Im Spätsommer des Jahres 1941 stand die deutsche Führung vor einer grundlegenden Entscheidung: Sollte der Vormarsch auf Moskau fortgesetzt oder die Kräfte nach Süden verlagert werden, um die Ukraine zu erobern? Diese Frage spaltete das Oberkommando und führte letztlich zur größten Kesselschlacht der Kriegsgeschichte – der Schlacht um Kiew. Die Heeresgruppe Mitte hatte in den ersten Wochen des Krieges spektakuläre Erfolge erzielt, darunter die Kesselschlachten von Białystok, Minsk und Smolensk. Doch der Vormarsch auf Moskau stockte.

Die Verbände waren abgenutzt, der Nachschub kam nicht hinterher, und der sowjetische Widerstand verhärtete sich. Weiter südlich kämpfte die Heeresgruppe Süd gegen die zahlenmäßig stärksten Kräfte der Roten Armee, die sich hinter den Dnjepr zurückgezogen hatten und Kiew als befestigtes Zentrum verteidigten. Die sowjetische Südwestfront unter Generaloberst Michail Kirponos verfügte über mehrere Armeen, darunter die 5. , 21.
, 26. , 37. und 38. Armee.
Trotz schwerer Verluste in den Grenzschlachten bildete sie eine zusammenhängende Verteidigungslinie. Auf beiden Seiten waren die Verluste gewaltig, und die deutschen Panzerverbände zeigten bereits deutlichen Verschleiß. Im deutschen Oberkommando tobte ein heftiger Streit über die weitere Strategie. Das Oberkommando des Heeres, vertreten durch von Brauchitsch und Halder, sowie der Befehlshaber der Heeresgruppe Mitte, von Bock, drängten auf den Vorstoß nach Moskau.
Sie sahen in der sowjetischen Hauptstadt das entscheidende Ziel, da sie das politische und industrielle Zentrum des Landes war. Hitler hingegen wollte zuerst die Ukraine erobern, um Getreide, Kohle und die Industrie des Donbass zu sichern und die Krim auszuschalten, die die rumänischen Ölfelder bedrohte. Am 23. August flog Generaloberst Heinz Guderian ins Führerhauptquartier, um gegen die Wendung nach Süden zu argumentieren, doch Hitler blieb unnachgiebig.
In einer Denkschrift vom 21. August stellte er klar, dass die Vernichtung der sowjetischen Kräfte im Süden Vorrang vor dem Vorstoß auf Moskau habe. Der Generalstab war tief enttäuscht, aber der Befehl stand fest. Auf sowjetischer Seite verhinderte Stalin einen rechtzeitigen Rückzug der Südwestfront.
Er drohte Kommandeuren, die einen Rückzug erwogen, mit dem Vorwurf der Panikmache. Schukow, der einen Rückzug hinter den Dnjepr vorgeschlagen hatte, wurde als Generalstabschef abgelöst. Die Frontführung unter Kirponos erkannte die wachsende Gefahr, aber der Befehl aus Moskau lautete: Kiew halten, um jeden Preis. Der deutsche Plan sah ein doppeltes Umfassungsmanöver vor.
Von Süden sollte die 1. Panzergruppe unter von Kleist aus einem Brückenkopf bei Krementschug nach Norden vorstoßen. Von Norden sollte die 2. Panzergruppe unter Guderian aus dem Raum Smolensk und Gomel über Konotop nach Süden angreifen.
Die Infanteriearmeen, insbesondere die 6. und 17. Armee, sollten den Kessel nach innen abriegeln. Guderians Verbände setzten sich in Bewegung und überwanden die Desna unter heftigen Kämpfen.
Der Knotenpunkt Konotop wurde zum Schauplatz erbitterter Gefechte, doch die deutschen Panzerspitzen hielten ihr Tempo. Sie konzentrierten ihre Kräfte auf schmale Vorstoßstreifen und ließen die offenen Flanken den nachfolgenden Infanterieverbänden. Gleichzeitig stieß von Kleist von Süden nach Norden vor, und der Raum zwischen den beiden Zangen verengte sich unaufhaltsam. Am 15.
September trafen die Spitzen der 3. Panzerdivision von Norden und der 16. Panzerdivision von Süden bei Lochwyzja zusammen. Der Ring war geschlossen.
Vier sowjetische Armeen – die 5. , 21. , 26. und 37.
– waren eingeschlossen, insgesamt Hunderttausende Soldaten auf einer Fläche von etwa 20. 000 Quadratkilometern. Für die Eingeschlossenen begann ein verzweifelter Kampf um den Ausbruch. Die Verbindungen zwischen den Stäben waren zusammengebrochen, und es gab keine einheitliche Führung mehr.
Einzelne Divisionen versuchten, sich nach Osten durchzuschlagen, scheiterten aber an den deutschen Sperrlinien. Die Luftwaffe beherrschte den Luftraum und machte jede geordnete Bewegung am Tag unmöglich. Am 20. September kam Generaloberst Kirponos bei einem Ausbruchsversuch in einem Waldstück unweit von Lochwyzja ums Leben.
Mit seinem Tod zerfiel der Widerstand endgültig in Einzelkämpfe. Nur etwa 15. 000 Mann gelang es, sich aus dem Kessel zu befreien. Die übrigen wurden gefangen genommen oder fielen.
Die Zerschlagung des Kessels dauerte bis zum 26. September. Deutsche Infanterie- und Panzerverbände drangen von allen Seiten ein und zerteilen die eingeschlossene Masse in immer kleinere Abschnitte. Kiew selbst fiel am 19.
September in deutsche Hand, nachdem die sowjetischen Truppen die Stadt geräumt hatten. Die deutschen Meldungen sprachen von rund 665. 000 Gefangenen sowie der Vernichtung oder Erbeutung von Hunderten Panzern und Tausenden Geschützen. Neuere Schätzungen gehen von etwa 450.
000 bis 500. 000 Eingeschlossenen aus, wobei die Gesamtverluste der Südwestfront auf etwa 700. 000 Mann geschätzt werden. Die deutschen Verluste waren mit mehreren Zehntausend deutlich geringer.
Doch der Sieg hatte seinen Preis. Die Panzergruppen waren durch die langen Märsche und Kämpfe stark abgenutzt. Die Zahl der einsatzbereiten Panzer war gesunken, und die Truppe war erschöpft. Der Vorstoß auf Moskau, den ein Teil des Generalstabs schon im August hatte führen wollen, konnte erst Ende September beginnen – zu einem Zeitpunkt, als sich die Witterung zu verschlechtern begann.
Die Schlacht um Kiew war ein außergewöhnlicher taktischer Erfolg, aber kein strategischer Wendepunkt. Die Sowjetunion verfügte über Raum, Menschen und Industrie, um auch solche Verluste auszugleichen. Die deutschen Nachschubwege wurden immer länger, und die eigenen Kräfte schwanden. Doch die Schlacht hatte auch eine dunkle Seite, die untrennbar zum Gesamtbild gehört.
Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden nicht nach den Regeln des Krieges behandelt. Hunger, Kälte, Krankheiten und Gewalt führten dazu, dass der weitaus größte Teil von ihnen das Kriegsende nicht erlebte. Nur wenige Tage nach der Einnahme Kiews ermordeten deutsche Einheiten am 29. und 30.
September in der Schlucht von Babyn Jar mehr als 30. 000 jüdische Kinder, Frauen und Männer. Dieses Verbrechen war kein Nebenprodukt der Kämpfe, sondern folgte aus dem Charakter des gesamten Unternehmens als Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Die Kesselschlacht um Kiew bleibt nach der Zahl der eingeschlossenen Truppen die größte Umfassung der Kriegsgeschichte.
Sie entstand aus dem Zusammentreffen des deutschen operativen Manövers, der sowjetischen Vorgabe, den Raum um jeden Preis zu halten, und der besonderen Bedingungen jenes Sommers und Herbstes. Der taktische Erfolg war real, aber er wurde innerhalb eines Krieges errungen, der von Anfang an als Vernichtungskrieg geplant war. Wer diese Schlacht verstehen will, muss beides zusammensehen: den nüchternen militärischen Vorgang und den Krieg der Vernichtung, dessen Teil er war.