„Am 6. Mai 1945 rückten wir mit Panzern in Prag ein – nicht für die Deutschen, sondern gegen sie.” Ich war einer von ihnen, ein ehemaliger Rotarmist, der in deutschen Lagern dem Hungertod entkam,…

Im Herbst 1944 stand das Deutsche Reich vor dem Zusammenbruch, und ausgerechnet in dieser Stunde der Not griff die Führung nach einer Karte, die sie jahrelang verachtet hatte. Die Rede ist von der russischen Befreiungsarmee, im russischen Sprachgebrauch ROA genannt, und ihrer politischen Dachorganisation, dem Komitee zur Befreiung der Völker Russlands. Es ist eine Geschichte voller Widersprüche, von Illusionen und Abhängigkeiten, die in einer fast vorhersehbaren Tragödie endete. Um diese Geschichte zu verstehen, muss man zurückblicken auf den Krieg im Osten, der seit dem Sommer 1941 ein Vernichtungskrieg von beispielloser Härte war.

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Millionen sowjetischer Soldaten gerieten in deutsche Gefangenschaft, und in den Lagern der Wehrmacht herrschten Zustände, die für einen großen Teil der Gefangenen den Tod bedeuteten. Hunger, Seuchen, Kälte, systematische Vernachlässigung. Von den etwa fünf Millionen Rotarmisten, die im Laufe des Krieges in deutsche Hände fielen, kam weit mehr als die Hälfte ums Leben. Gleichzeitig hatte die sowjetische Führung mit dem Befehl Nummer 270 jede Gefangennahme praktisch zum Verrat erklärt.

Wer sich ergab, galt als Deserteur, und seine Angehörigen konnten dafür belangt werden. Zwischen diesen beiden Mühlsteinen, dem deutschen Lagertod auf der einen und dem sowjetischen Verdikt auf der anderen Seite, entstand ein Reservoir aus Verzweiflung, aus dem sich später ein Teil der Wlassow-Bewegung speisen sollte. Doch diese Verzweiflung allein erklärt noch nichts über den militärischen Wert dieser Formation. Von deutscher Seite blieb die Haltung gegenüber slawischen Verbänden lange von tiefem Misstrauen geprägt.

Adolf Hitler und ein Großteil der obersten Führung betrachteten die Vorstellung einer bewaffneten russischen Armee unter eigener politischer Flagge mit rassistischer Ablehnung und mit der Angst vor Verrat. Die frühe Wlassow-Bewegung der Jahre 1942 und 1943 war deshalb vor allem eines: ein Propagandainstrument. Man druckte Flugblätter, ließ Namen und Gesichter erscheinen, doch eine reale geschlossene Armee entstand nicht. Erst als Deutschland dem Untergang entgegenging, als die Fronten zusammenbrachen und der Bedarf an jedem verfügbaren Soldaten drängend wurde, änderte sich diese Zurückhaltung.

Der Mann, um den sich alles drehte, war Andrej Wlassow. Vor seiner Gefangenschaft war er kein Außenseiter, sondern ein anerkannter und erfolgreicher sowjetischer Befehlshaber. Er hatte in den ersten Kriegsmonaten die 37. Armee bei der Verteidigung von Kiew geführt und sich danach als Kommandeur der 20.

Armee in der Schlacht um Moskau einen Namen gemacht, wo seine Truppen an der Gegenoffensive im Winter 1941 beteiligt waren. Sein Ruf als fähiger Organisator und harter Frontgeneral brachte ihm rasche Beförderungen ein. Im Frühjahr 1942 wurde er an den Wolchow-Abschnitt nördlich von Nowgorod versetzt, in eine der schwierigsten Lagen, die die Ostfront zu bieten hatte. Hier übernahm er faktisch die Verantwortung für die 2.

Stoßarmee, die im Rahmen der Ljuban-Operation den Ring um das belagerte Leningrad aufbrechen sollte. Doch die Operation scheiterte. Die 2. Stoßarmee drang in die sumpfigen Wälder vor, geriet in einen schmalen Korridor, wurde von deutschen Verbänden abgeschnitten und in einem Kessel eingeschlossen.

Nachschub kam nicht mehr durch. Die Männer verhungerten, versanken im Morast, ergaben sich oder kamen um. Wlassow selbst irrte nach dem Zusammenbruch seiner Armee wochenlang durch das Hinterland, bis er im Juli 1942 in der Nähe eines Dorfes unweit der Front von deutschen Truppen aufgegriffen und gefangen genommen wurde. Was folgte, ist der eigentliche Wendepunkt seiner Biographie.

In der Gefangenschaft, in einem Lager für höhere sowjetische Offiziere, begann Wlassow das gescheiterte Kriegsjahr und die Führung Stalins offen zu kritisieren. Er machte die Fehlentscheidungen der obersten Leitung, die Fehleinschätzungen und die rücksichtslose Behandlung der eigenen Soldaten für die Katastrophen der ersten Kriegsmonate verantwortlich. Seine Enttäuschung fiel auf fruchtbaren Boden, denn in denselben Lagern saßen zahllose andere Offiziere und Soldaten, die sich von einem Staat verraten fühlten, der sie zu Deserteuren erklärt hatte, kaum dass sie in Gefangenschaft geraten waren. Aus dieser Kritik und aus den Kontakten zu deutschen Offizieren, die in ihm ein nützliches Werkzeug sahen, entwickelte sich das, was später als Wlassow-Bewegung bekannt wurde.

Doch war dies zu Beginn wirklich eine Bewegung oder nur ein Name auf dem Papier? Der erste greifbare Schritt war die sogenannte Smolensker Erklärung vom Dezember 1942. Ein Aufruf, in dem Wlassow und seine Mitstreiter die Bildung einer russischen Befreiungsarmee zum Kampf gegen den Bolschewismus vorschlugen. Der Text versprach den Sturz Stalins und eine neue Ordnung, und er nannte ein russisches Komitee als vorgebliche politische Führung, das in dieser Form gar nicht existierte.

In Wirklichkeit stand hinter dieser Erklärung keine Armee und kein handlungsfähiges Gremium, sondern lediglich die Bereitschaft der deutschen Propagandaabteilungen, den Namen Wlassow für ihre Zwecke einzusetzen. Die deutsche Führung beschränkte sich bewusst auf die propagandistische Ausschlachtung. Hitlers rassische Vorurteile ließen eine ernsthafte russische Armee unter eigenem Kommando nicht zu, und die Furcht, bewaffnete ehemalige Rotarmisten könnten im entscheidenden Moment überlaufen, saß tief. Die Realität des Jahres 1943 sah für die russischen Freiwilligen in deutschen Diensten dagegen ganz anders aus.

Sie dienten verstreut als sogenannte Osttruppen und als Hilfswillige in Sicherungsaufgaben, im Wachdienst und in der Bekämpfung von Partisanen im besetzten Hinterland. Von einer geschlossenen politischen Armee war nichts zu sehen. Stattdessen gab es Disziplinprobleme, Unsicherheit über die eigene Zukunft und immer wieder Fälle von Fahnenflucht. Das bekannteste Beispiel war der Übertritt der Brigade unter Wladimir Gil-Rodionow, die im Sommer 1943 geschlossen zu den sowjetischen Partisanen wechselte und sich gegen ihre bisherigen deutschen Vorgesetzten wandte.

Solche Ereignisse bestätigten das deutsche Misstrauen und verstärkten die Zurückhaltung gegenüber größeren russischen Verbänden. Die Reaktion der deutschen Führung war bezeichnend: Statt die russischen Freiwilligen zu einer geschlossenen Streitmacht zusammenzufassen, ordnete Hitler im Laufe des Jahres an, große Teile der Osttruppen von der Ostfront abzuziehen und nach Westen zu verlegen, an den Atlantikwall und nach Italien, wo sie in seinen Augen weniger gefährlich waren und nicht überlaufen konnten. Die Männer, deren Namen die Propaganda als Befreier feierte, standen in Frankreich Wache, weit entfernt von jenem Feind, gegen den sie angeblich kämpfen sollten. Ein Ort jedoch stach in dieser Phase hervor: die Schule im Ort Dabendorf südlich von Berlin.

Dort wurden keine Soldaten für den Fronteinsatz gedrillt, sondern Propagandisten und Funktionäre ausgebildet, die die Ideen der Bewegung verbreiten sollten. In Dabendorf sammelten sich Emigranten, ehemalige Offiziere und Intellektuelle, unter ihnen Vertreter der russischen Auslandsorganisation NTS und Publizisten wie Milentij Sykow, dessen Vorstellungen von einem reformierten, entstalinisierten Sozialismus die Programmatik der Bewegung mitprägten. So entstand ein ideologisches Milieu, das über die reine deutsche Propaganda hinausreichte, ohne jedoch militärische Substanz zu besitzen. Zwei ganze Jahre lang blieb die Wlassow-Bewegung damit ein Kopf ohne Körper, eine politische Idee ohne die Armee, deren Namen sie trug.

Erst das Kriegsjahr 1944 veränderte die Lage grundlegend. Die deutschen Niederlagen häuften sich, die Ostfront wich unaufhaltsam zurück, im Westen war die alliierte Landung erfolgt, und der Mangel an Menschen für die Front wurde erdrückend. In dieser Notlage wurde die bislang verschmähte Karte Wlassow plötzlich interessant. Im September kam es zu einem Treffen zwischen Wlassow und Heinrich Himmler, dem Reichsführer der SS, der sich zuvor besonders ablehnend geäußert und die Slawen offen verachtet hatte und nun aus purer Verzweiflung bereit war, dem Projekt einer russischen Armee zuzustimmen.

Dieser Sinneswandel eines der fanatischsten Vertreter der nationalsozialistischen Rassenideologie sagt viel über die Lage aus, in der sich das Reich zu diesem Zeitpunkt befand. Es war kein Zeichen von Vertrauen, sondern von Not. Aus diesem Zugeständnis erwuchs der entscheidende organisatorische Schritt. Am 14.

November 1944 wurde in Prag das Komitee zur Befreiung der Völker Russlands gegründet, ein politisches Dachgremium, das den Anspruch erhob, alle antisowjetischen Kräfte zu vereinen. Dass gerade Prag als Ort gewählt wurde, hatte symbolische Gründe. Es sollte der Eindruck einer eigenständigen slawischen politischen Handlung entstehen, fern von Berlin, in einer Stadt, die als Bühne diente, während die eigentliche Kontrolle in deutscher Hand blieb. Im Rahmen dieser Gründungsversammlung verlas Andrej Wlassow das sogenannte Prager Manifest, das programmatische Dokument der gesamten Bewegung.

Es umfasste 14 Punkte. Es forderte den Sturz der stalinistischen Tyrannei, die Rückkehr zu den Rechten, die das Volk in der Revolution des Jahres 1917 errungen zu haben glaubte, und die Beseitigung des Zwangssystems. Es versprach die Freiheit der Rede, der Presse, der Religion und der Versammlung. Es erkannte das Recht der Völker auf Selbstbestimmung an, bis hin zur Bildung eigener Staaten.

Es stellte den Bauern das Land als privates Eigentum in Aussicht und sah zugleich die Verstaatlichung der Großindustrie vor, als eine Art Mittelweg zwischen Kapitalismus und Bolschewismus, und es sprach von einem ehrenhaften Frieden mit Deutschland. In der Endfassung fehlte der offene Antisemitismus, der die frühere Propaganda der Bewegung durchzogen hatte, während die Präambel deutlich antiwestliche Töne anschlug, um den deutschen Verbündeten entgegenzukommen. Für viele der versammelten Emigranten und ehemaligen Sowjetbürger klang dieses Programm nach der lange ersehnten dritten Kraft, die weder Stalin noch die alte kapitalistische Ordnung wollte. Doch die Umstände seiner Verkündung entlarvten den Anspruch.

Ein Manifest, das die Selbstbestimmung der Völker proklamierte, wurde in einer von deutschen Truppen besetzten Stadt verlesen, mit Genehmigung und unter Aufsicht jener Macht, die halb Europa unterjocht hatte. Der Widerspruch zwischen dem Wortlaut und der Wirklichkeit hätte kaum größer sein können. Warum aber gingen Wlassow und seine Führung diesen Weg überhaupt? Die Antwort liegt in einer Rechnung, die sich im Nachhinein als Selbsttäuschung erweisen sollte.

Sie hofften auf politische Eigenständigkeit, auf eine eigene Armee, die nicht unmittelbar der Wehrmacht unterstellt war, und auf die Möglichkeit, das Deutsche Reich als Werkzeug gegen Stalin zu benutzen. Doch wie real konnte diese Unabhängigkeit sein, wenn die Finanzierung, die Bewaffnung und die Versorgung vollständig vom Deutschen Reich abhingen? Ein Komitee, das seine Bühne, sein Geld und seine Waffen von der Macht bezog, gegen deren Verbündeten es angeblich kämpfte, konnte kaum als unabhängiger Akteur auftreten. Der formale Schritt von der Deklaration zur Streitmacht erfolgte am 28.

Januar 1945, als die Streitkräfte des Komitees zur Befreiung der Völker Russlands offiziell aufgestellt wurden. Auf dem Papier war Andrej Wlassow ihr Oberbefehlshaber, und diese Truppe galt formell nicht als Teil der Wehrmacht, sondern als eigenständige Armee eines verbündeten politischen Gremiums. Doch schon in dieser Formulierung lag die zentrale Fiktion des gesamten Unternehmens. Was auf dem Papier nach Souveränität aussah, war in der Wirklichkeit ein spätgeborenes Kind der deutschen Niederlage, das ohne die Erlaubnis, ohne die Waffen und ohne die Versorgung des Reiches keinen einzigen Tag hätte bestehen können.

Ende Januar standen die sowjetischen Truppen bereits an der Oder, keine hundert Kilometer von Berlin entfernt. Eine Armee, die in diesem Moment erst aufgestellt wurde, konnte auf den Ausgang des Krieges keinen ernsthaften Einfluss mehr nehmen. Betrachtet man die Struktur dieser Streitkräfte im Einzelnen, wird das Missverhältnis zwischen Anspruch und Substanz deutlich. Kernstück und der einzige einigermaßen vollständige Verband war die 1.

Infanteriedivision unter dem Kommando von Sergei Bunjatschenko, ein erfahrener, eigenwilliger und durchsetzungsfähiger Offizier. Diese Division zählte etwa 20. 000 bis 23. 000 Mann, war vergleichsweise gut ausgerüstet und wurde auf dem Truppenübungsplatz Münsingen im Süden Deutschlands aufgestellt und ausgebildet.

Sie war das Aushängeschild, der Beweis, dass die Bewegung tatsächlich eine kampffähige Formation hervorbringen konnte. Doch schon die 2. Infanteriedivision unter Grigori Swerew mit etwa 12. 000 Mann blieb unvollständig und verfügte über keine vollwertige schwere Bewaffnung.

Die 3. Division unter Michail Schapowalow existierte kaum mehr als auf dem Papier, mit einer geplanten Stärke von rund 10. 000 Mann, die niemals wirklich ausgerüstet oder in Gefechtsbereitschaft gebracht wurde. Hinzu kamen die Luftstreitkräfte unter Viktor Malzew, die einige tausend Mann umfassten, aber kaum jemals zu einem echten Kampfeinsatz gelangten, sowie separate Kosakenverbände, die organisatorisch nur lose angebunden waren und sich nur schwer in eine einheitliche Kommandostruktur einfügen ließen.

Rechnete man alles zusammen, ergab sich eine nominelle Gesamtstärke von etwa 120. 000 bis 130. 000 Mann. Doch die Zahl der tatsächlich kampfbereiten Soldaten lag weit darunter, denn sie enthielt Verbände, die nur auf dem Papier bestanden, Einheiten ohne Waffen und Männer ohne Ausbildung.

Äußerlich ahmte die Armee die Struktur der Wehrmacht nach. Sie verfügte über eigene Rangbezeichnungen, eigene Abzeichen und ein eigenes Offizierskorps, und ihre Führung legte großen Wert darauf, als reguläre Armee und nicht als Hilfsformation aufzutreten. Doch hinter dieser Fassade herrschte vollständige Abhängigkeit. Die Bewaffnung stammte aus deutschen Beständen und aus erbeuteten sowjetischen Waffen, was bereits die Versorgung mit Munition zu einem Problem machte, weil unterschiedliche Kaliber und Systeme durcheinander gingen.

Der Nachschub, die Verpflegung, der Treibstoff – alles kam vom Reich, und in der Endphase des Krieges war das Reich selbst kaum noch in der Lage, seine eigenen Truppen zu versorgen. Zu diesen materiellen Schwächen trat ein noch grundlegenderes Problem, das die Kampfkraft von innen aushöhlte: die Motivation der Soldaten. Ein großer Teil der Männer in den Reihen der Befreiungsarmee waren ehemalige Kriegsgefangene, und ihre Beweggründe, sich anwerben zu lassen, hatten oft wenig mit einem ideologischen Kreuzzug gegen den Bolschewismus zu tun. Für viele war der Eintritt in die Truppe schlicht die einzige Alternative zum Verhungern in den deutschen Lagern.

Wer sich meldete, entkam dem Hunger, der Kälte und den Seuchen. Diese Entscheidung war häufig eine Entscheidung ums nackte Überleben, nicht ein politisches Bekenntnis. Eine Armee aber, die sich zu einem erheblichen Teil aus Männern speiste, die vor allem der eigenen Rettung wegen gekommen waren, ließ sich nur schwer zu einem entschlossenen Kampf gegen ihre früheren Kameraden auf der anderen Seite der Front bewegen. Die Grenzen dieser Truppe zeigten sich in dem einzigen nennenswerten Zusammenstoß mit der Roten Armee, der überhaupt stattfand.

Im Frühjahr 1945 wurde die 1. Infanteriedivision unter Bunjatschenko an die Oderfront verlegt, um an einem lokalen Angriffsunternehmen teilzunehmen. Der Hintergrund war der Druck Himmlers und des deutschen Kommandos, das endlich einen sichtbaren Beweis für den militärischen Nutzen dieser Armee sehen wollte. Man setzte die Division am 13.

April gegen einen kleinen sowjetischen Brückenkopf mit dem Namen Erlenhof am Westufer der Oder südlich von Fürstenberg an, wo sowjetische Verbände eine befestigte Stellung hielten. Der Angriff fand in einer Phase statt, in der die sowjetische Übermacht an dieser Front bereits erdrückend war. Was tatsächlich geschah, offenbarte die ganze Schwäche des Unternehmens. Der Angriff kam nur langsam voran.

Das Gelände am Fluss war offen, und die sowjetischen Verteidiger waren gut eingegraben. Die vorrückenden Verbände gewannen nur wenige hundert Meter Boden, gerieten dann in flankierendes Feuer aus vorbereiteten Stellungen und mussten schwere Verluste hinnehmen. Mehr als 350 Mann fielen, ohne dass ein nennenswerter Erfolg erzielt worden wäre. Schließlich brach Bunjatschenko das Unternehmen ab.

Statt weiter sinnlose Verluste hinzunehmen, entschied er, seine Division dem deutschen Kommando zu entziehen und sie nach Süden in Marsch zu setzen. Es war eine der ersten offenen Weigerungen, dem deutschen Befehl bedingungslos zu folgen, und sie deutete bereits an, dass die Führung der Division längst begonnen hatte, eigene Wege zu suchen. Dieser Marsch nach Süden führte die Division jedoch nicht in Sicherheit, sondern mitten hinein in ein Geschehen, das in seinen letzten Tagen alle Widersprüche der ganzen Bewegung auf einen Brennpunkt verdichten sollte. Der Krieg in Europa ging seinem Ende entgegen.

Hitler war tot, Berlin gefallen, und in den letzten Tagen der deutschen Besatzung erhob sich am 5. Mai die Bevölkerung Prags gegen die deutschen Truppen. Der Prager Aufstand war eine verzweifelte, aber entschlossene Erhebung des tschechischen Widerstands, der die Stadt vor der Zerstörung bewahren wollte. In den Straßen der Stadt wurden Barrikaden errichtet, die Aufständischen besetzten Rundfunkgebäude und wichtige Verkehrsknoten.

Doch ihnen fehlte es an schweren Waffen, um den deutschen Verbänden dauerhaft standzuhalten. Die Aufständischen wandten sich mit der Bitte um Unterstützung an die russische Division, die zufällig in Reichweite stand und über schwere Waffen verfügte. Für Bunjatschenko eröffnete sich damit eine unerwartete Gelegenheit. Er entschied sich, den Aufständischen zu helfen.

Seine Beweggründe waren dabei nicht allein von Sympathie für die Tschechen bestimmt, sondern auch von kühler Berechnung. Ein Eintreten für die Aufständischen konnte der Division im letzten Moment ein politisches Kapital verschaffen, das sich gegenüber den heranrückenden Westalliierten auszahlen mochte. Wer sich in den letzten Kriegstagen offen gegen die Deutschen wandte, hoffte, nicht länger als Kollaborateur, sondern als Verbündeter der Sieger wahrgenommen zu werden. Die Reaktion Wlassows auf diesen Schritt war jedoch zunächst von Zögern geprägt.

Er wollte die Kräfte der Bewegung zusammenhalten, um sie geschlossen den Westmächten zu übergeben, und fürchtete die unkalkulierbaren Folgen einer Einmischung in einen fremden Aufstand. Am Ende jedoch gab Wlassow den Weg frei, und die Division griff ein. Am 6. und 7.

Mai rückten Regimenter der 1. Division mit ihren schweren Waffen, mit Panzern und Artillerie, in Prag ein. Sie lieferten sich Gefechte mit deutschen Verbänden und mit Einheiten der Waffen-SS, besetzten wichtige Punkte der Stadt, banden deutsche Kräfte und entlasteten so die schlecht bewaffneten tschechischen Aufständischen an den Barrikaden. Hier zeigte sich ein bemerkenswerter Unterschied zu dem Gefecht an der Oder.

In Prag kämpften die Soldaten nicht gegen ihre eigenen Landsleute, gegen die Rote Armee, sondern gegen die Deutschen, gegen jene Macht, in deren Diensten und unter deren Verachtung sie jahrelang gestanden hatten. Das gab dem Kampf eine innere Entschlossenheit, die dem Angriff an der Oder gefehlt hatte. Zudem verfügte die Division über schweres Gerät, das im städtischen Häuserkampf gegen einen zahlenmäßig nicht überlegenen Gegner wirksam eingesetzt werden konnte. Und die örtlichen Bedingungen der Stadt, die Straßen, die Barrikaden und die Unterstützung der Bevölkerung, boten ein Umfeld, in dem eine entschlossene, gut bewaffnete Truppe rasch Wirkung erzielen konnte.

Es war die Umkehrung der Ausgangslage. Zum ersten und einzigen Mal kämpfte diese Truppe unter Bedingungen, die ihren begrenzten Mitteln entgegenkamen, statt sie zu überfordern. Das Ergebnis dieses Eingreifens war spürbar. Die russische Division trug in jenen Tagen einen erkennbaren Anteil daran, dass ein großer Teil Prags vor der Zerstörung bewahrt wurde und dass die deutschen Kräfte in der Stadt geschwächt und in die Defensive gedrängt wurden.

Nach den vorliegenden Angaben wurden rund 300 gefallene Angehörige der Division später in Prag bestattet, ein Teil von ihnen in einem bekannten Massengrab auf dem Olschaner Friedhof. Doch der militärische Erfolg in der Stadt war nur von kurzer Dauer, und die politische Lage kippte schnell. Bereits am 8. Mai verließ die Division die Stadt wieder.

Der Grund lag in den wachsenden Spannungen mit dem tschechischen Aufstandsrat, in dem der kommunistische Flügel zunehmend das Sagen hatte und in den russischen Soldaten keine Verbündeten, sondern potenzielle Feinde und mögliche Beute für die heranrückende Rote Armee sah. Statt Dankbarkeit erlebten die Angehörigen der Division Misstrauen, teils sogar Festnahmen. Bunjatschenko zog seine Truppe eilig aus Prag ab, um dem sowjetischen Zugriff zu entgehen. Damit begann der letzte Abschnitt: der Marsch in Richtung der amerikanischen Linien.

Die 1. Division und andere Teile der Bewegung strebten nach Westen in den Raum um Pilsen, wo die 3. amerikanische Armee unter dem Befehl von General Patton stand. Das Ziel war eine Kapitulation, die eine Auslieferung an die Sowjetunion vermeiden sollte.

Hier offenbarte sich die vielleicht folgenschwerste Illusion Wlassows und seiner Führung. Sie rechneten damit, dass der Westen sie als potenzielle Verbündete gegen Stalin ansehen oder zumindest nicht an die Sowjetunion ausliefern würde. In dieser Erwartung lag eine tiefe Fehleinschätzung der internationalen Lage, denn die Alliierten hatten auf der Konferenz von Jalta vereinbart, dass sowjetische Staatsbürger, die in deutsche Hände geraten waren, nach Kriegsende an die Sowjetunion zurückzuführen seien. Für die Männer der Befreiungsarmee, die in den Augen Moskaus Verräter waren, bedeutete diese Vereinbarung nichts anderes als das Todesurteil oder das Lager.

Die Hoffnung auf ein westliches Asyl beruhte auf einer Welt, die es im Frühjahr 1945 noch nicht gab. In den Monaten nach Kriegsende wurden im gesamten von den Westmächten kontrollierten Raum Hunderttausende ehemalige Sowjetbürger zusammengetrieben und an die Sowjetunion übergeben, oft gegen ihren erbitterten Widerstand und in dem klaren Wissen, was sie erwartete. Der tragische Ausgang folgte rasch und war in seiner Logik beinahe unausweichlich. Die amerikanischen Stellen waren nicht bereit oder nicht in der Lage, die Angehörigen der Bewegung als eigenständige politische Gruppe zu behandeln.

In den Wirren der Kapitulation Mitte Mai gerieten Wlassow und große Teile seiner Truppe in sowjetische Hand, teils durch Auslieferung, teils durch unmittelbaren Zugriff sowjetischer Verbände. Wlassow selbst wurde am 12. Mai auf dem Weg zu den amerikanischen Linien von einer sowjetischen Streife abgefangen und gefangen genommen, sein Stab mit ihm. Im Jahr 1946 fand in Moskau ein geheimer Prozess gegen Wlassow und die führenden Männer der Bewegung statt.

Das Urteil lautete auf Verrat am Vaterland. Am 1. August 1946 wurden Andrej Wlassow und elf weitere Anführer hingerichtet. Die übrigen Angehörigen der Bewegung, soweit sie in sowjetische Hand gerieten, erwarteten lange Jahre in den Lagern.

Viele von ihnen kehrten nie zurück. Wie ist die Wende in Prag im Rückblick zu bewerten? Sie bildete den Höhepunkt aller Widersprüche, die diese Bewegung von Anfang an durchzogen hatten. Vielleicht war das Eingreifen ein später Akt der Rache an den Deutschen für Jahre der Demütigung.

Vielleicht eine nüchterne Berechnung, um sich den Westalliierten zu empfehlen. Vielleicht auch eine Eigeninitiative der Truppe vor Ort, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen wollte. Wahrscheinlich wirkten alle diese Beweggründe zusammen. Militärisch ist festzuhalten, dass die 1.

Division in der Stadt entschlossener und wirkungsvoller kämpfte als in ihrem einzigen Gefecht gegen die Rote Armee an der Oder. Doch strategisch änderte auch dieser Einsatz nichts. Er kam in den letzten Tagen eines bereits entschiedenen Krieges und konnte weder den Ausgang des Krieges noch das Schicksal der Beteiligten beeinflussen. Die Befreiungsarmee wurde niemals zu jener unabhängigen politischen oder militärischen Kraft, als die sie sich verstanden wissen wollte.

Sie blieb bis zum Schluss abhängig, marginal und von den großen Entscheidungen der Mächtigen bestimmt. Die politischen Deklarationen des Komitees und das Prager Manifest versprachen ein neues Russland ohne Bolschewisten und ohne Kapitalisten, mit Freiheiten und mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker. In der Praxis aber wurde diese Armee zu spät aufgestellt, unter den Bedingungen der totalen Niederlage Deutschlands, im tiefen Misstrauen der nationalsozialistischen Führung und mit minimalen Mitteln. Viele der Soldaten und Offiziere waren ehemalige Kriegsgefangene, für die der Eintritt in diese Armee oft die Wahl zwischen dem Tod im Lager und dem Dienst bei den Deutschen bedeutete.

Wlassow und sein Umfeld rechneten damit, Deutschland als Werkzeug gegen Stalin zu benutzen und danach vielleicht im Westen Verständnis zu finden. Diese Illusionen zerbrachen an der Wirklichkeit, an der Abhängigkeit vom nationalsozialistischen Regime, an der zu späten Gründung und an den Nachkriegsabkommen der Alliierten. Die Gefangennahme, der geheime Prozess und die Hinrichtung im Jahr 1946 zeigten, wie eng der Handlungsspielraum in einem totalen Krieg war und wie vorhersehbar tragisch die Folgen für jene ausfielen, die diesen Weg einschlugen. Am Ende bleibt das Bild einer Truppe, die zwischen zwei übermächtigen Diktaturen zerrieben wurde, deren Führung auf eine Eigenständigkeit setzte, die ihr niemand zugestehen wollte, und deren Soldaten in ihrer großen Mehrheit weniger von Überzeugung als von der schieren Not getrieben waren.

Das nüchterne Ergebnis lautet, dass die russische Befreiungsarmee auf den Verlauf des Krieges keinen messbaren Einfluss hatte und dass ihr Weg vom ersten bis zum letzten Tag von Abhängigkeit, Fehleinschätzung und einem vorgezeichneten Ende bestimmt war.