Ich sah die Lücke auf der Karte und wusste, dass sie uns das Genick brechen würde. Es war Hochsommer 1941, die Panzer rollten Richtung Smolensk, alles lief nach Plan – bis zu dem Moment, als unser…

Im Hochsommer 1941 schien der deutsche Vormarsch im Osten einem festen, fast mechanischen Muster zu folgen. Tiefe Panzerkeile durchbrachen die feindliche Front, motorisierte Verbände stießen weit in den Raum vor und schlossen ganze Armeen in Kesseln ein, während die nachrückende Infanterie deren Vernichtung besiegelte. Dieses Zusammenspiel aus Bewegung, Tempo und Vernichtung hatte in Polen und Westeuropa funktioniert, und in den ersten Wochen des Feldzugs gegen die Sowjetunion schien es sich zu wiederholen. Genau an diesem Punkt begann das Muster zu bröckeln, nicht wegen eines einzelnen Fehlers, sondern durch das Zusammentreffen mehrerer Kräfte gleichzeitig.

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Mit dem Beginn des Unternehmens Barbarossa am 22. Juni trat die Heeresgruppe Mitte zum Angriff an und erzielte rasch tiefe Einbrüche in die sowjetische Verteidigung. Bereits um den 10. Juli hatte sie die Linie der westlichen Düna und des Dnjepr erreicht.

Westlich dieser Flüsse waren die Hauptkräfte der sowjetischen Westfront in mehreren Kesseln zerschlagen worden, unter anderem im großen Doppelkessel von Bialystok und Minsk. Aus deutscher Sicht schien der Zusammenbruch der Roten Armee unmittelbar bevorzustehen. Man rechnete damit, den entscheidenden Schlag gegen Moskau führen zu können, noch bevor der Herbst einsetzte. Doch die folgenden zwei Monate zeichneten ein anderes Bild.

Die Schlacht um Smolensk, die sich vom 10. Juli bis zum 10. September hinzog, wurde zu dem Moment, in dem der Blitzkrieg unter den Bedingungen der Ostfront erstmals aufhörte, als durchgehendes System zu funktionieren. Aus einem ununterbrochenen Fluss von Durchbruch, Einschließung und Vernichtung wurde eine Folge einzelner Vorstöße, unterbrochen von langen Pausen, in denen sich die Verbände erst erholen mussten.

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt dieses Wandels. Er geschah nicht erst vor Moskau im Spätherbst, sondern bereits im Hochsommer, Wochen bevor die eigentliche Schlacht um die Hauptstadt begann. Nach dem Fall von Minsk setzten die beiden Panzergruppen der Heeresgruppe Mitte ihren Vormarsch mit hoher Geschwindigkeit fort. Die zweite Panzergruppe unter Heinz Guderian drängte nach Osten in Richtung des Dnjepr, während die dritte Panzergruppe unter Hermann Hoth weiter nördlich über die Düna stieß.

Am 9. Juli nahm Hoth Witebsk, einen wichtigen Knotenpunkt, der den Weg nach Nordosten öffnete. Nur ein bis zwei Tage später erzwang Guderian den Übergang über den Dnjepr, südlich und nördlich von Mogiljow. Damit war eine der letzten großen Flusslinien vor Smolensk überwunden, und die Panzerverbände standen scheinbar frei im offenen Raum.

Das Tempo dieser Vorstöße war beträchtlich. Die motorisierten Spitzen legten unter günstigen Bedingungen bis zu neunzig oder hundert Kilometer am Tag zurück. Am 15. Juli erreichte die siebte Panzerdivision den Raum um Jarzewo östlich von Smolensk und schnitt damit eine der wichtigsten Straßen- und Bahnverbindungen in Richtung Moskau ab.

Auf der Karte wirkte dies wie der Beginn eines weiteren mustergültigen Kessels. Doch hinter dieser Bewegung öffnete sich eine gefährliche Lücke. Die Infanteriearmeen, die den Erfolg der Panzer sichern und die Masse der Gefangenen bewältigen sollten, folgten nur mit etwa dreißig Kilometern am Tag. Zwischen den schnellen Panzerspitzen und der nachrückenden Infanterie klaffte ein Abstand, der von Tag zu Tag anwuchs.

Für die beiden Panzerführer war dieses Vorbrechen kein Zufall, sondern Ausdruck einer bewussten Denkweise. Guderian galt als Verfechter des Grundsatzes, den einmal gewonnenen Schwung um jeden Preis zu erhalten und dem geschlagenen Gegner keine Zeit zur Erholung zu lassen. Hoth teilte diese Auffassung im Kern und trieb seine Verbände ebenso weit nach vorn. Beide handelten im Vertrauen darauf, dass Geschwindigkeit selbst zur Waffe werde, weil sie den Gegner in Entscheidungen zwinge, für die ihm die Zeit fehle.

Diese Haltung hatte in den vorangegangenen Feldzügen glänzende Ergebnisse gebracht. Doch sie beruhte auf einer stillschweigenden Voraussetzung, nämlich dass der Raum überschaubar bleibe und der Nachschub dem Vorstoß folgen könne. Im Raum um Smolensk begann diese Voraussetzung erstmals zu wanken. Dieser Abstand wäre kein grundsätzliches Problem gewesen, wenn die deutsche Annahme zugetroffen hätte, dass die Hauptkräfte der Roten Armee bereits westlich der Flüsse vernichtet worden seien.

Genau diese Annahme prägte das Denken der Führung. Man ging davon aus, dass jenseits von Düna und Dnjepr nur noch versprengte Reste zu erwarten seien. Stattdessen trafen die Panzerspitzen am Ostufer auf frische Armeen, die die sowjetische Führung aus der Tiefe des Landes herangeführt und neu aufgestellt hatte. Was als Verfolgung eines geschlagenen Gegners geplant war, verwandelte sich in ein Ringen mit einem Feind, der laufend neue Kräfte in die Waagschale warf.

Diese frischen Armeen entstanden nicht durch Zufall, sondern durch eine bewusste Entscheidung der sowjetischen Führung. Während die Reste der zerschlagenen Westfront noch zurückgingen, wurden aus dem Inneren des Landes neue Verbände herangeführt und in zweiter Linie hinter Düna und Dnjepr aufgestellt. Ihre Ausbildung und Ausrüstung war oft mangelhaft. Viele Einheiten wurden ohne ausreichende Erfahrung und mit knappem Gerät in den Kampf geworfen.

Doch ihre bloße Anwesenheit veränderte die Rechnung grundlegend. Wo die deutsche Führung mit leergefegtem Raum rechnete, standen nun Truppen, die zwar einzeln unterlegen sein mochten, in ihrer Gesamtheit jedoch immer neuen Widerstand leisteten. Für den Angreifer bedeutete dies, dass jeder Durchbruch nicht in die Leere führte, sondern auf eine neue Verteidigungslinie stieß. In dieser Lage begann die Bildung des Kessels von Smolensk.

Das Ziel bestand darin, die sowjetische 16. , 19. und 20. Armee im Raum der Stadt einzuschließen.

Von Süden her drängte die 29. motorisierte Division heran. Von Norden versuchte die siebte Panzerdivision den Ring zu schließen. Beide Verbände sollten sich östlich der Stadt die Hand reichen.

Auf den Lagekarten schien der Kessel bald geschlossen. Doch die Wirklichkeit am Boden sah anders aus, denn die vorhandenen Kräfte reichten nicht, um die weiten Räume lückenlos zu sperren. Der Ring blieb über Tage hinweg durchlässig. Erst um den 22.

Juli gelang die vollständige Kontrolle über Smolensk selbst, und der Kessel blieb bis etwa zum 26. und 27. Juli an mehreren Stellen offen. Die endgültige Säuberung des eingeschlossenen Raumes zog sich bis in die ersten Augusttage hin.

In dieser Zeitspanne nutzten bedeutende Teile der 19. und 20. Armee einen schmalen Korridor bei Solowjowo, um sich über den Dnjepr nach Osten abzusetzen. Am Ende zählte die deutsche Seite bis Anfang August etwa dreihunderttausend bis dreihundertfünfzigtausend Gefangene, eine gewaltige Zahl, die auf einen großen operativen Erfolg hindeutete.

Und doch war ein erheblicher Teil der eingeschlossenen Truppen entkommen und stand kurz darauf erneut in der Front. Die Kämpfe im Inneren des Kessels trugen einen Charakter, der sich deutlich von den raschen Durchbrüchen der vorangegangenen Wochen unterschied. Die eingeschlossenen sowjetischen Armeen ergaben sich nicht, sondern versuchten immer wieder geschlossene Stöße gegen die dünnen deutschen Riegel zu führen, meist in Richtung des rettenden Korridors nach Osten. Diese Ausbruchsversuche erfolgten oft bei Nacht, gebündelt an schmalen Abschnitten, und trafen dort auf motorisierte Verbände, die kaum genug Kräfte hatten, um die ganze Länge des Rings zu sichern.

Wo der deutsche Riegel nachgab, strömten Teile der eingeschlossenen Truppen hindurch, sammelten sich jenseits des Dnjepr und traten wenig später erneut zum Kampf an. Für die deutschen Divisionen bedeutete dies einen zermürbenden Kleinkrieg, in dem sich die Fronten mehrfach am Tag verschoben und in dem der Verbrauch an Menschen, Munition und Nerven weit über dem lag, was ein sauberer, rasch geschlossener Kessel gekostet hätte. Der Grund für diese unvollständige Vernichtung lag in der Struktur des Gefechts. Die deutschen Panzerdivisionen mussten zwei Aufgaben zugleich bewältigen.

Nach außen hatten sie eine Front gegen die von Osten anrennenden sowjetischen Entsatzkräfte zu halten. Nach innen mussten sie die Ausbruchsversuche der eingeschlossenen Armeen abwehren. Die Infanterie, die diese Doppelaufgabe hätte übernehmen sollen, war noch weit entfernt. So entstand die paradoxe Lage, dass hochbewegliche Panzerverbände als stehende Absperrtruppe gebunden wurden, während ihre eigentliche Stärke im Vorstoß in die Tiefe lag.

Schon Mitte Juli spürten die Panzer- und motorisierten Divisionen einen wachsenden Mangel an Treibstoff, Munition und Ersatzteilen. Die weiten Strecken zwischen den Frontspitzen und den rückwärtigen Versorgungsbasen machten jede Nachlieferung zu einem langwierigen Unternehmen. Panzer, die durch Gefechtsschäden oder schlicht durch die Dauerbelastung ausfielen, konnten oft nicht rechtzeitig instand gesetzt werden, weil die nötigen Teile fehlten oder erst über Hunderte von Kilometern herangeschafft werden mussten. Um den 20.

Juli wurde die Gefechtsstärke vieler Panzerdivisionen der Heeresgruppe Mitte nur noch auf etwa fünfzig Prozent des Ausgangswertes geschätzt. Ein großer Teil der Panzer, mit denen der Feldzug begonnen hatte, war zerstört, beschädigt oder wegen technischer Ausfälle nicht einsatzbereit. Neben dem Material litten auch die Menschen. Die Besatzungen hatten seit dem 22.

Juni nahezu ohne Ruhepausen gekämpft, oft bei drückender Sommerhitze und im ständigen Staub der unbefestigten Straßen. Erfahrene Fahrer, Richtschützen und Kommandanten, die in den Vorkriegsjahren mühsam ausgebildet worden waren, fielen aus und ließen sich nicht rasch ersetzen. Jeder Verlust eines eingespielten Besatzungsmitglieds verringerte die Gefechtskraft einer Einheit stärker, als es die bloße Zahl vermuten ließ. Auch die Fahrzeuge selbst zeigten die Spuren der Dauerbelastung.

Motoren, Getriebe und Laufwerke waren für lange Märsche über raue Pisten nicht ausgelegt, und viele Ausfälle gingen nicht auf Feindeinwirkung zurück, sondern schlicht auf Verschleiß. Das hohe Tempo der ersten Julihälfte war nicht Ausdruck eines gesunden, tragfähigen Systems, sondern das Ergebnis einer extremen Überlastung der vordersten Verbände. Solange diese Verbände vorstießen, hielt die Bewegung an. Doch das Versorgungssystem im Rücken kam bereits ins Stocken und konnte den Verbrauch an Treibstoff, Munition und Material nicht mehr ausgleichen.

Die entscheidende Frage verlagerte sich damit vom Inneren des Kessels nach außen. An den äußeren Rändern spielte sich in den letzten Julitagen ein Geschehen ab, das die deutsche Führung so nicht erwartet hatte. Statt eines auslaufenden Widerstands geschlagener Reste entfaltete die Rote Armee eine Reihe von Gegenschlägen, die von Tag zu Tag an Wucht gewannen. Unter der Gesamtleitung von Marschall Timoschenko wurden zunächst fünf, wenig später sieben neu aufgestellte Armeen gegen die deutschen Sperrfronten geworfen, darunter die 24.

, die 28. , die 29. und die 30. Armee.

Diese Verbände waren erst in den Wochen zuvor zusammengestellt worden, oft aus Reservisten und unvollständig ausgerüsteten Einheiten. Dennoch traten sie nicht vereinzelt an, sondern in einer fortlaufenden Kette von Stößen, die den deutschen Riegeln kaum eine Atempause ließ. Die Angriffe setzten vom 21. Juli an aus östlicher und nordöstlicher Richtung ein und richteten sich gegen die dünn besetzten Außenfronten der Panzergruppen.

Besonders erbittert entwickelten sich die Kämpfe um Jelnja, einen Frontvorsprung südöstlich von Smolensk, der bald zum Sinnbild dieser neuen Art des Krieges wurde. Zugleich versuchte General Rokossowski mit zusammengerafften Kräften einen Korridor zu den eingeschlossenen Armeen aufzureißen. Diese Vorstöße kosteten die Rote Armee gewaltige Verluste, denn sie wurden häufig ohne ausreichende Vorbereitung und ohne genügend Artillerie geführt. Doch ihre Wirkung bemaß sich nicht am unmittelbaren Geländegewinn, sondern an der Bindung deutscher Kräfte.

Indem die eingeschlossenen Truppen weiterkämpften und von außen ständig neue Angriffe geführt wurden, wirkten die Kessel wie Anker, die den deutschen Vormarsch festhielten. Die Panzerdivisionen, die eigentlich hätten weiterstoßen sollen, blieben an Ort und Stelle gebunden. Die sowjetische Führung setzte diese Methode bewusst ein. Sie nahm die hohen eigenen Verluste in Kauf, um Zeit zu gewinnen und dem Gegner die Möglichkeit zu nehmen, seine beweglichen Verbände zu einem neuen geschlossenen Schlag zu sammeln.

Was auf deutscher Seite als kurzes Aufräumen geplant war, wurde so zu einer anhaltenden Front aktiver Verteidigung. Die deutsche Planung hatte mit der Vernichtung von Resten gerechnet, mit einem Übergang von der Schlacht zur Verfolgung. Tatsächlich sah sie sich ununterbrochenem Kampf gegenüber, in dem der Gegner immer wieder neue Divisionen heranführte, sobald die alten aufgerieben waren. Es gab keine klare Trennlinie mehr zwischen der Zerschlagung des Kessels und der Abwehr der Entsatzangriffe.

Beides verschmolz zu einem einzigen zähen Ringen. Hinzu trat die Logistik. Der Kriegsschauplatz im Osten stellte an den Nachschub Anforderungen, die sich grundlegend von den Erfahrungen früherer Feldzüge unterschieden. Die wenigen befestigten Straßen genügten dem gewaltigen Verkehr nicht, und der weitaus größte Teil des Vormarsches führte über unbefestigte Landwege.

Bei trockenem Wetter verwandelten sich diese Wege in Staubpisten, die Motoren und Filter zusetzten. Nach jedem stärkeren Regen wurden sie zu Schlammbändern, in denen Fahrzeuge einsanken und ganze Kolonnen zum Stehen kamen. Erschwerend kam die Frage der Eisenbahn hinzu. Die sowjetischen Gleise hatten eine andere Spurweite, sodass die deutschen Züge nicht ohne weiteres auf ihnen fahren konnten.

Die eroberten Strecken mussten erst mühsam auf die eigene Spurweite umgenagelt werden. Diese Arbeit verschlang Zeit und hielt mit dem raschen Vormarsch der Panzerspitzen niemals Schritt. So entstand eine wachsende Kluft zwischen dem Ort, bis zu dem die Eisenbahn den Nachschub bringen konnte, und dem Ort, an dem er gebraucht wurde. Diese Lücke musste durch Lastkraftwagen überbrückt werden, deren Zahl begrenzt war und die selbst Treibstoff verbrauchten.

Die Lastkraftwagen fuhren Tag und Nacht über dieselben Pisten, die schon die Panzer verschlissen hatten. Reifen, Achsen und Motoren gaben in großer Zahl auf, und da die deutschen Verbände Fahrzeuge unterschiedlichster Herkunft und Bauart mit sich führten, war die Ersatzteilversorgung ein einziges Durcheinander. Ein liegen gebliebener Lastwagen war nicht nur ein verlorenes Transportmittel, sondern auch eine Ladung, die nicht ankam. Die Versorgung zehrte an sich selbst.

Zugleich vergrößerte sich der Abstand zwischen den beweglichen Spitzen und den nachfolgenden Fußtruppen weiter. Die Infanteriearmeen hinkten den Panzergruppen um neunzig bis hundert Kilometer hinterher, und dieser Rückstand ließ sich mit reiner Marschleistung nicht mehr aufholen. Der Treibstoff wurde zum knappsten aller Güter. Bereits Mitte Juli mussten einzelne Vorausabteilungen ihre Bewegungen einschränken, nicht weil der Feind sie aufgehalten hätte, sondern weil schlicht das Benzin fehlte.

Aus diesen Zwängen ergab sich ein neues Muster der Kriegführung. Von nun an konnte die Wehrmacht ihre Angriffe nicht mehr als durchgehenden Strom führen, sondern nur noch in Schüben. Ein Vorstoß wurde so lange getrieben, wie Treibstoff und Munition reichten. Dann musste eine Pause folgen, in der die Vorräte aufgefüllt und die Fahrzeuge instand gesetzt wurden.

Dieses ruckartige Vorgehen stand im schroffen Gegensatz zu dem, was den Blitzkrieg zuvor ausgemacht hatte. In Westeuropa hatten die kurzen Entfernungen und die dichte Infrastruktur es erlaubt, den Schwung ohne größere Unterbrechungen zu halten. Im Osten prallten dieselben Methoden auf einen Raum, in dem der Nachschub dem Tempo grundsätzlich nicht folgen konnte. Der Blitzkrieg lebte von der Geschwindigkeit, doch gerade die Geschwindigkeit trieb die Verbände über die Grenze hinaus, bis zu der ihre Versorgung reichte.

Je weiter die Panzer vorstießen, desto länger wurden die Nachschubwege, und je länger diese Wege wurden, desto seltener ließ sich das Tempo halten. So untergrub der Vormarsch die Voraussetzungen seines eigenen Gelingens. Was in einem kleinen Raum eine Stärke gewesen war, wurde im weiten Raum des Ostens zu einer Falle. Die Folgen dieser doppelten Belastung veränderten auch den taktischen Charakter der Kämpfe.

Die Panzerdivisionen, die für den tiefen Stoß geschaffen waren, fanden sich mehr und mehr in der Rolle des Verteidigers wieder. Statt in die Tiefe zu stoßen, mussten sie feindliche Angriffe abfangen und örtliche Gegenstöße führen. Dieser Wandel war kein bewusster Entschluss, sondern das Ergebnis der Umstände. Bemerkenswert ist, dass die deutsche Truppe dabei ihre taktische Meisterschaft keineswegs verlor.

Die Auftragstaktik bewährte sich auch in der Abwehr, und der Gedanke des Schwerpunkts blieb lebendig. Wo immer es zum unmittelbaren Zusammenstoß kam, behielt die deutsche Seite meist die Oberhand. Doch dieser taktische Vorrang übersetzte sich nicht mehr in operativen Erfolg. Ein gewonnenes Gefecht schuf keinen Durchbruch mehr, weil kein Treibstoff für die Ausnutzung da war, weil die nächste feindliche Armee bereits bereitstand und weil die eigenen Verbände zu ausgezehrt waren.

Der deutsche Vormarsch war nicht an einer verlorenen Schlacht gescheitert, denn die einzelnen Gefechte gingen meist zugunsten der Wehrmacht aus. Er war an einer Summe von Bedingungen erlahmt, die keine einzelne Entscheidung hätte umkehren können: am Widerstand der eingeschlossenen Truppen, an der Kette immer neuer Gegenangriffe, an der Grenze der eigenen Versorgung und an der Erschöpfung der beweglichen Verbände. Jeder dieser Faktoren für sich wäre zu bewältigen gewesen. In ihrer Verbindung jedoch bildeten sie eine Schranke.

Zu diesen Kräften trat ein weiterer, ganz anders gearteter Faktor hinzu: die Entscheidungen der obersten Führung. Mit der Weisung Nummer 33 vom 19. Juli und den darauffolgenden Ergänzungen verlagerte die oberste Führung den Schwerpunkt des Angriffs weg von Moskau und hin zu den Flügeln. Ein Teil der beweglichen Kräfte sollte nach Norden schwenken, um den Vorstoß auf Leningrad zu unterstützen, ein anderer nach Süden in Richtung der Ukraine.

Die Hauptstadt selbst trat vorerst in den Hintergrund. Diese Weisung stieß bei den führenden Männern an der Front auf entschiedenen Widerspruch. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Feldmarschall von Bock, ebenso wie die Panzerführer Guderian und Hoth drängten darauf, den einmal gewonnenen Schwung nicht zu verschenken und ohne Verzug auf Moskau vorzustoßen. Die oberste Führung hingegen hielt an ihrer Absicht fest.

Mit der Weisung Nummer 34 vom 30. Juli wurde die Umgruppierung bekräftigt. Am 31. Juli erhielt die Heeresgruppe Mitte auf ihrer Hauptrichtung faktisch den Auftrag, zur Verteidigung überzugehen.

Es wäre zu einfach, diese Entscheidung nur als Fehler zu deuten. Wer das Ziel des Feldzugs vor allem in der Vernichtung der feindlichen Streitkräfte und in der Inbesitznahme der wirtschaftlichen Grundlagen sah, für den war der Schwenk zu den Flügeln kein Umweg, sondern ein logischer Schritt. Im Süden lockten die Getreide-, Kohle- und Industriegebiete der Ukraine sowie die Aussicht, große sowjetische Kräfte um Kiew einzuschließen. Im Norden ging es um Leningrad.

Der Widerspruch entstand erst dann, wenn man das Ziel nicht in der Fläche, sondern in der Zeit maß. Denn jede Umlenkung der beweglichen Verbände lief dem einen Gut zuwider, das für den Blitzkrieg entscheidend war: dem ununterbrochenen Tempo auf dem kürzesten Weg zum entscheidenden Punkt. Besonders folgenschwer war die Absicht, einen Teil der Panzerkräfte nach Süden abzudrehen, um bei Kiew eine gewaltige Einschließung zu ermöglichen. Auf den ersten Blick versprach dieser Schwenk einen der größten Kesselerfolge des ganzen Krieges, und tatsächlich sollte er wenige Wochen später eine enorme Zahl von Gefangenen einbringen.

Doch jeder Panzer, jede motorisierte Division, die für dieses Unternehmen nach Süden rollte, fehlte auf der Achse nach Osten. Die Zeit, die man vor Kiew gewann, verlor man vor Moskau. Für den Verlauf der Ereignisse bei Smolensk ist entscheidend, dass die zentrale Stoßrichtung durch diesen Entschluss für Wochen ihres schärfsten Werkzeugs beraubt wurde, gerade in dem Augenblick, in dem der Gegner am verwundbarsten schien und zugleich am schnellsten neue Kräfte heranführte. Die strategische Entscheidung und die Erschöpfung der Truppe wirkten hier in dieselbe Richtung.

Die beweglichen Verbände brauchten ohnehin eine Atempause, um wieder einsatzfähig zu werden. Ihre Gefechtskraft war so weit gesunken, dass man sie erst mühsam auf etwa sechzig bis siebzig Prozent des Sollwerts zurückführen musste. Fahrzeuge mussten instand gesetzt, Verluste ausgeglichen, Treibstoff und Munition herangeschafft werden. Diese Wiederherstellung verlangte einen Zeitraum von etwa zwei Wochen, in denen die Panzergruppen für den großen Vorstoß praktisch ausfielen.

Die Pause, die aus der Not geboren war, wurde durch die Weisungen von oben gewissermaßen amtlich gemacht. Der Stillstand hatte auch eine Wirkung auf die Truppe selbst. Wochenlang hatte der Vormarsch eine eigene Zugkraft entfaltet. Als diese Bewegung nun erlahmte und an ihre Stelle das Halten von Stellungen und das Warten auf Nachschub trat, veränderte sich etwas im Wesen des Feldzugs.

Die Gewissheit, dem Ziel mit jedem Tag näher zu kommen, wich der Erfahrung, an Ort und Stelle festzuliegen, während der Gegner stärker wurde. Dieser Wandel war kein Zusammenbruch, doch er markierte das Ende einer Selbstverständlichkeit. Für die sowjetische Seite war diese Zeit ein Geschenk von unschätzbarem Wert. Während die deutschen Verbände sich sammelten und auffrischten, nutzte die Rote Armee jeden Tag, um ihre Stellungen auszubauen und neue Truppen heranzuführen.

Was der Angreifer an Zeit verlor, gewann der Verteidiger an Widerstandskraft. Der Boden vor Moskau, den man Ende Juli beinahe frei geglaubt hatte, füllte sich in diesen Wochen mit neuen Divisionen und tiefen Verteidigungslinien. Ein Ort verdichtete diese Entwicklung wie unter einem Brennglas: der Frontvorsprung von Jelnja. Was dort im August geschah, hatte mit dem Blitzkrieg der ersten Wochen nichts mehr gemein.

An die Stelle des raschen Durchbruchs trat ein zäher Stellungskampf um wenige Kilometer Gelände mit Artillerieduellen und wiederholten Angriffen. Die Heeresgruppe Mitte wurde hier in eine Art des Krieges hineingezogen, die ihren eigenen Stärken zuwiderlief und ihre Substanz Tag für Tag aufzehrte. Anfang September gab die deutsche Führung den Vorsprung preis und nahm die Front zurück, um Kräfte zu sparen. Für die Rote Armee war die Rückeroberung von Jelnja am 6.

September ein erster sichtbarer Beleg dafür, dass der deutsche Vormarsch nicht mehr unaufhaltsam war. Für die Wehrmacht war es das Eingeständnis, dass sich auch mit taktischem Geschick nicht jede Stellung halten ließ. Vier Kräfte wirkten zusammen, und keine von ihnen allein hätte die Wirkung erzielt, die sie in ihrer Verbindung entfaltete. Zuerst war da der hartnäckige Widerstand der eingeschlossenen Truppen, der die beweglichen Verbände band.

Dann kam die Kette der Gegenangriffe frischer Armeen, die dem Angreifer keine Ruhe ließ. Hinzu trat die logistische Grenze, jenseits derer der Nachschub dem Vorstoß nicht mehr folgen konnte. Schließlich fügte sich die strategische Umlenkung der Kräfte hinzu, die die entstandene Pause besiegelte. Erst das Ineinandergreifen dieser vier Kräfte machte aus einer örtlichen Verzögerung einen grundlegenden Wandel im Charakter des ganzen Feldzugs.

Smolensk war keine belanglose Zwischenstation. Es war der erste Punkt, an dem das gesamte Modell, das auf einen raschen Zusammenbruch des Gegners baute, an einer seiner tragenden Voraussetzungen versagte. Dieses Modell setzte darauf, den Feind zu schlagen, ehe seine Tiefe wirksam wurde, und den Krieg zu entscheiden, ehe Raum, Wetter und Erschöpfung ihre Rechnung stellten. Bei Smolensk zeigte sich zum ersten Mal, dass genau diese Voraussetzung auf dem zentralen Kriegsschauplatz nicht mehr trug.

Der Gegner brach nicht zusammen, die Tiefe wurde wirksam, und die Zeit begann für den Verteidiger zu arbeiten. Rein operativ betrachtet errang die Wehrmacht bei Smolensk einen großen Erfolg. Sie schloss mehrere sowjetische Armeen ein, fügte ihnen schwerste Verluste zu, nahm eine bedeutende Stadt und schob die Front weit über den Dnjepr hinaus nach Osten. Nach den Maßstäben früherer Feldzüge wäre dies ein glänzendes Ergebnis gewesen.

Und doch verband sich mit diesem Erfolg ein Verlust, der auf der Landkarte nicht sichtbar war. Die Fähigkeit, ein ununterbrochenes Angriffstempo über weite Räume hinwegzuhalten, ging in eben diesen Wochen verloren. Der Preis des operativen Sieges war die Einbuße jener Eigenschaft, die den Blitzkrieg überhaupt erst zu dem gemacht hatte, was er war. Die unablässigen sowjetischen Gegenschläge, die Zähigkeit der eingeschlossenen Truppen, die äußerste Dehnung der Nachschubwege und die Notwendigkeit langer Pausen verwandelten den Blitzkrieg aus einem durchgehenden Vorgang in eine Folge einzelner Schübe.

Die strategischen Entscheidungen, die einen großen Teil der Kräfte auf die Flügel lenkten, schrieben diese Pause fest. Zu Beginn des September verfügte die Heeresgruppe Mitte nicht mehr über jene Freiheit der Bewegung und jene Stoßkraft, mit denen sie in den Juli hineingegangen war. Dies bedeutete nicht, dass die Rote Armee zu diesem Zeitpunkt bereits die Initiative übernommen hatte. Doch es bedeutete, dass die ursprüngliche Voraussetzung des Unternehmens, die rasche Zerschlagung der Hauptkräfte des Gegners noch vor dem Eintreffen tiefer Reserven und vor dem Beginn des Herbstes, auf der zentralen Richtung nicht mehr galt.

Die weiteren Ereignisse jenes Herbstes und Winters entwickelten sich bereits unter Bedingungen, die sich zum ersten Mal genau hier im Raum von Smolensk abgezeichnet hatten.