Ich kniete neben Otto, als er in meinen Armen starb, nur wenige Tage vor dem Ende des Krieges. Er flüsterte ihren Namen, Annas Namen, und bat mich mit letzter Stimme: „Geh zu ihr und sag ihr, dass…

Der Rückzug nach Westen zog sich über Monate hin, ein grauer, endloser Strom aus Kämpfen, Weichen und Sterben. Die Ukraine, Polen, schließlich die Grenze des Reiches selbst – der Krieg, der einst tief im Osten getobt hatte, kam nun an die deutsche Heimat heran. Mit ihm kamen wir, eine geschlagene, ausgeblutete Armee, nur noch ein ferner Schatten der stolzen Truppe, die einst über die Grenze gezogen war. Der vierte Kriegswinter im Osten brachte wieder Kälte, Hunger und Verluste.

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Der Frühling kam, der Sommer, und der Rückzug ging weiter. Aus unserem kleinen Kreis der Alten – Otto, Weiß, Lindner und ich – riss der Krieg weitere Lücken. Jeder Verlust war eine neue Wunde, und ich begriff, dass Otto recht gehabt hatte mit seiner bangen Frage in jener Nacht am Dnepr: Wer von uns ist der Nächste? Im Spätsommer verloren wir Josef Lindner, den sanften, gläubigen Sanitäter, der so vielen das Leben gerettet hatte.

Er trug nie eine Waffe. Er fiel, als er sich unter feindlichem Feuer hinauswagte, um einen verwundeten jungen Soldaten zu retten, der zwischen den Linien lag und nach Hilfe rief. Eine Kugel traf ihn mitten in seinem Werk der Barmherzigkeit. Er starb über dem Verwundeten, den er zu retten suchte.

Ich war bei ihm, als man ihn zurückbrachte, und ich hielt seine Hand, wie er so oft andere Hände gehalten hatte. Sein Gesicht war friedlich im Tod. Ich glaube, er starb in der Gewissheit, dem leidenden Gott gedient zu haben bis zuletzt. Mit ihm verlor die Welt einen jener stillen Gerechten.

So blieben nur noch drei von dem alten Kreis: Otto, Feldwebel Weiß und ich. Drei Männer, die vom ersten Tag des Krieges an beisammen gewesen waren und die nun am bitteren Ende noch zusammenhielten. Wir klammerten uns aneinander mit einer Verzweiflung, die aus dem Wissen kam, dass wir alles waren, was uns geblieben war. Mit jedem von uns würde nicht nur ein Mensch sterben, sondern ein ganzes Stück Erinnerung, ein ganzes Stück jener Welt, die wir durchlitten hatten.

Wir zogen weiter nach Westen, dem Ende entgegen. Ich trug noch immer Karls Gedichtband bei mir und die Briefe von zu Hause. Ich zählte die Tage und die Kilometer bis zur Heimat und betete, dass wir drei das Ende erleben würden, um Zeugnis abzulegen von all den anderen. Das Ende des Krieges fand uns auf deutschem Boden.

Wir kämpften nun auf der eigenen Erde, gegen einen Feind, der vorrückte, wie wir einst vorgerückt waren. Ich erlebte das Grauen, das wir über Russland gebracht hatten, nun an der eigenen Heimat: brennende deutsche Dörfer, fliehende deutsche Frauen und Kinder. Es war, als kehrte alles zu uns zurück, in einer furchtbaren Gerechtigkeit, die mich erschauern ließ. In den letzten Wochen des Krieges geriet das, was von unserer Truppe übrig war, in sinnlose Kämpfe eines schon verlorenen Krieges.

Kämpfe, die nichts mehr entschieden, die nur noch Tote forderten. Es war die bitterste Erfahrung, zu kämpfen und zu sterben in einem Krieg, der längst entschieden war, in einer Stunde, da jeder wusste, dass das Ende nur noch Tage entfernt war. In einem dieser letzten Gefechte verlor ich Otto, meinen Freund, der mir der nächste Mensch auf der Welt gewesen war. Wir hielten eine letzte sinnlose Stellung.

Otto fiel neben mir, getroffen von einer Kugel. Ich fing ihn auf, wie ich einst Karl aufgefangen hatte, wie ich Fritz gehalten hatte. Ich kniete bei ihm und sah, dass die Wunde tödlich war. Ich rief seinen Namen.

Er sah mich an mit seinen treuen, sterbenden Augen und lächelte schwach. Dann sprach er Annas Namen, nur ihren Namen. Mit ersterbender Stimme bat er mich, zu ihr zu gehen und ihr zu sagen, dass er sie geliebt habe. Ich versprach es ihm.

Ich hielt ihn in den Armen, und er starb dort auf deutschem Boden, so nahe dem Ende, dass er es nicht mehr erleben sollte. Mit ihm starb der letzte und liebste meiner Freunde, und etwas in mir starb mit ihm, etwas, das nie wieder lebendig wurde. Ich weiß nicht, wie ich die Stunden nach Ottos Tod überstand. Ich war wie versteinert, betäubt, funktionierte nur noch mechanisch.

Ich kämpfte, wich zurück, ohne zu denken, ohne zu fühlen. Der Schmerz war zu groß, um ihn zu fühlen. Ich glaube, ich wäre in jenen Stunden gestorben, hätte mich der Tod gesucht, denn ich wehrte mich nicht mehr. Mir war alles gleichgültig geworden, das eigene Leben am meisten.

Es war Feldwebel Weiß, der mich durch jene Stunden brachte. Der letzte, der mir geblieben war. Er blieb bei mir, wie ich bei Otto geblieben war. Er trieb mich an, hielt mich am Leben, erlaubte mir nicht aufzugeben.

Ich folgte ihm wie ein Schlafwandler und überstand so die letzten furchtbaren Tage. Wir begruben Otto, Weiß und ich, in der deutschen Erde, in der Erde der Heimat, nach der er sich so gesehnt hatte. Ich setzte ein Kreuz auf sein Grab und schrieb seinen Namen darauf. Ich nahm sein Lichtbild von Anna an mich, das er stets bei sich getragen hatte, um es ihr zu bringen, sollte ich überleben.

Ich nahm Abschied von meinem Freund, dem liebsten, den ich je gehabt hatte, und ich wusste, dass ein Teil meines Lebens mit ihm zu Ende ging. Wenige Tage später kam das Ende des Krieges. Es kam nicht als Erlösung, nicht als Freude, sondern als Zusammenbruch, als das endgültige Eingeständnis der Niederlage. Ich erlebte es in dumpfer, erschöpfter Gleichgültigkeit, denn ich hatte zu viel verloren, um noch etwas zu empfinden.

Der Frieden fand mich leer und ausgebrannt, einen Überlebenden unter den Gräbern aller, die ich geliebt hatte. Die Nachricht von der Kapitulation ging durch die zerschlagenen Reste der Truppe. Alles war vorüber, der Krieg verloren, das Reich zusammengebrochen. Ich erinnere mich an die sonderbare Stille, die über uns fiel, als die Waffen schwiegen.

Eine Stille, die ich seit Jahren nicht mehr gekannt hatte, die Stille des Friedens. Sie war beklemmend, fast unheimlich nach all dem Lärm des Krieges. Ich lauschte in diese Stille und konnte kaum glauben, dass das Töten und Sterben nun ein Ende hatte. Feldwebel Weiß und ich waren beieinander, als das Ende kam.

Die letzten zwei aus jenem Kreis, der einst über die Grenze gezogen war. Wir sahen einander an, und in diesem Blick lag alles, was wir gemeinsam durchlitten hatten. Weiß, der alte Soldat, der mir wie ein Vater gewesen war, legte mir die Hand auf die Schulter, jene schwere, vertraute Hand, die er mir am ersten Tag des Krieges auf die Schulter gelegt hatte, an jener Brücke vor so unendlich langer Zeit. Er sagte nur, dass es vorbei sei, dass wir überlebt hätten, dass wir nun heimkehren würden.

In seinen Augen, die ich stets hart und unbewegt gekannt hatte, schimmerten Tränen. Ich sah diesen starken Mann zum ersten und einzigen Mal weinen, und ich weinte mit ihm. Wir hielten einander, zwei Männer, die alles verloren hatten und doch einander geblieben waren. In jener Umarmung lag der ganze Schmerz und die ganze Erlösung des Endes.

Doch das Ende des Krieges bedeutete nicht das Ende unseres Leidens. Wir gerieten wie Hunderttausende in Gefangenschaft. Wir ergaben uns, legten die Waffen nieder und wurden abgeführt. In den Wirren der Kapitulation wurden Weiß und ich getrennt, auseinandergerissen, wie der Krieg so viele auseinandergerissen hatte.

Ich verlor auch ihn, den letzten meiner Kameraden, nicht durch den Tod diesmal, sondern durch das Chaos des Endes. Ich wusste lange nicht, ob er überlebte, ob ich ihn je wiedersehen würde. So stand ich am Ende des Krieges allein. Allein von all den Männern, mit denen ich ausgezogen war.

Allein von jenem Kreis der Kameradschaft, der mir das Liebste gewesen war. Ich ging in die Gefangenschaft als einsamer Mann, beladen mit der Last der Erinnerung an all die Toten: an Karl, Albrecht, Hennig, Fritz, Vogt, Lindner, Becker, Otto, an all die anderen, deren Namen ich nicht mehr zählen konnte. Ich trug sie alle mit mir, ihre Gesichter, ihre Stimmen, ihre Geschichten, in die Gefangenschaft und durch sie hindurch und über sie hinaus. Ein lebendiges Grabmal für all die Toten dieses sinnlosen Krieges.

Von der Gefangenschaft will ich hier nicht ausführlich berichten. Es war eine eigene Geschichte des Hungers, der Entbehrung und des langsamen Wartens. Ich verbrachte Jahre in den Lagern des Ostens, fern von der Heimat. Ich überstand sie, wie ich den Krieg überstanden hatte, durch jenen zähen Überlebenswillen, der mir geblieben war, und durch die Hoffnung, eines Tages doch noch heimzukehren.

Diese Hoffnung trug mich durch die dunkelste Zeit. Endlich, nach Jahren, kam der Tag der Entlassung, und ich kehrte heim. Ein anderer, als ich ausgezogen war, ein alter Mann beinahe, obwohl ich erst in den Dreißigern stand. Gezeichnet, gealtert, das Haar früh ergraut.

Ich reiste durch ein zerstörtes Land, durch ein Deutschland in Trümmern. Je näher ich Nürnberg kam, desto banger wurde mein Herz, denn ich wusste nicht, ob meine Eltern noch lebten, ob das Elternhaus noch stand, ob von all dem, was ich verlassen hatte, noch etwas geblieben war. Nürnberg, meine schöne alte Heimatstadt, fand ich in Trümmern. Die Bomben hatten sie verwüstet, die Altstadt war zerstört, die alten Fachwerkhäuser verbrannt, die Burg beschädigt, die Kirchen ausgebrannt.

Ich ging durch die Straßen meiner Kindheit, die ich kaum wieder erkannte, durch Trümmerwüsten, in denen die Menschen hausten wie in den Ruinen einer untergegangenen Welt. Mir blutete das Herz, denn die Stadt, die ich geliebt hatte, war dahin, zerstört wie so vieles, das ich geliebt hatte. Doch das Haus meiner Eltern in der Gostenhofer Gasse, das Haus, von dem ich so oft geträumt hatte in der Fremde, es stand noch. Wie durch ein Wunder stand es noch, halb beschädigt zwar, doch es stand.

Ich näherte mich ihm mit klopfendem Herzen und klopfte an die Tür. Sie öffnete sich, und meine Mutter stand vor mir, gealtert, ergraut, doch lebend. Sie erkannte mich nicht sogleich, so sehr hatte der Krieg mich verändert. Dann, im nächsten Augenblick, erkannte sie mich doch.

Sie schrie auf, schlug die Hände vors Gesicht und stürzte auf mich zu. Wir hielten einander und weinten. Mein Vater kam herzu, alt geworden, gebeugt, und auch er umarmte mich, der Wortkarge. Auch ihm liefen die Tränen über das Gesicht.

Ich war daheim, endlich daheim, nach all den Jahren. Ich konnte es kaum fassen, dass dieser Augenblick, von dem ich so oft geträumt hatte, nun wirklich gekommen war. In den Wochen nach meiner Heimkehr erfüllte ich die Versprechen, die ich den Toten gegeben hatte, denn das war ich ihnen schuldig. Ich reiste zu Annas Stadt am Main und suchte sie auf.

Ich brachte ihr die Nachricht von Ottos Tod und sein Lichtbild, das er stets bei sich getragen hatte. Ich sagte ihr, dass er sie geliebt habe bis zum letzten Atemzug, dass ihr Name sein letztes Wort gewesen sei. Sie weinte, und ich weinte mit ihr. Es war ein schwerer Gang, doch ich war froh, dass ich ihn getan hatte, dass ich Ottos letzten Wunsch erfüllt hatte.

Ich reiste auch zu Karls Eltern und brachte ihnen seinen Gedichtband zurück, den ich all die Jahre bei mir getragen hatte. Ich erzählte ihnen von ihrem Sohn, von seiner Güte, von seinem Traum, Lehrer zu werden, von den Versen, die er auf den Lippen gehabt hatte, als er starb. Auch sie weinten, und sie dankten mir, dass ich gekommen war, dass ich ihnen von ihrem Sohn erzählte. Ich sah, dass es ihnen Trost gab, zu wissen, dass jemand bei ihm gewesen war, dass jemand sein Andenken bewahrt hatte.

Und ich erfuhr durch einen glücklichen Zufall, dass auch Feldwebel Weiß überlebt hatte, dass er die Gefangenschaft überstanden und heimgekehrt war. Wir fanden einander wieder, Jahre später, und wir blieben in Verbindung bis an sein Lebensende. Die letzten zwei eines untergegangenen Kreises, verbunden durch ein Band, das stärker war als alles, was das Leben sonst zu knüpfen vermag: das Band derer, die gemeinsam durch die Hölle gegangen und gemeinsam ihr entronnen waren. Nürnberg, im Frühjahr, viele Jahre nach dem Krieg.

Ich schreibe diese letzten Zeilen in der Stube meines Elternhauses in der Gostenhofer Gasse, an demselben Tisch, an dem ich als Junge meine Schulaufgaben machte. Vor dem Fenster läuten die Glocken von St. Sebald über die wieder aufgebauten Dächer, wie sie läuteten, als ich ein Kind war, ehe ich auszog in jenen Krieg, der mir alles nahm und der mich doch heimkehren ließ. Es ist still hier, ein Frieden liegt über der Stadt.

Manchmal kann ich kaum glauben, dass es wahr ist, dass ich lebe, dass ich daheim bin, dass das Töten und Sterben vorüber ist. Lange habe ich diese Aufzeichnungen liegen lassen. Ich konnte sie nicht ansehen, sie taten zu weh. Nun, da die Jahre vergangen sind, nehme ich sie wieder zur Hand und lese von jenem Jungen, der ich war, und es ist mir, als lese ich von einem Fremden.

Und doch bin ich es, und alles, was hier steht, habe ich erlebt. Ich habe sie alle verloren. Karl mit seinen Versen. Fritz, mein Junge, der in meinen Armen starb.

Vogt an seinem Maschinengewehr. Der gute Lindner, gefallen bei einem Werk der Barmherzigkeit. Und Otto, mein liebster Freund, gestorben auf deutschem Boden, so nahe dem Ende, Annas Namen auf den Lippen. Ich trage sie alle in mir.

Sie sind nicht vergessen, solange ich lebe. Ich habe oft gefragt, warum ich überlebte und sie nicht. Ich habe keine Antwort gefunden. Es war kein Verdienst, nur Zufall, blinder Zufall, der über Leben und Tod entschied.

Aber vielleicht gibt es doch eine Aufgabe für die Überlebenden: Zeugnis abzulegen, damit die Welt nicht vergisst, was geschah. Damit die jungen Männer, die nach uns kommen, nicht wieder ausziehen mit derselben törichten Begeisterung, mit der wir auszogen in einen Krieg, der nichts gebar als Tod, Leid und Schuld. Ich habe gelernt, dass die großen Worte Lügen sind, die Fahnen und Parolen, hinter denen sich nur die Gier nach Macht verbirgt. Und ich habe gelernt, woran man glauben kann: an den einzelnen Menschen, an die Kameradschaft, an die Liebe, an das schlichte Gute, das ein Mensch dem anderen tun kann.

Das hat mich getragen, als alles andere zusammenbrach. Das ist das Wahre, das Bleibende. Der Weg nach Osten ist zu Ende, und der Weg nach Westen, der Weg der Heimkehr. Ich bin daheim.

Das Korn wächst wieder auf den Feldern, über die wir einst zogen. Die Mütter wiegen ihre Kinder in Russland wie in Deutschland. Das Leben hat über den Tod gesiegt, wie es immer siegt. Und ich, der Überlebende, lege die Feder nieder und danke für jeden Tag, den ich noch leben darf.

Und ich bewahre das Andenken der Toten, bis auch ich gehe ihnen nach in jenen Frieden, den wir alle ersehnt haben und den sie nun gefunden haben. Sie, meine verlorenen Kameraden.