssen. Nicht um zu verurteilen und nicht um zu entschuldigen, sondern um zu verstehen, wie nah das Gewöhnliche und das Ungeheuerliche beieinander liegen können, in einem einzigen Menschen, in einem einzigen Brief zwischen einem Weihnachtsgruß und einem gerechtfertigten Mord.
Franz Siebeler hat diese Fragen nie gestellt.