Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, setzte sich in Westdeutschland binnen weniger Jahre ein Bild durch, das über Jahrzehnte kaum jemand ernsthaft in Frage stellte. Es war das Bild einer professionellen, technisch hochstehenden und im Kern ehrenhaften Armee, die zwar tapfer gekämpft, mit den Verbrechen des Regimes aber angeblich nichts zu tun gehabt habe. Man sprach ausführlich über militärisches Können, über strategische Leistungen und soldatisches Pflichtgefühl. Von Korruption war so gut wie nie die Rede.

Dabei war die Bestechlichkeit innerhalb der deutschen Streitkräfte kein Randphänomen und kein Fehltritt einzelner, sondern ein bewusst organisiertes Element nationalsozialistischer Herrschaft. Warum also wurde über die fachliche Leistung der Generäle so viel gesprochen und über ihre finanzielle Käuflichkeit so beharrlich geschwiegen? Diese Frage führt mitten hinein in das Wesen einer Armee, die tiefer in das nationalsozialistische System verstrickt war, als es die Nachkriegslegende wahrhaben wollte. Drei große Themen gehören zusammen und zeigen dasselbe Phänomen auf verschiedenen Ebenen: erstens der Mechanismus der gezielten Bestechung der höchsten militärischen Führung durch Hitler, organisiert über einen geheimen Fonds; zweitens die massenhafte persönliche Bereicherung von Offizieren und Mannschaften in den besetzten Gebieten; und drittens die Wirkung dieser Korruption auf militärische Entscheidungen sowie die Gründe, weshalb das Thema selbst dann ein Tabu blieb, als der Mythos von der sauberen Wehrmacht längst ins Wanken geraten war.
Um das zu verstehen, ist der historische Rahmen entscheidend. Die Wehrmacht war kein neutrales Werkzeug, sondern die bewaffnete Macht eines Regimes, das ab 1939 einen Angriffskrieg in Europa führte und ab 1941 einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, dessen erklärtes Ziel die Auslöschung oder Versklavung jener Menschen war, die die Ideologie zu Untermenschen erklärt hatte. Die Wehrmacht führte verbrecherische Befehle aus, darunter den sogenannten Kommissarbefehl, und war an Massenerschießungen beteiligt. Millionen Kriegsgefangene ließ sie verhungern.
Zugleich war sie ein zentraler Akteur bei der wirtschaftlichen Ausplünderung der eroberten Gebiete. Wer die Korruption in dieser Armee betrachtet, betrachtet daher nicht eine isolierte Schwäche, sondern einen Bestandteil eines verbrecherischen Gesamtsystems. Beginnen wir mit der Spitze, mit den Männern in den höchsten Rängen. Um zu begreifen, warum Hitler überhaupt dazu überging, die Treue seiner Generäle mit Geld zu sichern, muss man in die dreißiger Jahre zurückblicken.
Das Verhältnis zwischen dem traditionellen, stark vom preußischen Adel geprägten Offizierskorps und der nationalsozialistischen Bewegung war von Anfang an zwiespältig. Viele hohe Offiziere begrüßten die Aufrüstung und die Abkehr von den Beschränkungen des Versailler Vertrags. Zugleich betrachteten nicht wenige von ihnen die Partei mit Herablassung und verstanden die Armee als einen eigenen Stand mit eigenen Werten, gewissermaßen als einen Staat im Staate. Diese Reste politischer Eigenständigkeit waren Hitler ein Dorn im Auge, denn eine Armee, die sich auf eine eigene Tradition und einen eigenen Ehrbegriff berief, ließ sich nicht ohne weiteres zum gefügigen Werkzeug machen.
Die Blomberg-Fritsch-Affäre des Jahres 1938 wurde zum Wendepunkt. Kriegsminister Werner von Blomberg wurde wegen seiner Heirat mit einer Frau mit angeblich zweifelhafter Vergangenheit gestürzt, der Oberbefehlshaber des Heeres Werner von Fritsch durch eine erfundene Anschuldigung der Homosexualität aus dem Amt gedrängt. Hitler nutzte die Gelegenheit, das Kriegsministerium aufzulösen, das Oberkommando der Wehrmacht zu schaffen und sich selbst zum obersten Befehlshaber zu machen. An die Spitze setzte er mit Wilhelm Keitel einen Mann, der als gefügig galt.
Damit war die letzte institutionelle Eigenständigkeit der militärischen Führung gebrochen. Doch institutionelle Unterwerfung allein genügte Hitler nicht. Er wollte die persönliche innere Bindung der Generäle an seine Person, und dafür griff er zu einem Mittel, das die alten Ehrbegriffe des Offizierskorps gezielt unterlief: zum Geld. Das Herzstück dieses Systems war ein geheimes Konto, das unter der Bezeichnung Konto 5 geführt wurde und in der Verwaltung des Chefs der Reichskanzlei Hans Heinrich Lammers lag.
Aus diesem Fonds flossen die persönlichen Zuwendungen Hitlers, offiziell als Aufwandsentschädigungen deklariert. Diese Tarnung war notwendig, denn die Zahlungen waren nach geltendem Recht in dieser Form unzulässig. Lammers warnte die Empfänger ausdrücklich, über das Geld zu schweigen und möglichst keine schriftlichen Spuren zu hinterlassen. Schon diese Heimlichkeit zeigt, dass es sich nicht um offene Belohnungen für Verdienste handelte, sondern um etwas, das man besser verbarg, weil es das Selbstbild der ehrenhaften Armee beschädigt hätte.
Die Grundlage des Systems waren regelmäßige steuerfreie Monatszahlungen. Feldmarschälle und Großadmirale erhielten viertausend Reichsmark im Monat, alle übrigen hohen Offiziere zweitausend, und zwar zusätzlich zu ihrem ohnehin beträchtlichen Sold und auf Lebenszeit. Für die beiden höchsten Ränge bedeutete dies mehr als eine Verdopplung ihrer Bezüge. Hinzu kamen Geschenke zu runden Geburtstagen, meist in Form steuerfreier Schecks über zweihundertfünfzigtausend Reichsmark.
Und schließlich gab es die großen Sachgeschenke: ganze Landgüter, ausgedehnte Waldgebiete, Automobile und die vollständige lebenslange Befreiung von der Steuer. Manche dieser Güter hatten einen Wert von über einer Million Mark. Es war ein abgestuftes, fein austariertes System, das den Empfänger immer tiefer in die finanzielle Abhängigkeit von der Gunst des Diktators zog. Wie dieses System wirkte, lässt sich an einzelnen Lebensläufen ablesen.
Feldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb, Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord, war einer jener Offiziere, die dem Nationalsozialismus mit einer gewissen Distanz gegenüberstanden. Als gläubiger Katholik nahm er an den Massenmorden, die er im Sommer 1941 im Umfeld von Kaunas mit eigenen Augen sah, sichtbar Anstoß. Einsatzgruppen, einheimische Hilfswillige und Angehörige der Wehrmacht erschossen dort Juden zu Tausenden. Leeb verfasste mild kritische Berichte über diese Erschießungen.
Doch dann erinnerte ihn Hitlers Adjutant an die monatlichen Zahlungen aus dem Konto 5 und stellte ihm einen Scheck über zweihundertfünfzigtausend Reichsmark zum Geburtstag in Aussicht. Im September erhielt Leeb diesen Scheck, und er protestierte fortan kein einziges Mal mehr gegen die Morde. Im selben Monat lobte der Befehlshaber der Einsatzgruppe A in einem Bericht nach Berlin ausdrücklich die vorbildliche Zusammenarbeit von Leebs Heeresgruppe bei der Ermordung der Juden im Baltikum. Zwei Jahre später ließ sich der inzwischen pensionierte Leeb vom deutschen Staat einen ganzen Bezirk besten Waldlandes in Bayern kaufen, im Wert von sechshundertachtunddreißigtausend Reichsmark.
Noch deutlicher zeigt sich die Wirkung am Beispiel Heinz Guderians, des bekannten Panzergenerals. Anfang des Jahres 1943 wurde ihm bedeutet, er möge sich ein Gut in Polen aussuchen, und es werde ihm geschenkt. Guderian reiste mehrmals dorthin, um das passende Anwesen zu finden, ein Gut von neunhundertsiebenunddreißig Hektar, das seinem polnischen Eigentümer entrissen und Guderian steuerfrei auf Lebenszeit überschrieben wurde. Sogar mit der SS, die selbst Ansprüche auf solche Güter erhob, musste über die Aufteilung verhandelt werden.
Vor diesem Geschenk hatte Guderian Zweifel an Hitlers militärischer Führung geäußert und sich gegen das geplante Unternehmen Zitadelle gewandt, jene Offensive, die in der Schlacht bei Kursk zu einer der schwersten deutschen Niederlagen führen sollte. Nach Erhalt des Gutes vollzog er eine bemerkenswerte Wendung. Die offene Kritik verstummte, und Guderian wurde zu einem der eifrigsten militärischen Unterstützer Hitlers. Nach dem Attentat vom 20.
Juli 1944 befahl er den Berliner Panzereinheiten, dem Regime treu zu bleiben, und nahm anschließend Platz in jenem Ehrenhof, der die am Umsturzversuch beteiligten Offiziere aus der Wehrmacht ausstieß, damit sie vor dem Volksgerichtshof abgeurteilt werden konnten. Eine Aufgabe, die er mit großem Eifer erfüllte. Erst als sein polnisches Gut hinter die sowjetische Front zu geraten begann, widersprach Guderian erneut. Diese Fälle waren keine Ausnahmen, sondern die Regel.
Feldmarschall Günther von Kluge erhielt im Oktober 1942 einen Scheck über eine halbe Million Reichsmark, verbunden mit der Zusage, er dürfe dem Staat sämtliche Verbesserungen an seinem Gut in Rechnung stellen. Dem Oberbefehlshaber des Heeres Walter von Brauchitsch kam das Regime entgegen, indem es ihm die kostspielige Scheidung auf Kosten des Staates ermöglichte und ihm so seine zweite Ehe erleichterte. So selbstverständlich war das Annehmen solcher Geschenke geworden, dass mancher Offizier sie geradezu erwartete. Als Feldmarschall Fedor von Bock im Dezember 1941 entlassen wurde, bestand seine erste Reaktion darin, sich bei Hitlers Adjutanten zu erkundigen, ob seine Absetzung bedeute, dass nun auch seine Monatszahlungen aus dem Konto 5 entfielen.
Deutlicher konnte sich die innere Haltung kaum offenbaren. Begonnen hatte diese Praxis schon vor dem Krieg. Der erste Offizier, dessen Loyalität auf diese Weise erkauft wurde, war der alte Feldmarschall August von Mackensen, ein hochbetagter Held des Ersten Weltkriegs. Nachdem er in einer Rede die Ermordung des Generals Kurt von Schleicher kritisiert hatte, schenkte ihm Hitler noch im selben Jahr 1935 ein Gut von zwölfhundertfünfzig Hektar, verbunden mit der Erwartung, künftig zu schweigen.
Diese Zuwendung war noch öffentlich und nicht geheim. Doch sie wies bereits den Weg, den das System später im Verborgenen ging. Mit Kriegsbeginn wurde die Bestechung zur Routine und umfasste praktisch die gesamte oberste Führungsebene. Wie selbstverständlich die Empfänger das Geld inzwischen nahmen, zeigt die Dreistigkeit mancher Forderungen.
Großadmiral Erich Raeder verlangte, dass ihm zusätzlich zu seiner lebenslangen Steuerbefreiung auch noch die Steuer auf die Zinsen erlassen werde, die ihm die viertausend Reichsmark monatlich einbrachten. Feldmarschall Wolfram von Richthofen, 1944 in Italien stationiert, beschwerte sich, dass wenigstens ein Teil seiner monatlichen Zahlung in italienischer Lira ausgezahlt werden müsse, um die dortige Geldentwertung auszugleichen. Selbst Keitel, der dem Führer sonst kaum eine finanzielle Bitte abschlug, hielt dieses Ansinnen für unverschämt. Solche Episoden machen deutlich, wie tief die Gewöhnung an das geschenkte Geld bereits reichte.
Dass es sich um einen Lohn für Treue und nicht für militärische Leistung handelte, zeigte sich, sobald ein Offizier aus der Reihe trat. Die Zahlungen an Friedrich Paulus wurden im August 1943 eingestellt, nicht etwa, weil er ein halbes Jahr zuvor die Schlacht von Stalingrad verloren hatte, sondern weil er sich im sowjetischen Rundfunk gegen Hitler gewandt hatte. Nach dem gescheiterten Umsturzversuch des Jahres 1944 wurden die Familien mehrerer Beteiligter oder Verdächtiger von den Zahlungen abgeschnitten. Im Fall des hingerichteten Feldmarschalls Erwin von Witzleben wurde sogar verlangt, die Familie müsse das erhaltene Geld zurückerstatten, da es als Belohnung für eine Treue gezahlt worden war, die Witzleben offenkundig nicht gehalten hatte.
Deutlicher konnte der Charakter dieser Zahlungen als politisches Druckmittel kaum zutage treten. Das Geld floss, solange man gehorchte, und es versiegte in dem Augenblick, in dem man sich gegen den Diktator wandte. Warum aber funktionierte dieses System so zuverlässig? Die Antwort liegt in der Art der Bindung, die es schuf.
Die Zahlungen erzeugten eine ganz persönliche finanzielle Abhängigkeit. Sie banden den einzelnen General nicht an einen abstrakten Staat, nicht an eine Verfassung und nicht an die alte soldatische Tradition, sondern an die Person Adolf Hitlers selbst. Wer Monat für Monat steuerfreies Geld bezog, wer ein geschenktes Gut bewirtschaftete und auf weitere Zuwendungen hoffte, der hatte ein handfestes materielles Interesse am Fortbestand des Regimes. Selbst Offiziere, die Verbrechen mit eigenen Augen gesehen oder an militärischen Entscheidungen gezweifelt hatten, dienten weiter.
Die Bestechung war eben kein Bonus für erbrachte Leistung, sondern ein Instrument politischer Kontrolle, eingesetzt mitten in der Vorbereitung und Führung eines verbrecherischen Krieges. Doch die Korruption beschränkte sich nicht auf die Schreibtische und Landgüter der Generäle. Sie durchzog das gesamte System der Besatzung bis hinunter zum einfachen Soldaten. Die Ausplünderung der besetzten Länder war keine private Initiative einzelner Soldaten, sondern erklärte Politik des Regimes.
Schon vor dem Überfall auf die Sowjetunion war mit dem sogenannten Oldenburgplan eine umfassende wirtschaftliche Erfassung der zu erobernden Gebiete vorbereitet worden. Damit verbunden war der berüchtigte Hungerplan, eine kühl kalkulierte Strategie, die vorsah, der einheimischen Bevölkerung in großen Teilen der Sowjetunion gezielt die Nahrungsgrundlage zu entziehen, um die deutsche Armee und das Reich zu versorgen. Dass dabei viele Millionen Menschen verhungern würden, war nicht ein bedauerlicher Nebeneffekt, sondern fest eingeplant. Die Wehrmacht begleitete diese Ausbeutung nicht bloß, sie war ein tragender Teil von ihr.
Sie requirierte Lebensmittel, sie trieb Getreide ein, sie organisierte den Abtransport von Rohstoffen und Maschinen. Auf dieser systemischen Grundlage entfaltete sich die persönliche Bereicherung. Im Westen, in Frankreich und Belgien, boten die enormen Warenmengen und der für die Deutschen künstlich günstig festgesetzte Wechselkurs ideale Bedingungen für Schiebergeschäfte. Schon mit der Besetzung im Jahr 1940 erhielt die Wehrmacht den Auftrag, neben Kunstwerken und Rohstoffen auch die besten Weine und Spirituosen für das Reich zu sichern.
Hermann Göring trieb die Plünderung von Luxusgütern persönlich voran, und für den Wein wurde eigens ein deutscher Beauftragter eingesetzt, ein Weinhändler, den die Franzosen spöttisch den Weinführer nannten. Allein aus der Champagne beanspruchten die Besatzer bis 1944 etwa vier Fünftel der gesamten Erzeugung, mehrere hundert Millionen Flaschen. In diesem riesigen halboffiziellen Strom von Wein, Champagner, Cognac, Textilien und Parfüm war die Grenze zur privaten Bereicherung fließend. Offiziere und ganze Dienststellen bauten über eigens eingerichtete Beschaffungs- und Einkaufsbüros eigene Kanäle auf, kauften zu Spottpreisen, verkauften weiter und schafften die Ware unter militärischer Flagge ins Reich, nicht selten getarnt als dienstliches Gut, um Kontrollen und Zölle zu umgehen.
Was als Versorgung der Truppe deklariert wurde, diente vielfach der privaten Bereicherung. Im Osten nahm die Bereicherung andere, brutalere Formen an. Hier verband sie sich unmittelbar mit dem Vernichtungskrieg. Plünderung war allgegenwärtig.
Soldaten und Offiziere nahmen sich, was sie wollten, beschlagnahmten Häuser, raubten Vieh, Kleidung, Wertgegenstände und Lebensmittel. Sie pressten der Bevölkerung Abgaben ab und nutzten Zwangsarbeit aus, darunter auch die Arbeit jüdischer Menschen, die unter Todesdrohung für die Besatzer schuften mussten, bevor viele von ihnen ermordet wurden. Ein Teil dieser Übergriffe geschah spontan, getrieben von Gelegenheit und Gier einzelner Soldaten und unterer Offiziere. Ein anderer Teil war organisiert, betrieben von Stäben und Dienststellen, die sich am Eigentum und an der Arbeitskraft der Unterworfenen bereicherten.
Pakete mit geraubten Waren gingen in die Heimat, Konten füllten sich, und mancher kehrte aus dem Osten mit erheblichem Vermögen zurück. Die Grenze zwischen offizieller Requirierung und privatem Raub verschwamm dabei fast vollständig. Das Ausmaß dieser Bereicherung lässt sich auch an den unzähligen Paketen ermessen, die aus den besetzten Gebieten in die Heimat geschickt wurden. Im Westen waren das oft Lebensmittel, Seide, Kosmetik und Genussmittel, die im zunehmend knapp versorgten Reich begehrt waren.
Im Osten waren es häufig schlicht die geraubten Habseligkeiten einer rechtlos gemachten Bevölkerung. Ganze Eisenbahnzüge transportierten requirierte Güter nach Deutschland, und in diesem riesigen Strom organisierter Beute verschwand der private Raub des einzelnen Soldaten fast unsichtbar. Die offizielle Plünderung schuf den Rahmen, in dem die persönliche Plünderung gedeihen konnte. Wer im Auftrag des Reiches ein Land ausräumte, dem fiel es schwer einzusehen, warum er nicht auch für sich selbst ein wenig beiseiteschaffen sollte.
Die Bedeutung dieser alltäglichen Bereicherung reicht weit über die rein materielle Seite hinaus. Wer raubte, requirierte und sich am Eigentum der Unterworfenen bereicherte, gewöhnte sich daran, die Bevölkerung der besetzten Gebiete als Objekt zu behandeln, über das man nach Belieben verfügen durfte. Die kleine Korruption des Alltags und die großen Verbrechen des Vernichtungskriegs waren auf diese Weise eng miteinander verbunden. Der Schritt vom Diebstahl zum Mord, von der Beschlagnahme zur Deportation war in einer Welt, in der das Leben der anderen nichts galt, oft nur ein kleiner.
Die Aussicht auf Vorteile machte viele bereit wegzusehen, mitzumachen oder zumindest zu schweigen. So wurde die Bereicherung zu einem stillen Bindemittel der Mittäterschaft, das die einzelnen Soldaten tiefer in das Verbrechen hineinzog, als ihnen oft bewusst war. Diese Praktiken standen in einem widersprüchlichen Verhältnis zur militärischen Schlagkraft. Einerseits untergruben ungezügelte Plünderung und blühender Schwarzmarkt mitunter die Disziplin und die geordnete Versorgung.
Wenn Einheiten sich aus dem Land ernährten und nebenher Schiebergeschäfte betrieben, litten Ordnung und Zusammenhalt. Andererseits wirkte die Aussicht auf Beute in einem zunehmend verlustreichen und schließlich aussichtslosen Krieg wie ein zusätzlicher Antrieb. Wer ohnehin in einem mörderischen Feldzug feststeckte, fand in der Bereicherung einen Ausgleich, eine Art inoffiziellen Lohn für das Ausharren. Die Führung tolerierte das in weiten Teilen, weil es das Funktionieren der Truppe stützte, solange es nicht völlig ausuferte.
Warum aber war all dies möglich? Der Schlüssel liegt im Charakter dieses Krieges als eines Rassenkriegs. Wo die einheimische Bevölkerung besonders im Osten von der Ideologie zu Untermenschen erklärt worden war, da erschien vielen der Raub und die Ausbeutung als selbstverständliches Recht des Siegers. Wer den anderen kaum als Menschen ansah, dem fiel es leicht, ihm sein Eigentum, seine Arbeitskraft und sein Leben zu nehmen.
Hinzu kam die Haltung des Offizierskorps: Eine Führung, die selbst über das Konto 5 finanziell an das Regime gebunden war, die selbst Güter und Schecks annahm, hatte wenig Grund und wenig moralische Autorität, das Treiben auf den unteren Ebenen entschieden zu unterbinden. Die Korruption an der Spitze und die Korruption an der Basis gehörten zusammen. Es handelte sich nicht um ein Abweichen von einem ansonsten sauberen Professionalismus, sondern um einen Bestandteil desselben Systems. Welche Wirkung hatte diese Korruption nun auf die Führung des Krieges selbst?
Die persönliche Abhängigkeit von Hitler und der stete Strom an Zuwendungen veränderten das Verhalten der Spitzengeneräle auf subtile, aber folgenreiche Weise. Das Beispiel Guderians zeigt es exemplarisch. Solange er Zweifel an Hitlers Führung hegte, sprach er sie aus. Nachdem er das polnische Gut erhalten hatte, verstummte die Kritik.
Ähnliche Muster lassen sich bei anderen Befehlshabern beobachten. Wer Schecks, Güter und steuerfreie Bezüge annahm, der überlegte zweimal, ob er sich offen gegen den Mann stellte, dem er all dies verdankte. Die Loyalität zum Regime wog dann oft schwerer als die nüchterne militärische Vernunft. Auch dort, wo Generäle die heraufziehende Katastrophe klar erkannten, blieb offener Widerspruch die seltene Ausnahme.
Man fügte sich, man führte aus und man schwieg. Man muss dabei das richtige Maß wahren. Die Korruption war nicht die Hauptursache der deutschen Niederlagen. Diese lagen in strategischer Selbstüberschätzung, im hoffnungslosen Missverhältnis der Ressourcen gegenüber der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten und dem britischen Empire und im erbitterten Widerstand der angegriffenen Völker.
Doch die Bestechung trug dazu bei, dass die Kritik an Hitler selbst dann am Rande blieb, als das Verhängnis längst absehbar war. Eine Führungsschicht, die finanziell am Tropf des Diktators hing, war eine denkbar schlechte Quelle für rechtzeitigen entschlossenen Widerstand. Der weitgehende Mangel an Widerstand in den höchsten Rängen, der spätere Historiker so verblüfft hat, lässt sich ohne den Faktor der Korruption nicht vollständig erklären. Geld und Güter waren ein wirksames Mittel, um aus möglichen Gegnern stille Mitläufer zu machen.
Damit stellt sich die Frage, warum dieses Thema nach dem Krieg so gründlich verdrängt wurde. Nach 1945 setzte eine wirkungsmächtige Legende ein, der Mythos von der sauberen Wehrmacht. Ihm zufolge waren allein die SS und einige fanatische Funktionäre für die Verbrechen verantwortlich, während die Wehrmacht eine anständige professionelle Armee gewesen sei, die nur ihre soldatische Pflicht erfüllt habe. Diese Erzählung wurde mit großem Aufwand gepflegt.
Die Memoiren prominenter Generäle wie Guderian und Erich von Manstein zeichneten das Bild des unpolitischen Fachmanns. Ehemalige Generalstabsoffiziere, unter ihnen Franz Halder, arbeiteten nach dem Krieg in einer historischen Abteilung der amerikanischen Armee und prägten dort die Deutung der Feldzüge maßgeblich mit, natürlich in ihrem eigenen Sinne und zu ihrer eigenen Entlastung. Einen Höhepunkt fand diese Bemühung im sogenannten Himmeroder Memorandum des Jahres 1950. Im Kloster Himmerode berieten ehemalige hohe Offiziere über einen möglichen deutschen Wehrbeitrag im beginnenden Kalten Krieg.
Eine ihrer Forderungen lautete, die öffentliche Verunglimpfung des deutschen Soldaten müsse beendet werden, ehe man bereit sei, erneut Truppen aufzustellen. Im Klima der Westintegration und der Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik fanden solche Forderungen Gehör. Der Mythos von der sauberen Wehrmacht war nicht nur ein Bedürfnis der ehemaligen Soldaten, sondern auch politisch nützlich für die westlichen Alliierten, die deutsche Soldaten nun als Verbündete gegen die Sowjetunion brauchten. Vor diesem Hintergrund war das Eingeständnis von Korruption besonders unerwünscht.
Das Bild des ehrlichen, selbstlosen Soldaten vertrug sich nicht mit der Vorstellung von Feldmarschällen, die heimlich steuerfreie Schecks und geraubte Güter annahmen. Schon vor dem Nürnberger Gericht spielten hochrangige Figuren wie Brauchitsch und Halder den Erhalt solcher Zahlungen herunter oder bestritten ihn. Die finanzielle Käuflichkeit der Generalität passte in keine der Erzählungen, die man über die Wehrmacht verbreiten wollte, und so geriet sie für Jahrzehnte aus dem Blick. Es war bequemer, von Pflicht und Ehre zu sprechen als von Schecks und Landgütern.
Hinzu kam, dass die Aufdeckung der Korruption nicht nur das Ansehen einzelner Generäle beschädigt hätte, sondern das des gesamten Standes. Solange man von einzelnen Verbrechen sprach, ließ sich die Schuld auf wenige Verführte oder bequem auf die SS abschieben. Die geheimen Zahlungen aber betrafen nahezu die gesamte oberste Führung und offenbarten ein gemeinsames, geteiltes Interesse am Fortbestand des Regimes. So lag es im Interesse vieler ehemaliger Offiziere, dieses Kapitel ungeschrieben zu lassen.
Die dünne archivalische Überlieferung, die Lammers durch seine Mahnung zur Geheimhaltung bewusst gefördert hatte, kam ihnen dabei entgegen. Es brauchte den unbestechlichen Blick späterer Forscher in amerikanische und deutsche Aktenbestände, um das Schweigen zu durchbrechen. Erst spät begann der Mythos zu bröckeln. Einen tiefen Einschnitt brachte die Ausstellung, die 1995 in Hamburg eröffnet wurde und unter dem Titel Verbrechen der Wehrmacht die systematische Beteiligung der Truppe an Massenmorden, Erschießungen und der Ausplünderung dokumentierte.
Sie löste eine heftige, jahrelange öffentliche Auseinandersetzung aus und veränderte das Geschichtsbild nachhaltig. Zahlreiche Forschungen folgten. Doch während die Beteiligung der Wehrmacht an den Kriegsverbrechen heute gut belegt und breit bekannt ist, blieb gerade die Korruption, das systematische Erkaufen der Loyalität und die persönliche Bereicherung, ein vergleichsweise wenig beleuchtetes Kapitel. Erst die Arbeiten einzelner Historiker rückten sie ins Licht und machten das Ausmaß der geheimen Zahlungen sichtbar.
Was lehrt uns dieser Befund? Die Korruption in der Wehrmacht zeigt mit großer Deutlichkeit, wie tief diese Armee in das Gefüge des nationalsozialistischen Regimes eingebettet war. Sie war eben nicht ein außenstehendes neutrales Fachinstrument, das man nach Belieben für gute oder schlechte Zwecke einsetzen konnte, sondern ein Teil eines verbrecherischen Systems, in dem persönlicher Vorteil und politische Loyalität die alten militärischen Werte von Ehre, Unabhängigkeit und Pflicht häufig überlagerten. Die Generäle waren nicht bloß Befehlsempfänger, die wider Willen gehorchten, sie waren zu einem erheblichen Teil auch Nutznießer, die von der Beute des Krieges persönlich profitierten.
Die Korruption reichte von der kühl berechneten Bestechung der höchsten Führung über den geheimen Fonds Konto 5 bis hinab zur alltäglichen Plünderung und Schieberei in den besetzten Gebieten. Diese Erscheinungen waren keine zufälligen Ausrutscher und keine bloßen Begleitkosten des Krieges. Sie waren ein Instrument, das der nationalsozialistischen Führung half, die Kontrolle über die Armee zu behaupten und sie zum Mittäter eines Angriffs- und Rassenkriegs zu machen. Wer die Geldströme und die Beutezüge betrachtet, versteht die Armee nicht als Opfer der Politik, sondern als deren williges Werkzeug.
Nach dem Krieg blieb diese Seite der Geschichte lange im Schatten. Der Mythos von der sauberen Wehrmacht war bequem, sowohl für die ehemaligen Soldaten als auch für die westlichen Alliierten im Kalten Krieg. Das Eingeständnis, dass viele hohe Offiziere große Bestechungssummen annahmen und sich an der Ausplünderung ganzer Länder persönlich bereicherten, hätte dieses Bild zerstört. Die historische Forschung der letzten Jahrzehnte zeigt deutlich, dass die Wehrmacht ein Teil jenes Systems war, das einen Vernichtungskrieg führte.
Die Korruption in ihren Reihen ist einer der Beweise für diese Verflechtung und nicht die Ausnahme von der Regel.