Ich stand am Rand einer zerstörten Straße in Charkow, als ein Soldat mir etwas zuwarf – ein Stück Papier, das alles veränderte. Es war März 1943, wenige Wochen nach Stalingrad. Die Stadt wechselte…

Im Februar 1943 kapitulierte die eingeschlossene Sechste Armee in den Trümmern von Stalingrad, und mit ihr endete das größte Debakel, das die deutsche Wehrmacht bis dahin an der Ostfront erlebt hatte. Über eine Viertelmillion Soldaten waren im Kessel gefangen gewesen, etwa neunzigtausend gingen in Gefangenschaft, und die strategische Initiative, die das Deutsche Reich seit dem Sommer 1941 weitgehend besessen hatte, war endgültig verloren. Doch die Geschichte, die in den folgenden Wochen an den Ufern des Donez und in den Straßen einer großen Industriestadt geschrieben wurde, handelt nicht vom Zusammenbruch allein. Sie handelt davon, wie eine geschlagene Armee unter einem Feldherrn, der die Grenzen des Möglichen kühl kalkulierte, noch einmal zu einem konzentrierten Gegenschlag ausholte.

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Es geht um Taktik und um Entscheidungen einer Führung, die im Moment des strategischen Umbruchs zwischen starrem Halten und beweglich e Ausweichen wählen musste. Und es geht um den Kampf um ein industrielles Zentrum, das innerhalb weniger Wochen zweimal den Besitzer wechselte. Die Rote Armee war nach dem Sieg an der Wolga sofort nachgestoßen. In breiter Front drängten die sowjetischen Verbände nach Westen und Südwesten, befreiten Stadt um Stadt und schienen den gesamten deutschen Südflügel aufrollen zu wollen.

Doch mit jedem Kilometer, den die angreifenden Armeen gewannen, wuchs auch ihre Verwundbarkeit. Bis Mitte Februar waren die vordersten sowjetischen Truppen weit über ihre Nachschubbasen hinausgeschossen, ausgezehrt von monatelangen Kämpfen, aufgerieben in ihren Beständen an Panzern, Treibstoff und Munition. Genau in diesem Augenblick erhielt die deutsche Führung unter Generalfeldmarschall Erich von Manstein eine relative Bewegungsfreiheit und frische Reserven, die sie zu nutzen verstand. Am Ende dieser Darstellung steht eine erfolgreiche örtliche Operation der Wehrmacht, die es erlaubte, Charkow und Belgorod zurückzugewinnen und den sowjetischen beweglichen Verbänden schwere Verluste zuzufügen.

Doch dieser Erfolg blieb ein taktischer und operativer Sieg innerhalb eines bereits verlorenen strategischen Ringens um die Initiative im Osten. Um zu verstehen, wie es überhaupt zu diesem Gegenschlag kommen konnte, muss man das Ausmaß der deutschen Krise zu Beginn des Jahres erfassen. Die Verluste an der Ostfront hatten seit November 1942 ein katastrophales Maß erreicht. Nicht nur die Sechste Armee war vernichtet worden, auch die verbündeten rumänischen, italienischen und ungarischen Truppen an den Flanken waren zerschlagen.

Ganze Frontabschnitte existierten nur noch auf dem Papier. Entlang der gesamten Ostfront standen zu diesem Zeitpunkt nur noch weniger als fünfhundert einsatzbereite Panzer, und gerade am bedrohten Südflügel mussten diese wenigen Fahrzeuge Lücken von Hunderten von Kilometern schließen. Aus den Trümmern der bisherigen Heeresgruppe Don formte man die Heeresgruppe Süd, deren Befehl Manstein übernahm. Ihm oblag die Aufgabe, aus einer Ansammlung ausgebluteter Divisionen wieder eine zusammenhängende Front zu bilden, während der Gegner mit weit überlegenen Kräften nachdrängte.

Hinzu kam ein tiefer Konflikt in der deutschen Führung selbst. Hitler verlangte starres Halten jedes Geländes und verbot grundsätzlich jeden freiwilligen Rückzug. Die militärische Wirklichkeit jedoch zwang zum Ausweichen. Der weit vorgeschobene deutsche Vorstoß in den Kaukasus musste aufgegeben werden, die Erste Panzerarmee wurde in mühevollen Bewegungen zurückgeführt, und nur durch fortgesetztes Manövrieren ließ sich verhindern, dass weitere Großverbände in Kesseln verloren gingen.

Auf der sowjetischen Seite herrschte dagegen die Zuversicht des Siegers. Die Stawka, die oberste Führung der Roten Armee, wollte den Erfolg von Stalingrad in einen umfassenden Zusammenbruch der deutschen Südfront verwandeln. Zwei große Operationen wurden dafür angesetzt. Die erste trug den Namen Stern und wurde von der Woronescher Front geführt.

Ihr Ziel war die Befreiung von Charkow und Belgorod, den wichtigsten Städten der Nordostukraine. Die zweite Operation hieß Sprung und wurde von der Südwestfront geführt. Sie zielte weiter nach vorn, auf den Dnjepr und auf die Einkesselung der gesamten deutschen Gruppierung im Donezbecken. Der Plan war ehrgeizig, ja verwegen.

An seiner Spitze standen einige der stärksten beweglichen Verbände, über die die Rote Armee verfügte. Die bewegliche Gruppe des Generals Popow sollte tief in den deutschen Rücken vorstoßen. Die Dritte Panzerarmee, die Sechste Armee und die 40. Armee bildeten weitere Stoßkeile, und tatsächlich begann alles wie geplant.

Am 16. Februar zogen sich die deutschen Verbände aus Charkow zurück, entgegen dem ausdrücklichen Haltebefehl Hitlers, und die Stadt fiel in sowjetische Hand. Über den nördlichen Donez hinweg gelangen weitere Durchbrüche, und in den Stäben der Stawka reifte die Überzeugung, dass die Deutschen im Süden bereits in aufgelöster Flucht begriffen seien und dass es nun nur noch darum gehe, den fliehenden Gegner zu verfolgen und einzukesseln. Charkow war zu jener Zeit die viertgrößte Stadt der gesamten Sowjetunion und das industrielle Herz der östlichen Ukraine.

Ihre Fabriken hatten vor dem Krieg Traktoren, Lokomotiven und Panzer hergestellt. Ihre Bahnknoten verbanden das Donezbecken mit dem russischen Kernland, und wer die Stadt beherrschte, kontrollierte einen der wichtigsten Kreuzungspunkte des gesamten Südabschnitts. Das Donezbecken selbst mit seinen Kohlegruben und Stahlwerken war für beide Seiten ein wirtschaftliches Faustpfand von höchstem Rang. Die sowjetische Operationskunst jener Jahre zielte darauf, mit tief gestaffelten beweglichen Gruppen in den Rücken des Gegners zu stoßen, dessen Nachschub zu zerschneiden und ganze Armeen einzukesseln, so wie es bei Stalingrad in großem Maßstab gelungen war.

Die bewegliche Gruppe Popow verkörperte genau diesen Gedanken. Sie sollte mit vereinten Panzerkorps tief nach Südwesten stoßen, die Übergänge über den Dnjepr gewinnen und den deutschen Verbänden im Donezbecken den Rückweg abschneiden. Doch was in der Theorie bestechend klang, überforderte die tatsächlichen Kräfte. Popows Korps traten den Vormarsch bereits mit stark verminderten Panzerzahlen an, und mit jedem weiteren Tag schmolzen ihre Bestände durch Ausfälle, Treibstoffmangel und Feindeinwirkung weiter dahin.

Doch dieses Bild vom fliehenden Gegner war ein verhängnisvoller Irrtum, und der Zustand der eigenen Truppen hätte den sowjetischen Befehlshabern eine deutliche Warnung sein müssen. Viele der angreifenden Divisionen kämpften ununterbrochen seit November 1942. Sie hatten die gewaltigen Kesselschlachten an der Wolga geschlagen, waren dann hunderte von Kilometern nach Westen marschiert und standen nun ohne jede Ablösung weiterhin in vorderster Linie. Der Personalbestand war erschreckend gesunken.

Schützendivisionen, die auf dem Papier vieltausend Mann zählen sollten, brachten oft nur noch eintausend bis zweitausend kampffähige Soldaten in die Schlacht. Die Panzerkorps waren zu Trümmern ihrer selbst geworden. In manchen bewegten sich kaum noch ein paar Dutzend einsatzbereite Panzer. Der Treibstoff wurde knapp, denn die Nachschubwege zogen sich endlos hin über zerstörte Bahnlinien, über verschneite und dann aufgeweichte Straßen, über gesprengte Brücken.

Die Munition reichte nicht mehr für anhaltende Feuerstöße, und die Koordination zwischen den beiden großen Fronten litt unter der Weite des Raumes. Warum setzte die Stawka das Vorgehen fort, obwohl die Erschöpfung der eigenen Kräfte so offenkundig war? Die Antwort liegt in der Euphorie des Augenblicks. Nach Stalingrad schien alles möglich, und der Wunsch, den geschlagenen Feind endgültig zu zerschlagen, überlagerte die kühle Einschätzung der eigenen Grenzen.

Man verwechselte die planmäßige Absetzbewegung der Deutschen mit einer ungeordneten Flucht und rechnete nicht mehr damit, dass der Gegner noch zu einem geschlossenen Gegenschlag fähig sein könnte. Auf der deutschen Seite geschah unterdessen genau das, was die sowjetische Führung nicht erwartete. Der Rückzug erfolgte nicht als Zusammenbruch, sondern als planmäßiges Ausweichen auf vorbereitete Linien. Es war die bewusste Anwendung einer Denkweise, die Manstein gegenüber Hitler nur mit größter Mühe durchsetzen konnte und die dem starren Haltebefehl diametral entgegenstand.

Der Grundgedanke war einfach und zugleich riskant. Man gab dem vorstürmenden Gegner bereitwillig Raum, ließ ihn vorlaufen, ließ ihn seine Kräfte über weite Entfernungen verzetteln und schlug erst dann zu, wenn er ausgezehrt und ohne Rückhalt in der eigenen Tiefe stand. Statt jede Ortschaft mit letzter Kraft zu halten, sollten die beweglichen Reserven gesammelt und an einer einzigen entscheidenden Stelle gebündelt werden. Während die vordersten Verbände zurückgingen, sammelte Manstein hinter der Front die Reste seiner Panzerdivisionen und ordnete sie zu schlagkräftigen Gruppen.

Der entscheidende Faktor jedoch war das Eintreffen frischer Kräfte aus dem Westen. Das Zweite Panzerkorps der Waffen-SS, bestehend aus den Divisionen Leibstandarte, Das Reich und Totenkopf, wurde an die bedrohte Front geworfen. Diese Verbände waren im Vergleich zu den ausgebluteten Ostheerdivisionen üppig ausgestattet. Sie verfügten über neue Panzer, darunter erste schwere Kampfwagen vom Typ Tiger, über gut ausgebildete Mannschaften und über eine für die damalige Lage außergewöhnliche Materialfülle.

Ihr Eintreffen veränderte das Kräfteverhältnis an den entscheidenden Stellen grundlegend, auch wenn es die Gesamtlage im Osten keineswegs umkehren konnte. Die sowjetischen Erfolge der Wochen zuvor waren durchaus real. Aber sie waren mit einer ungeheuren Anspannung aller Kräfte erkauft worden, und dies zu einer Zeit, in der die sowjetische Industrie und die Auffüllung mit neuen Reserven die schweren Verluste der Jahre 1941 und 1942 noch nicht vollständig ausgeglichen hatten. Die Rote Armee war stark genug, um anzugreifen und zu siegen, aber sie war noch nicht stark genug, um an jeder Stelle gleichzeitig überlegen zu sein.

Die deutsche Seite dagegen hatte es trotz der Katastrophe von Stalingrad vermocht, den Kern ihrer beweglichen Truppen zu bewahren und durch Verlegungen aus dem Hinterland zu verstärken. Sie hatte einen Feldherrn, der bereit war, Raum gegen Zeit einzutauschen, und Verbände, die auch nach schweren Rückschlägen ihre innere Ordnung nicht verloren. Um den 19. Februar begann sich das Bild zu wandeln.

Die deutsche Führung erhielt die Möglichkeit, nicht mehr nur zu verteidigen, sondern zum Gegenschlag gegen die überdehnten Flanken der vorstürmenden sowjetischen Verbände auszuholen. Aus dem vermeintlich fliehenden Gegner wurde binnen weniger Tage ein zupackender Angreifer. Mansteins Plan war in mehrere Stufen gegliedert. Zuerst sollten die vorgeprellten sowjetischen Verbände, die sich im Zwischenraum zwischen dem Donez und dem Dnjepr festgefahren hatten, durch konzentrierte Schläge der beweglichen Reserven zerschlagen werden.

Danach war die Rückeroberung von Charkow vorgesehen. Als dritte und weitreichendste Möglichkeit stand ein Vorstoß nach Norden in Richtung Kursk im Raum, um den ganzen Erfolg in eine noch tiefere Umfassung zu verwandeln. Doch dieser letzte Schritt kam nicht zur Ausführung. Die einsetzende Schneeschmelze verwandelte die Wege in bodenlosen Morast, und die benachbarte Heeresgruppe Mitte war weder bereit noch in der Lage, ihren Teil zu einer solchen Bewegung beizutragen.

Was folgte, war kein Wunder und keine übermenschliche Leistung, sondern die logische Folge daraus, dass die sowjetischen Armeen nach Stalingrad ihre eigenen Möglichkeiten weit überschätzt hatten. Das Kernstück der deutschen Vorgehensweise war der Gedanke des Schwerpunkts, die bewusste Bündelung aller verfügbaren Kraft an einer einzigen entscheidenden Stelle, während man an anderen Abschnitten bewusst schwach blieb und Raum preisgab. Die vordersten sowjetischen Verbände hatten sich so weit vorgewagt, dass ihre Nachschubwege endlos und ihre Flanken vollkommen offen lagen. Genau in diese offenen Flanken stießen die deutschen Panzerkorps hinein.

In den Tagen vom 19. bis zum 24. Februar richteten sich die ersten schweren Schläge gegen die bewegliche Gruppe Popow und gegen Teile der vorstürmenden Sechsten Armee südlich von Charkow. Die deutschen Verbände fielen den ausgezehrten sowjetischen Speerspitzen in Flanke und Rücken, durchtrennten ihre Verbindungen und zerschlugen sie in einzelne voneinander getrennte Kessel.

Was den Sowjets zuvor als offener Weg zum Dnjepr erschienen war, wurde binnen weniger Tage zur Falle. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die Luftwaffe. Die Vierte Luftflotte, die den Südabschnitt unterstützte, steigerte die Zahl ihrer Einsätze in dieser Phase sprunghaft. Da die sowjetischen Panzergruppen im offenen schneebedeckten Gelände vorstießen und ihre Bewegungen kaum verbergen konnten, boten sie den Sturzkampf- und Schlachtfliegern ein günstiges Ziel.

Deutsche Flugzeuge griffen die Marschkolonnen, die Betankungsstellen und die zusammengedrängten Fahrzeuge immer wieder an und trugen erheblich dazu bei, den beweglichen sowjetischen Verbänden den Treibstoff und die Bewegungsfähigkeit zu nehmen. Zugleich zeigte sich hier eine Eigenart der deutschen Führungskunst, die in dieser Operation besonders deutlich zutage trat. Es war das Prinzip, den unteren Führern innerhalb eines klar umrissenen Auftrags weitgehende Freiheit in der Wahl der Mittel zu lassen. Ein Bataillonsführer oder ein Kompanieführer musste nicht auf jeden Befehl von oben warten, sondern konnte im Rahmen des Gesamtauftrags eigenständig auf die Lage reagieren, Gelegenheiten sofort ausnutzen und Gefahren selbständig begegnen.

In einem so beweglichen Gefecht, in dem sich die Lage stündlich änderte, war dieser Grundsatz ein erheblicher Vorteil. Das Gelände, in dem sich diese Kämpfe abspielten, war weit und offen, eine winterliche Steppenlandschaft aus verschneiten Feldern, gefrorenen Flussläufen und vereinzelten Dörfern, in denen sich die kämpfenden Truppen um jedes Haus und jeden Brunnen stritten. In dieser Weite gab es keine geschlossene Front im herkömmlichen Sinne, sondern ein bewegliches Ringen einzelner Gruppen, die sich umkreisten, abschnitten und überflügelten. Für die deutschen Panzerverbände war ein solches Gelände ideal, denn es erlaubte ihnen, ihre Beweglichkeit voll auszuspielen und die langsameren, treibstoffarmen sowjetischen Verbände immer wieder zu überholen und einzuschließen.

Für die Rote Armee dagegen wurde dieselbe Weite zur Falle, weil ihre vorgeprellten Speerspitzen sich in dem offenen Raum nirgends anlehnen konnten und ihre Flanken auf Dutzenden von Kilometern schutzlos blieben. Die eigentliche Wucht des Gegenschlags entfaltete sich in den Tagen vom 19. bis zum 28. Februar.

Das Zweite Panzerkorps der Waffen-SS und das benachbarte 48. Panzerkorps drangen tief in die Flanken der sowjetischen Gruppierung ein. Bei Krasnograd und in dem weiten Raum südlich davon wurden ganze sowjetische Verbände abgeschnitten, ihre Verbindungen zerrissen und ihre Bestände an Fahrzeugen und Geschützen vernichtet oder erbeutet. Die Divisionen der SS, die Leibstandarte und Das Reich an der Spitze, führten dabei rasche Vorstöße, die den ausgezehrten Gegner immer wieder überraschten.

Die bewegliche Gruppe Popow, die kurz zuvor noch als tiefer Stoßkeil in den deutschen Rücken gedacht war, wurde nun selbst umfasst und zerschlagen. Auch die Sechste Armee der Südwestfront, die weit nach Westen vorgestoßen war, geriet in schwerste Bedrängnis und musste unter hohen Verlusten zurückweichen. In wenigen Tagen wandelte sich das Bild vollständig. Die Truppen, die eben noch von der Einkesselung ganzer deutscher Armeen geträumt hatten, kämpften nun selbst um das nackte Überleben und um den Rückweg über den Donez.

Warum funktionierte dieser Gegenschlag so wirkungsvoll? An den Stellen, an denen die Deutschen zuschlugen, verfügten sie über eine örtliche Überlegenheit an Panzern und an Luftunterstützung. Gegen die auf wenige Dutzend fahrbereite Fahrzeuge geschrumpften sowjetischen Verbände konnten die frischen Panzerkorps mehrere hundert einsatzbereite Kampfwagen ins Feld führen, in der Spitze in der Größenordnung von etwa dreihundertfünfzig Panzern in den entscheidenden Stoßgruppen. Dazu kam die tiefe Übermüdung des Gegners, der seit Monaten ohne Pause im Einsatz stand, sowie eine gut arbeitende Aufklärung und die Fähigkeit zum raschen Manöver.

Die Deutschen wussten, wo die sowjetischen Flanken offen lagen, und sie besaßen die beweglichen Kräfte, um genau dort zuzustoßen. Doch auch die deutschen Verbände waren keineswegs frisch und unerschöpflich. Sie hatten selbst schwere Wochen hinter sich, ihre Bestände waren begrenzt, und der ganze Erfolg hing an einem hohen Tempo. Nur solange die Bewegung schnell blieb und der Gegner keine Zeit fand, sich zu ordnen, konnte der Schlag durchschlagen.

Die Stärke der deutschen Panzerverbände lag nicht in einer zahlenmäßigen Überlegenheit im Ganzen, denn im Ganzen waren sie dem Gegner weit unterlegen. Sie lag in der Fähigkeit, an der ausgewählten Stelle für kurze Zeit eine örtliche Überlegenheit herzustellen und diese sofort auszunutzen. Die Verbindung von Panzern, motorisierter Infanterie, Artillerie und Luftunterstützung zu einem beweglichen Ganzen erlaubte es, Durchbrüche schnell in die Tiefe zu tragen. Doch dieser ganze Mechanismus funktionierte nur unter zwei Bedingungen.

Erstens brauchte er einsatzbereite bewegliche Reserven, also frische Panzerverbände mit ausreichend Treibstoff und Munition. Ohne das Eintreffen des SS-Panzerkorps aus dem Westen wäre der Gegenschlag in dieser Form nicht möglich gewesen. Zweitens setzte er voraus, dass der Gegner bereits schwere Fehler in seiner Planung und in seiner Versorgung begangen hatte. Beides war hier gegeben.

Man darf daraus keine allgemeine Überlegenheit ableiten. Ein Teil der Härte und Verbissenheit, mit der besonders die Verbände der Waffen-SS kämpften, erwuchs aus einer ideologischen Aufladung. Diese Truppen verstanden sich als politische Elite und waren einer nationalsozialistischen Weltanschauung verpflichtet, die den Krieg im Osten als einen Vernichtungskampf begriff. Diese Aufladung erklärt einen Teil ihrer Angriffswucht, sie ändert aber nichts an den hohen eigenen Verlusten und erst recht nichts an dem verbrecherischen Charakter des Gesamtunternehmens, in dessen Rahmen sie kämpften.

Die militärische Wirksamkeit einer Truppe und die Verwerflichkeit der Sache, für die sie kämpft, sind zwei verschiedene Dinge. Über all diesen Bewegungen stand von Anfang an eine Uhr, die unaufhaltsam ablief. Der ganze Gegenschlag war ein Wettlauf gegen die Zeit, gegen die eigene Erschöpfung und gegen den nahenden Umschlag des Wetters. Solange der Boden gefroren und tragfähig blieb, konnten die deutschen Panzerkolonnen sich frei über die Steppe bewegen.

Doch mit jedem Tag rückte die Schneeschmelze näher und mit ihr die berüchtigte Schlammperiode, die im Frühjahr und Herbst alljährlich die Wege des russischen und ukrainischen Raumes in grundlosen Morast verwandelte. Sobald dieser Zustand eintrat, würde jede rasche Bewegung zum Stillstand kommen. Zugleich näherten sich aus der Tiefe des sowjetischen Hinterlandes bereits neue Reserven, denn die Rote Armee verfügte über die Fähigkeit, aufgeriebene Verbände in kurzer Zeit durch nachrückende frische Kräfte zu ersetzen. Beides zusammen, der einsetzende Schlamm und der Zustrom neuer sowjetischer Kräfte, setzte dem deutschen Erfolg von vornherein eine feste zeitliche Grenze.

Bis zum Ende des Februar war das erste Ziel der Operation erreicht. Die vorgeprellten sowjetischen Verbände zwischen dem Donez und dem Dnjepr waren zerschlagen oder zum Rückzug gezwungen, ihre beweglichen Gruppen aufgerieben, ihre Kessel aufgelöst. Der Südflügel der deutschen Front, der noch wenige Wochen zuvor vor dem völligen Zusammenbruch gestanden hatte, war wieder zu einer zusammenhängenden Linie verdichtet worden. Aus der Defensive war ein Angriff geworden, und die Initiative war für den Augenblick auf die deutsche Seite übergegangen.

Anfang März nahm der deutsche Gegenschlag seine zweite große Bewegung auf und wandte sich nun unmittelbar gegen Charkow. Die Vierte Panzerarmee und in ihrem Verband das Zweite Panzerkorps der Waffen-SS stießen aus dem Süden und Südwesten auf die Stadt zu. Zwischen den vorstoßenden deutschen Keilen wurden die sowjetischen Verbände auseinandergedrängt. Vor allem die geschwächte Dritte Panzerarmee und die benachbarte 69.

Armee, die den Raum um Charkow halten sollten, waren durch die vorangegangenen Kämpfe bereits stark abgenutzt. Bei Merefa südwestlich der Stadt kam es zu heftigen Gefechten, in denen die deutschen Panzerverbände die sowjetische Verteidigung Stück für Stück aufbrachen. Die Dritte Panzerarmee, die den Kern der Verteidigung bilden sollte, wurde von ihren Nachbarn abgeschnitten und in einzelne Teile zerlegt. Ein großer Teil ihrer beweglichen Kräfte ging in den Kämpfen der ersten Märzhälfte verloren.

Damit war die Stadt bereits vor dem eigentlichen Sturm ihres beweglichen Rückhalts weitgehend beraubt, und die Verteidiger im Inneren mussten sich im Wesentlichen auf sich selbst verlassen. Zunächst hatte die deutsche Führung erwogen, Charkow zu umgehen und den Gegner durch eine weiträumige Umfassung zum Aufgeben zu zwingen, um die verlustreichen Straßenkämpfe zu vermeiden. Doch der Ehrgeiz der SS-Verbände und der Wunsch, die im Februar verlorene Stadt auf möglichst sichtbare Weise zurückzugewinnen, führten dazu, dass der Kampf schließlich mitten in die Häuserfront getragen wurde. Zwischen dem 11.

und dem 15. März entbrannten die eigentlichen Straßenkämpfe um Charkow. Der Kampf in einer großen Stadt folgt anderen Gesetzen als das bewegliche Gefecht in der offenen Steppe. Die Panzer verloren einen Teil ihres Vorteils, denn in den engen Straßen konnten sie leicht aus Kellern, aus oberen Stockwerken und hinter Trümmern heraus mit Nahkampfwaffen bekämpft werden.

Beide Seiten bildeten Stoßtrupps, kleine bewegliche Gruppen aus Infanterie, Pionieren und einzelnen gepanzerten Fahrzeugen, die sich von Haus zu Haus, von Block zu Block vorarbeiteten. Auf deutscher Seite spielten die Sturmgeschütze eine wichtige Rolle, gepanzerte Fahrzeuge mit einer Kanone im festen Aufbau, die den Stoßtrupps unmittelbare Feuerunterstützung gaben. Die sowjetische Verteidigung war zäh und verbissen. Scharfschützen beherrschten ganze Straßenzüge.

Aus versteckten Stellungen brachen immer wieder Gegenangriffe hervor, und sowjetische Panzer vom Typ T-34 fügten den deutschen Angreifern schwere Verluste zu, indem sie aus dem Hinterhalt schossen und sich dann wieder zurückzogen. Jedes Haus, jede Kreuzung, jede Fabrikhalle musste einzeln genommen werden, und der Preis dafür war hoch. Im Zentrum der Stadt trug die Division Leibstandarte die Hauptlast des Angriffs. Sie kämpfte sich von Süden her in Richtung des großen zentralen Platzes vor, der zu jener Zeit den Namen Dserschinski-Platz trug und einer der weitläufigsten Plätze Europas war.

Von Westen her wirkte die Division Das Reich, die den Gegner aus den westlichen Vierteln zurückdrängte und die Verbindung der Verteidiger nach außen zu unterbinden suchte. Der Übergang über den Fluss, der die Stadt durchzieht, war ein besonders umkämpfter Punkt, denn die Brücken bildeten Engstellen, an denen sich der Kampf verdichtete. Tag um Tag malte sich der Angriff durch die Häuserblocks. Die sowjetischen Verbände, die die Stadt verteidigten, waren zwar zahlenmäßig geschwächt, doch sie wehrten sich mit äußerster Entschlossenheit und machten den Deutschen jeden Meter streitig.

Erst am 15. März war der Widerstand im Stadtgebiet weitgehend gebrochen, und Charkow befand sich wieder in deutscher Hand. Wenige Tage später, am 18. März, wurde auch das nördlich gelegene Belgorod genommen.

Damit aber war die Kraft des deutschen Vorstoßes erschöpft. Die einsetzende Frühjahrsschlammperiode verwandelte die Wege in Morast und machte jede weitere rasche Bewegung unmöglich. Die Munitionsvorräte der angreifenden Verbände waren weitgehend verbraucht, die Truppen nach wochenlangem Einsatz am Ende ihrer Kräfte, und aus der Tiefe des sowjetischen Hinterlandes rückten frische Reserven heran, die eine Fortsetzung des Angriffs in Richtung Kursk aussichtslos erscheinen ließen. Die deutsche Führung stellte die Operation ein und ging zur Verteidigung der zurückgewonnenen Linie über.

Was blieb, war ein deutlich verändertes Frontbild. Die Deutschen hatten Charkow und Belgorod zurückerobert und einen erheblichen Geländestreifen wiedergewonnen. Vor allem aber hatten sie den sowjetischen Kräften eine schwere Niederlage zugefügt. Nach den gängigen Einschätzungen wurden bis zu sechzehn sowjetische Divisionen und Brigaden vernichtet oder so schwer getroffen, dass sie für längere Zeit ausfielen.

Die sowjetischen Verluste an Menschen werden auf etwa sechsundachtzigtausend Mann geschätzt. Die deutschen Verluste in den beteiligten Hauptstoßverbänden lagen dagegen bei etwa zwölftausend Mann, wobei die Verbände der Waffen-SS am schwersten betroffen waren, denn gerade sie hatten in den Straßenkämpfen von Charkow den höchsten Blutzoll entrichtet. Die Straßenkämpfe um Charkow waren für beide Seiten überaus blutig. Man darf über den Bewegungen der Divisionen und Korps nicht vergessen, dass diese Kämpfe in einer Stadt stattfanden, in der Menschen lebten.

Die Stadt war schon durch die vorangegangenen Besitzwechsel schwer gezeichnet, und der erneute Kampf brachte weitere Zerstörung über die Wohnviertel, die Fabriken und die öffentlichen Gebäude. Zivilisten gerieten zwischen die Fronten, verloren ihre Wohnungen, ihr Leben oder ihre Angehörigen. Und der Wiedereinzug der deutschen Truppen bedeutete für viele Bewohner der Stadt, insbesondere für die verbliebenen Angehörigen verfolgter Gruppen, eine unmittelbare Lebensgefahr, denn das nationalsozialistische Besatzungsregime führte seine mörderische Politik fort. Die deutschen Verbände zeigten eine hohe Gefechtsausbildung, eine bemerkenswerte Beweglichkeit und eine große Hartnäckigkeit im Angriff.

Doch diese Hartnäckigkeit erklärte sich zu einem Teil auch aus der ideologischen Prägung der beteiligten Truppen, besonders der Waffen-SS, die für ein verbrecherisches Regime und für einen rassistisch begründeten Vernichtungskrieg kämpften. Ebenso wenig darf die Zähigkeit der sowjetischen Verteidiger übersehen werden, die trotz Erschöpfung und Unterlegenheit jeden Straßenzug verbissen hielten und den deutschen Erfolg teuer erkauft sein ließen. Es war ein hartes, verlustreiches Ringen zweier ausgezehrter Armeen um eine zerstörte Stadt, in dessen Verlauf viele tausend Menschen starben, Soldaten wie Zivilisten, und an dessen Ende sich der Besitz der Stadt zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen umkehrte. Warum konnte dieser deutsche Erfolg überhaupt gelingen?

Zum einen hatte die sowjetische Führung ihre eigenen Kräfte nach dem Sieg von Stalingrad weit überschätzt, ihre Truppen über jedes vernünftige Maß hinaus nach vorn getrieben und den planmäßigen deutschen Rückzug als Zusammenbruch missdeutet. Zum anderen gelang es der deutschen Führung, ihre wenigen frischen Reserven im richtigen Augenblick am richtigen Ort zu bündeln und mit hohem Tempo gegen die offenen Flanken des Gegners zu führen. Das Zusammentreffen von sowjetischer Selbstüberschätzung und deutscher Konzentration ergab jenen örtlichen Erfolg, den man die Dritte Schlacht um Charkow nennt. Warum aber wurde daraus kein strategischer Umschwung?

Die Wehrmacht verfügte nicht über die Mittel, einen solchen Erfolg in die Tiefe fortzusetzen. Ihre Reserven waren begrenzt, ihre Verluste der vergangenen Monate unersetzlich. Ihr gegenüber stand ein Land mit gewaltigen menschlichen Reserven und einer Rüstungsindustrie, die weit im Osten außer Reichweite lag und Monat für Monat neue Divisionen und tausende Panzer hervorbrachte. Die einsetzende Schlammperiode tat das ihre.

So blieb der Erfolg, was er von Anfang an gewesen war, ein örtlicher Sieg innerhalb eines längst verlorenen Ringens um die strategische Initiative. Die zurückgewonnene Front bildete allerdings einen Frontvorsprung, der wenige Monate später im Juli zum Ausgangspunkt der großen deutschen Sommeroffensive bei Kursk wurde, jener Schlacht, in der sich die Grenzen der deutschen Möglichkeiten noch weit deutlicher zeigen sollten. Die Dritte Schlacht um Charkow endete somit mit der Rückgewinnung der Stadt und von Belgorod durch die deutschen Truppen und mit schweren Verlusten für die sowjetischen Fronten. Manstein hatte es verstanden, die Übermüdung und die Überdehnung der sowjetischen Armeen auszunutzen und mit konzentrierten Schlägen seiner beweglichen Verbände gegen deren Flanken und Rücken vorzugehen.

Damit gelang es ihm, mehrere sowjetische Armeen zu schlagen und eine Atempause vor dem Sommer zu gewinnen. Im größeren Zusammenhang jedoch blieb diese Operation ein örtlicher Erfolg. Sie ereignete sich, nachdem Deutschland die strategische Initiative im Osten bereits verloren hatte, und sie vermochte weder die allgemeinen Verluste der Wehrmacht noch den Mangel an Reserven noch die wachsende industrielle Macht der Sowjetunion auszugleichen. Die Rote Armee behielt trotz der schweren Rückschläge des Februar und des März die Fähigkeit, sich zu erholen und ihre Angriffe fortzusetzen.

Die Operation führte die Wirksamkeit der deutschen Taktik der beweglichen Verteidigung und des konzentrierten Gegenschlags vor Augen, allerdings nur unter zwei Bedingungen, dem Vorhandensein frischer Reserven und schweren Fehlern des Gegners. Charkow im März jenes Jahres war eine weitere Station auf dem Weg nach Kursk, jenem Sommer, in dem sich diese Grenzen mit letzter Deutlichkeit offenbaren sollten. Der Krieg im Osten war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr eine Frage einzelner Schlachten, sondern des langen Atems, und diesen langen Atem besaß am Ende nicht das Deutsche Reich.

So bleibt die Dritte Schlacht um Charkow ein lehrreiches Beispiel dafür, wie ein taktisch geschickt geführter Gegenschlag zwar eine Front vorübergehend stabilisieren, aber den Lauf eines bereits entschiedenen Krieges nicht mehr umkehren kann.