Im Morgengrauen des 22. Juni 1941 begann der deutsche Angriff auf die Sowjetunion, und im zentralen Abschnitt der Front vollzog sich binnen achtzehn Tagen jene erste große operative Einkesselung der Roten Armee, die später unter dem Namen Schlacht von Bialystok und Minsk bekannt wurde. Was zwischen dem Bug, dem Njemen und den Wäldern westlich von Minsk geschah, war kein Zufall und keine bloße Folge zahlenmäßiger Überlegenheit. Es war das Ergebnis einer bestimmten operativen Anlage, eines bestimmten Tempos und eines ganz bestimmten Zustands der beteiligten Truppen.

Entscheidend war die Geografie. Die sowjetische Grenze bildete hier einen tief nach Westen vorspringenden Bogen, dessen Spitze weit in feindlich kontrolliertes Gebiet hinausragte. Im Norden wurde dieser Bogen durch den Raum um Grodno und den Lauf des Njemen begrenzt, im Süden durch Brest am Bug und die ausgedehnten Sümpfe des Pripjet. Ein solcher Vorsprung lädt den Angreifer geradezu dazu ein, nicht frontal gegen die Spitze anzurennen, sondern an der Wurzel des Bogens weit im Osten zwei Zangen anzusetzen und den gesamten Vorsprung samt der darin stehenden Truppen abzuschneiden.
Genau auf dieser Überlegung beruhte die deutsche Planung. In diesem Bogen standen die Kräfte der sowjetischen Westfront in einer dichten, aber verwundbaren Aufstellung. Im ersten Treffen befanden sich drei Armeen. Im Norden, im Raum Grodno, stand die dritte Armee.
In der Mitte, an der weitesten Ausbuchtung um Bialystok, stand die zehnte Armee, die stärkste und zugleich diejenige, die am tiefsten im Sack lag. Im Süden, im Raum Brest, stand die vierte Armee unmittelbar an der Grenze. Weiter östlich in Richtung Minsk befand sich die dreizehnte Armee noch in der Aufstellung, dazu weitere Reserven, die erst herangeführt werden mussten. Diese Anordnung bedeutete, dass die kampfkräftigsten Verbände genau dort standen, wo eine Umfassung sie am schnellsten von ihren rückwärtigen Verbindungen abschneiden würde.
Der Vorsprung, der auf dem Papier wie ein Sprungbrett nach Westen wirkte, war in Wahrheit eine geografische Falle. Die deutsche operative Anlage nutzte diese Form konsequent aus. Der gesamte Abschnitt gehörte zur Heeresgruppe Mitte unter Generalfeldmarschall Fedor von Bock, der stärksten der drei Heeresgruppen. Ihr unterstanden zwei Panzergruppen und zwei Infanteriearmeen.
Im Norden führte Hermann Hoth die dritte Panzergruppe, die aus dem Raum Suwalki über den oberen Njemen in Richtung Wilna und weiter auf Molodetschno vorstoßen sollte, um die nördliche Zange zu bilden. Im Süden führte Heinz Guderian die zweite Panzergruppe, die beiderseits von Brest den Bug überschreiten und über Kobryn, Slonim und Baranowitschi nach Osten stoßen sollte. Beide Keile hatten das Ziel, sich weit hinter dem Frontbogen im Raum um Minsk zu vereinigen und so einen äußeren Ring zu schließen. Hinter den Panzern folgten die neunte Armee im Norden und die vierte Armee im Süden, deren Aufgabe es war, den inneren Ring dichter um die Masse der eingeschlossenen Truppen zu legen.
Das Kräfteverhältnis war weniger eindeutig, als es der spätere Ausgang nahelegt. Die Heeresgruppe Mitte verfügte über den Löwenanteil der beweglichen Verbände des gesamten Feldzuges. Doch die sowjetische Westfront war kein schwacher Gegner und zählte auf dem Papier eine erhebliche Zahl von Schützendivisionen und mehrere mechanisierte Korps mit einer großen Menge an Panzern, darunter auch modernen Typen. Der Unterschied lag weniger in der bloßen Zahl als in der Fähigkeit, diese Masse rechtzeitig geordnet und im Zusammenwirken einzusetzen.
Genau an dieser Fähigkeit entschied sich in den ersten Tagen der eigentliche Ausschlag. Auf sowjetischer Seite stand die Westfront unter dem Befehl von Armeegeneral Dmitri Pawlow. Ihre Lage am Vorabend des Angriffs war durch schwere strukturelle Probleme gekennzeichnet. Die Nachrichtenverbindungen waren unzureichend ausgebaut und stützten sich zu stark auf feste Fernsprechleitungen, die durch Luftangriffe und Sabotage rasch ausfielen, während es an beweglichen Funkmitteln mangelte.
Die Aufklärung über die Absichten des Gegners war lückenhaft, und die eigenen Verbände befanden sich vielfach nicht in Verteidigungsstellungen, sondern in Friedensunterkünften, in Lagern oder auf dem Marsch. Über die Frage, wo der Hauptstoß des Gegners zu erwarten sei, bestand keine klare Gewissheit. Die Weisungen der obersten Führung schwankten zwischen der Forderung, keine Provokation zuzulassen, und der später einsetzenden Forderung nach entschlossenen Gegenangriffen. Noch am Abend des ersten Angriffstages erging aus Moskau die Weisung, nicht nur den Gegner aufzuhalten, sondern zu breit angelegten Gegenangriffen überzugehen und den Kampf in das Aufmarschgebiet des Feindes zu tragen.
Diese Weisung entsprach in keiner Weise der tatsächlichen Lage an der Westfront. Sie verlangte von Verbänden, die überrascht in der Verbindung zerschlagen und im Nachschub noch nicht geordnet waren, eine offensive Bewegung, für die weder die Voraussetzungen noch die Kenntnis der Feindlage bestanden. Die Folge war, dass kostbare bewegliche Kräfte nicht zu einer geordneten Verteidigung oder zu einem rechtzeitigen Absetzen aus dem Bogen verwendet wurden, sondern in einzelne schlecht abgestimmte Gegenstöße hinein liefen, die den Vormarsch der Panzergruppen nicht brechen konnten und die eigenen Reserven vorzeitig verbrauchten. So verband sich die ungünstige geografische Ausgangslage mit einer Führung, die auf falsche Voraussetzungen hin plante.
In den ersten Stunden des 22. Juni traf der deutsche Schlag auf Verbände, die überrascht und ungeordnet waren. Die Luftwaffe zerstörte einen großen Teil der auf den Flugplätzen stehenden sowjetischen Flugzeuge am Boden und errang damit rasch die Luftüberlegenheit, die für den weiteren Verlauf entscheidend werden sollte. Die deutschen Panzerkeile durchbrachen die dünn besetzten Grenzabschnitte und stießen in die Tiefe, ehe die sowjetische Führung ein klares Bild der Lage gewinnen konnte.
Dennoch kam es sofort zu Widerstand. Die Festung Brest hielt weit über den ersten Tag hinaus und band deutsche Kräfte, obwohl die Panzer sie längst umgangen hatten. Sowjetische mechanisierte Korps setzten sich in Bewegung, um Gegenstöße zu führen, doch geschah dies vielfach ohne genaue Kenntnis der Feindlage, ohne gesicherten Nachschub an Betriebsstoff und ohne eine übergeordnete Abstimmung, die mehrere Verbände zu einem einheitlichen Schlag zusammengefasst hätte. Der Verlauf des Durchbruchs in den Tagen vom 23.
bis zum 26. Juni folgte auf beiden Flügeln einem ähnlichen Muster. Im Norden überschritt die dritte Panzergruppe Hoths den oberen Njemen, gewann rasch Raum und stieß auf Wilna zu, das bereits nach wenigen Tagen erreicht wurde. Damit war die nördliche Umfassung tief in die Flanke und in den Rücken der sowjetischen dritten Armee getrieben.
Im Süden überschritt die zweite Panzergruppe Guderians beiderseits von Brest den Bug und drängte nach Osten, wobei die Kämpfe um Slonim und um die Flussübergänge zu wichtigen Zwischenzielen wurden. Das Tempo der Panzerverbände war hoch und betrug an guten Tagen mehrere Dutzend Kilometer, sodass die Keile den nachfolgenden eigenen Infanteriearmeen bald weit vorauseilten. Genau dieser Vorsprung war Absicht und Risiko zugleich, denn er schuf die Umfassung, ließ aber zwischen der schnellen Panzerlinie und der langsameren Infanterie eine gefährliche Lücke entstehen. Auf sowjetischer Seite setzten in diesen Tagen die ersten größeren Gegenstöße ein.
Im Raum Grodno wurde eine bewegliche Gruppe unter dem stellvertretenden Frontbefehlshaber General Iwan Boldin gebildet, die aus mechanisierten Korps und einem Kavalleriekorps bestand und den nördlichen deutschen Vorstoß in der Flanke treffen sollte. Auf dem Papier war dies eine starke Kraft mit vielen Panzern. In der Wirklichkeit litt der Gegenstoß unter Mängeln, die für die gesamte sowjetische Reaktion kennzeichnend waren. Die Verbände trafen zeitlich versetzt und aus verschiedenen Richtungen ein, ohne dass ihre Angriffe zu einem gemeinsamen Stoß zusammengefasst werden konnten.
Der Betriebsstoff fehlte, sodass Panzer nicht selten aus Mangel an Kraftstoff und nicht durch Feindwirkung liegen blieben und aufgegeben werden mussten. Über den anrollenden Kolonnen stand die deutsche Luftwaffe, die Bewegungen bei Tag außerordentlich erschwerte und die Angreifer schon vor dem eigentlichen Zusammentreffen mit dem Gegner schwächte. So blieben diese Gegenstöße örtlich begrenzt und konnten den Vormarsch der Panzerkeile nicht aufhalten. Das Schicksal des sechsten mechanisierten Korps, eines der stärksten der Front, war bezeichnend.
Es wurde in den Raum nördlich von Bialystok in Marsch gesetzt, um am Gegenstoß bei Grodno teilzunehmen. Doch die Anmarschwege waren weit, die Aufklärung über den Gegner unzureichend, und die Kolonnen gerieten unter ständige Luftangriffe. Ein erheblicher Teil der Panzer erreichte den vorgesehenen Einsatzraum gar nicht erst in gefechtsbereitem Zustand, weil unterwegs der Betriebsstoff ausging oder technische Ausfälle auftraten, die ohne Werkstattgruppen und Ersatzteile nicht behoben werden konnten. Wo es zum Gefecht kam, trafen einzelne ungeordnet eingesetzte Verbände auf eine deutsche Abwehr, die Panzerabwehrkanonen, Artillerie und Luftangriffe planmäßig zusammenwirken ließ.
Das Ergebnis war ein rascher Verschleiß einer eigentlich beträchtlichen Panzermasse, ohne dass daraus ein durchschlagender Erfolg entstanden wäre. Bereits gegen den 25. und 26. Juni zeichneten sich die Umrisse eines doppelten Kessels ab, dessen äußerer Ring durch die Panzergruppen und dessen innerer Ring durch die nachrückenden Infanteriearmeen gebildet werden sollte.
Der äußere Ring schloss sich zuerst. Im Norden führte Hermann Hoth seine dritte Panzergruppe über Wilna hinaus in südöstlicher Richtung auf den Raum Molodetschno und weiter auf Minsk. Im Süden drängte Heinz Guderian mit der zweiten Panzergruppe über Slonim auf Baranowitschi und von dort ebenfalls in Richtung Minsk. Am 28.
Juni fiel Minsk, und kurz darauf trafen die Spitzen der beiden Panzergruppen östlich der Stadt zusammen. Damit war ein äußerer Ring gebildet, der die gesamte Masse der im Bogen stehenden sowjetischen Verbände von den weiter östlich liegenden Rückzugswegen und Reserven trennte. Dieser äußere Ring war zunächst dünn. Er bestand aus schnellen, aber zahlenmäßig begrenzten Panzer- und Kraftfahrverbänden, die eine sehr weite Linie zu halten hatten.
Ein solcher Ring konnte den Gegner einschließen, doch er konnte ihn nicht auf Dauer allein festhalten, wenn dieser mit gebündelter Kraft an einer Stelle nach Osten durchzubrechen versuchte. Diese Aufgabe fiel den beiden Infanteriearmeen zu, die den Panzern folgten. Der innere Ring entstand durch das Vorgehen der neunten Armee im Norden und der vierten Armee im Süden. Beide schoben sich von Nordwesten und Südwesten her aufeinander zu und trafen sich in den Tagen um den 28.
Juni östlich von Bialystok im Raum zwischen Wolkowysk und den umliegenden Wäldern. Durch dieses Zusammentreffen wurde die eingeschlossene sowjetische Masse in zwei getrennte Kessel zerschnitten. Der westliche kleinere Kessel lag um Bialystok und umfasste im Kern die zehnte Armee. Der östliche größere Kessel lag im Raum Nowogrodek und weiter in Richtung Minsk und enthielt die Reste der dritten Armee, der dreizehnten Armee und Teile der vierten Armee sowie zahlreiche versprengte Verbände.
Aus einem einzigen großen Sack waren damit zwei Kessel geworden, ein Umstand, der die spätere Zerschlagung erleichterte, weil er dem Verteidiger die Möglichkeit nahm, seine gesamte verbliebene Kraft an einem einzigen Punkt zu bündeln. Auf sowjetischer Seite setzte in diesen Tagen die Erkenntnis ein, dass ein Verbleiben im Bogen in die Vernichtung führte. Pawlow gab, wenn auch spät, Befehle zum Zurückgehen der dritten und der zehnten Armee. Doch diese Befehle kamen zu einem Zeitpunkt, als der äußere Ring bereits zu schließen begann und die inneren Verbindungen weitgehend zusammengebrochen waren.
Ein geordneter Rückzug hätte gesicherte Nachrichtenwege, ausreichenden Betriebsstoff und die Beherrschung der Marschstraßen vorausgesetzt. Alle drei Bedingungen waren nicht mehr gegeben. Die Befehle erreichten die Truppe verspätet oder gar nicht. Die Straßen waren von flüchtenden Kolonnen und ausgefallenen Fahrzeugen verstopft, und über allem stand bei Tag die deutsche Luftwaffe.
So verwandelte sich der beabsichtigte geordnete Rückzug vielerorts in ein Ausweichen einzelner Gruppen, die den Anschluss an die Führung verloren hatten. Trotzdem blieb der Widerstand keineswegs aus. An mehreren Stellen wurden Gegenstöße und Ausbruchsversuche unternommen. Reste des zwanzigsten mechanisierten Korps und Kräfte des vierten Luftlandekorps, die in den Raum südöstlich der Kessel geführt wurden, versuchten, den sich verengenden Ring aufzubrechen.
Die bewegliche Gruppe unter General Boldin führte weiterhin Teile in Richtung Osten, um dem Kessel zu entkommen. Einzelne Divisionen und Kampfgruppen sammelten sich, durchbrachen örtlich die dünnen Sperrlinien und schlugen sich durch die Wälder in kleineren Verbänden nach Osten durch. Solche örtlichen Erfolge blieben jedoch ohne durchschlagende Wirkung auf das Gesamtbild, weil sie nicht zu einem gemeinsamen, an einer Stelle gebündelten Stoß zusammengefasst werden konnten. In den ausgedehnten Wäldern zwischen Wolkowysk, Nowogrodek und der Beresina sammelten sich Reste zahlreicher Verbände, deren Stäbe die Verbindung zu ihren übergeordneten Kommandobehörden längst verloren hatten.
Manche dieser Gruppen führten in den Nächten geordnete Vorstöße nach Osten, nutzten die Dunkelheit, um den Luftangriffen zu entgehen, und schlugen sich in kleinen Kampfgruppen durch die Sperrlinien hindurch, bis sie nach Tagen erschöpft die eigene Front erreichten. Andere Gruppen wurden in den Wäldern gestellt, zerschlagen oder zur Aufgabe gezwungen, als der Betriebsstoff und die Munition zur Neige gingen. Einzelne höhere Kommandeure fielen im Gefecht, anderen gelang der Durchbruch, wieder andere gerieten in Gefangenschaft. Die Gründe, warum diese Ausbruchsversuche den Ring nicht sprengten, wiederholten die Ursachen der ersten Tage unter noch ungünstigeren Bedingungen.
Es fehlte eine einheitliche Führung, die alle verfügbaren Kräfte auf einen einzigen sorgfältig gewählten Durchbruchspunkt hätte konzentrieren können. Stattdessen stießen einzelne Verbände zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Stellen vor, sodass die deutsche Abwehr sie nacheinander abfangen konnte. Der Mangel an Betriebsstoff lähmte gerade die beweglichen Verbände, auf die es bei einem Ausbruch besonders angekommen wäre. Die Herrschaft der deutschen Luftwaffe machte jede Sammlung größerer Kräfte bei Tageslicht zu einem Wagnis.
Und die zunehmende Zersplitterung in immer kleinere Gruppen nahm den Ausbruchsversuchen jene Wucht, die allein einen dünnen Ring von innen hätte durchstoßen können. Auf deutscher Seite war der Panzerring rasch geschlossen, aber verwundbar, weil er weite Räume mit wenigen Kräften abdeckte. Hätte der Gegner in den ersten Tagen der Umklammerung an einer einzigen Stelle mit gesammelter Kraft gestoßen, wäre ein Durchbruch nicht ausgeschlossen gewesen. Doch genau in dem Zeitfenster, in dem der Ring am dünnsten war, gelang der eingeschlossenen Seite keine solche Bündelung.
Während dieses Fensters rückte die Infanterie heran, füllte die Zwischenräume und legte einen zweiten, festeren Ring um die Kessel. In dem Wettlauf zwischen der Verdichtung des Ringes und der Sammlung der Ausbruchskräfte behielt die deutsche Seite die zeitliche Oberhand. Doch auch die deutsche Führung stand vor erheblichen Problemen. Das Hauptproblem war das Auseinanderklaffen von Panzer und Infanterie.
Die Panzergruppen hatten so rasch Raum gewonnen, dass die marschierende Infanterie weit zurückblieb und Tage brauchte, um aufzuschließen. Hinzu kamen die überdehnten Verbindungen, denn der Nachschub an Betriebsstoff, Munition und Ersatzteilen musste über weite schlechte Straßen bis zu den vordersten Verbänden geführt werden. Jede Division, die zur Bewachung des Kessels gebunden war, fehlte beim weiteren Vorstoß nach Osten. So schuf der Erfolg selbst neue Zwänge, die den Schwung der Bewegung zu bremsen drohten.
Innerhalb der deutschen Führung bestand ein Spannungsverhältnis zwischen dem Drang, mit den Panzergruppen sofort weit nach Osten in Richtung Beresina und Dnjepr vorzustoßen, und der Notwendigkeit, den gerade erst geschlossenen Ring zu halten. Guderian neigte dazu, den Vorstoß so schnell wie möglich fortzusetzen. Die Heeresgruppe Mitte unter von Bock bestand dagegen darauf, dass die beweglichen Verbände zunächst noch am Ring mitwirkten. Der gewählte Mittelweg bedeutete, dass die Panzergruppen nicht sofort in vollem Umfang nach Osten abgezogen wurden, sondern noch eine Zeit lang zur Sicherung beitrugen.
Diese Zurückhaltung, so sehr sie den weiteren Vorstoß verzögerte, trug entscheidend dazu bei, dass der Kessel nicht wieder aufbrach. Für die sowjetische Führung hatte diese Phase unmittelbare personelle Folgen. Angesichts des Zusammenbruchs an der Westfront wurde Frontbefehlshaber Pawlow noch Ende Juni seines Kommandos enthoben, zusammen mit einem Teil seines Stabes. Diese Maßnahme änderte nichts mehr am Schicksal der eingeschlossenen Armeen, doch sie zeigte, wie tief die Krise der Führung reichte.
Für die im Kessel kämpfenden Verbände bedeutete der Wechsel an der Spitze zunächst nur einen weiteren Bruch in einer ohnehin zerrütteten Befehlskette. Die Verteidigung setzte sich vielerorts fort, doch sie war nun endgültig eine Sache einzelner Kommandeure, Divisionen und Gruppen, nicht mehr einer zusammenhängenden Front. Zieht man die Linien dieser Tage zusammen, so ergibt sich für den 30. Juni ein klares Bild.
Beide Ringe waren geschlossen, der äußere durch die Panzergruppen östlich von Minsk, der innere durch die Infanterie östlich von Bialystok. Die eingeschlossenen Kräfte waren in zwei Kessel zerteilt und von jeder geordneten Verbindung nach Osten abgeschnitten. Was es letztlich erlaubte, die Umklammerung zu halten, war ein Zusammenwirken mehrerer Umstände. Es war das hohe Tempo, mit dem der äußere Ring geschlossen wurde, ehe der Gegner reagieren konnte.
Es war die überlegene Nachrichtenverbindung, die es der deutschen Führung erlaubte, Kräfte an bedrohten Stellen rechtzeitig zu verschieben. Und es war die Entscheidung der Heeresgruppe, die Panzergruppen so lange am Ring zu halten, bis die Infanterie die Bewachung sicher übernommen hatte. Mit dem Beginn des Juli trat die Schlacht in ihre letzte Phase ein, die Zerschlagung der beiden Kessel. Diese Aufgabe lag nun im Wesentlichen bei der deutschen neunten und vierten Armee, deren Infanteriedivisionen die eingeschlossene Masse von allen Seiten zusammendrückten.
Es war kein Bewegungskrieg mehr, sondern ein zähes Ringen in Wäldern, Sümpfen und um einzelne Ortschaften, das sich über Tage hinzog. Die eingeschlossenen sowjetischen Verbände waren zwar von der Führung abgeschnitten und in ihrer Versorgung erschöpft, doch sie leisteten an vielen Stellen erbitterten Widerstand und unternahmen bis zuletzt Versuche, nach Osten durchzubrechen. Einigen kleineren Gruppen gelang dies auch, und sie erreichten in den folgenden Tagen die neu entstehende sowjetische Front weiter im Osten. Die Masse der eingeschlossenen Kräfte jedoch konnte den engen und immer dichteren Ring nicht mehr durchstoßen.
Der kleinere Kessel um Bialystok wurde zuerst bewältigt, da er näher an den heranrückenden deutschen Infanteriekräften lag. Der größere Kessel im Raum Nowogrodek hielt länger, weil er mehr Verbände umfasste und tiefer gestaffelt war. Der organisierte Widerstand der großen eingeschlossenen Gruppierungen erlosch im Wesentlichen um den 8. und 9.
Juli. Achtzehn Tage nach dem ersten Schuss war die Masse der sowjetischen Westfront als geordnete zusammenhängende Kraft nicht mehr vorhanden. Die Gesamtverluste der sowjetischen Westfront in diesem Zeitraum werden nach verschiedenen Berechnungen mit etwa 417. 000 bis 420.
000 Mann angegeben. Ein sehr großer Teil davon entfiel auf Gefangene, deren Zahl je nach Quelle mit etwa 320. 000 bis 340. 000 Mann beziffert wird.
Hinzu kamen gewaltige Verluste an Kriegsgerät: mehrere tausend Panzer, viele davon ohne Feindwirkung aus Mangel an Betriebsstoff oder durch technische Ausfälle verloren, sowie viele hundert bis über tausend Geschütze und eine große Zahl von Flugzeugen, von denen ein beträchtlicher Teil bereits in den ersten Stunden am Boden vernichtet worden war. Die deutschen Verluste lagen deutlich niedriger, doch auch hier ist Vorsicht geboten, denn die Panzergruppen hatten durch die weiten und schnellen Vorstöße einen erheblichen Verschleiß an Fahrzeugen und Material erlitten, der sich nicht in den Verlusten der Menschen, wohl aber im sinkenden Bestand einsatzbereiter Panzer niederschlug. Der wichtigste Einzelfaktor für den deutschen Erfolg war die ungünstige operative Aufstellung der sowjetischen Truppen im Frontbogen, die eine beidseitige Umfassung geradezu einlud. Hinzu kam die Geschwindigkeit und die Tiefe der Panzerstöße, die den äußeren Ring schlossen, ehe der Gegner reagieren konnte.
Entscheidend war ferner die Überlegenheit in Führung und Nachrichtenverbindung. Dazu traten die Folgen von Entscheidungen, die schon vor dem Angriff getroffen worden waren: die vorgeschobene Aufstellung, der Stand der Mobilmachung und die Befehle, die einen frühen Rückzug untersagten. Die tiefe Vorstaffelung der Armeen im Frontbogen war keine spontane Fehlleistung, sondern das Ergebnis einer Aufstellung, die auf einen eigenen Vorstoß nach Westen hin angelegt war. Die mechanisierten Korps befanden sich mitten in einer Umgliederung und Aufrüstung.
Ihre neuen Panzertypen waren noch nicht in ausreichender Zahl vorhanden, die Besatzungen nicht durchweg ausgebildet, und es fehlte an Werkstattdiensten, Ersatzteilen und Betriebsstoffreserven. Der Stand der Mobilmachung bedeutete, dass viele Verbände weder personell noch materiell voll aufgefüllt waren, als der Angriff sie überraschte. Erst das Zusammentreffen all dieser Umstände ergab das volle Ausmaß der Niederlage. Ebenso wichtig ist es, die Grenzen des deutschen Erfolges zu benennen.
Die Zerschlagung der Kessel zog sich hin, weil die Infanterie erst mühsam aufschließen musste. Der Verschleiß der Panzer verringerte die Kampfkraft der beweglichen Verbände gerade in dem Augenblick, in dem sie für den weiteren Vorstoß am dringendsten gebraucht wurden. Die Notwendigkeit, starke Kräfte zur Bewachung und zur Zerschlagung der eingeschlossenen Truppen zu binden, entzog diese Kräfte dem Stoß nach Osten. So enthielt der Erfolg von Anfang an die Keime jener Reibung, die den weiteren Feldzug prägen sollte, denn ein großer Kessel bindet nicht nur den Gegner, sondern auch den Sieger.
Einerseits war der Weg nach Osten in Richtung Smolensk und auf die Landbrücke zwischen Düna und Dnjepr nun weitgehend frei. Andererseits waren die Verbindungslinien der Heeresgruppe Mitte nun außerordentlich weit gedehnt, und die sowjetische Führung führte neue Reserven heran, die sie auf der Linie der Düna und des Dnjepr zu einer neuen Verteidigung zusammenzog. Der Zusammenbruch an der Grenze bedeutete also nicht das Ende des Widerstandes, sondern nur die Beseitigung seiner ersten Staffel. Fasst man den militärischen Gehalt dieser Etappe zusammen, so handelt es sich um ein klassisches Beispiel einer tiefen Operation auf Umfassung und Vernichtung.
Zwei Panzergruppen bildeten weit im Rücken des Gegners einen äußeren Ring, während die Infanteriearmeen einen inneren Ring legten und die eingeschlossene Masse zerteilten und zerschlugen. Möglich wurde dies durch ein bestimmtes Zusammentreffen von Bedingungen: die vorgeschobene und ungünstige Aufstellung des Gegners, dessen zerrüttete Führung, die eigene Überlegenheit in Beweglichkeit und Verbindung sowie die Herrschaft in der Luft. Aus diesem Befund folgt jedoch weder, dass die deutsche Armee unbesiegbar gewesen wäre, noch dass die sowjetischen Fehler unvermeidlich gewesen wären. Der Ausgang war das Ergebnis konkreter Umstände und konkreter Entscheidungen, und ebenso konkret waren die Grenzen, die sich bereits abzeichneten.
Innerhalb von achtzehn Tagen zerschlug die Heeresgruppe Mitte den größten Teil der sowjetischen Westfront als organisierte Kraft, nahm hunderttausende in Gefangenschaft und erbeutete oder vernichtete eine riesige Menge an Kriegsgerät. Zugleich hatte dieser Erfolg seinen Preis, denn der Verschleiß der Panzer und die Dehnung der Verbindungen offenbarten bereits die Grenzen der eigenen Beweglichkeit. So bleibt die Schlacht von Bialystok und Minsk ein Beispiel dafür, wie in der Anfangsphase eines Krieges operative Entscheidungen und der Zustand der beteiligten Truppen zu einem raschen und weitreichenden Ergebnis führen können, das jedoch stets an die besonderen Bedingungen jenes ersten Kriegssommers gebunden war.