Ich stand im Frühjahr 1940 an der Maas, die Hände zitterten mir vom dritten Tag ohne Schlaf. „Nimm die Tabletten, dann hältst du durch“, sagte der Feldwebel und drückte mir eine Handvoll kleiner…

Im Frühjahr 1940, in den Wochen vor dem großen Angriff im Westen, verließen mehr als fünfunddreißig Millionen kleine Tabletten die Lager der Wehrmacht und wurden an Heer und Luftwaffe verteilt. Es handelte sich nicht um Munition, nicht um Verpflegung und nicht um Ersatzteile, sondern um ein pharmazeutisches Präparat namens Pervitin, ein Mittel auf der Grundlage von Metamfetamin. Jede Tablette enthielt drei Milligramm des Wirkstoffs, und jede einzelne sollte dasselbe leisten: die natürliche Erschöpfung des menschlichen Körpers für einige Stunden zurückdrängen und den Soldaten befähigen, weiterzumarschieren, weiterzukämpfen und weiterzufahren, wenn der Körper längst nach Schlaf verlangte. Diese Zahl, verteilt über wenige Wochen, sagt viel über den Charakter des kommenden Feldzuges aus und über die Vorstellungen jener, die ihn planten.

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Sie deutet an, dass die Frage der menschlichen Ausdauer nicht dem Zufall überlassen, sondern zu einem Gegenstand planmäßiger Versorgung gemacht worden war. Es geht hier um mehrere miteinander verflochtene Fragen: um die Rolle der pharmakologischen Unterstützung bei schnellen, hochbeweglichen Operationen, um das Zusammenspiel des Präparats mit einer bereits vorhandenen militärischen Doktrin und um die grundlegende Frage, warum die raschen Siege der Jahre 1939 und 1940 überhaupt möglich wurden und wo die natürlichen Grenzen eines solchen Ansatzes lagen. Die Geschichte des Pervitins ist weder die einer Wunderwaffe noch die eines nebensächlichen Details. Sie ist die Geschichte eines Werkzeugs, das genau in einen bestimmten militärischen Denkstil hineinpasste, und wer sie verstehen will, muss Nutzen und Preis zugleich im Blick behalten.

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten die deutschen Militärtheoretiker, geprägt durch die Erfahrungen des Bewegungskrieges im Osten und durch die Beschränkungen des Versailler Vertrags, eine Konzeption der beweglichen Kriegführung, die auf Geschwindigkeit, auf die Eigeninitiative der unteren Führer und auf tiefe Durchbrüche in den feindlichen Raum setzte. Das auf hunderttausend Mann begrenzte Berufsheer der Reichswehr zwang die Führung geradezu dazu, auf Qualität, Beweglichkeit und Führungskunst statt auf schiere Masse zu setzen. Bis zum Jahr 1939 verband sich diese militärische Vorstellung mit einem politischen Kurs, der auf kurze, entscheidende Feldzüge zielte, auf den sogenannten kurzen Krieg, um einen langwierigen Abnutzungskampf gegen Gegner mit überlegenen Ressourcen zu vermeiden. Innerhalb dieser Logik galt die Erschöpfung der Truppe als eines der wichtigsten Hindernisse.

Wer schnell und ohne Pause vorstoßen wollte, stieß unweigerlich an die Grenzen des menschlichen Organismus. An diesem Punkt trat das Präparat in den Vordergrund. Es erlaubte tatsächlich, die physiologischen Möglichkeiten der Soldaten für eine gewisse Zeit zu erweitern und die Kontinuität der Operationen aufrechtzuerhalten. Doch der Erfolg der frühen Feldzüge war das Ergebnis eines ganzen Geflechts von Faktoren: der Doktrin, der Ausbildung, der Funktechnik, der Luftunterstützung sowie der Fehler und der Unvorbereitetheit der Gegner.

Die pharmakologische Maßnahme war ein Hilfsmittel, nicht der entscheidende geheime Schlüssel, und sie hatte erhebliche Kosten für die dauerhafte Widerstandsfähigkeit der Truppe. Diese Doppelnatur, Nutzen auf der einen und Preis auf der anderen Seite, zieht sich durch die gesamte Geschichte und kehrt in jedem Abschnitt wieder, gleich ob man die frühen Erfolge oder die späteren Ernüchterungen betrachtet. Um den Anfang dieser Geschichte zu erfassen, muss man in die Zwischenkriegszeit zurückkehren, in jene Jahre, in denen die deutsche Militärdenkweise ihre reife Gestalt annahm. Die Grundsätze der Truppenführung verlangten von den Verbänden die Fähigkeit, rasch und selbständig zu handeln.

Das Prinzip der Auftragstaktik übertrug den unteren Führern die Verantwortung, im Rahmen der übergeordneten Absicht eigene Entscheidungen zu treffen, ohne auf ausdrückliche Befehle von oben zu warten. Ein Kompaniechef oder ein Zugführer sollte nicht auf neue Befehle warten, wenn sich eine Gelegenheit bot, sondern im Sinne des Ganzen selbst handeln. Der Gedanke des Schwerpunkts verlangte, die Kräfte an der entscheidenden Stelle zu bündeln und dort mit voller Wucht durchzubrechen, statt sie gleichmäßig über die gesamte Front zu verteilen. All dies setzte voraus, dass Menschen und Maschinen in der Lage waren, über längere Zeit ein hohes Tempo zu halten.

Und gerade hier lag ein empfindlicher Punkt, denn Ermüdung und die Notwendigkeit regelmäßiger Ruhe wurden zum Engpass, sobald man versuchte, tiefe Durchbrüche und eine unerbittliche Verfolgung des Gegners tatsächlich in die Wirklichkeit umzusetzen. Die Entstehung des Präparats selbst gehört in diese Zeit. In den Jahren 1937 und 1938 brachte das Berliner Unternehmen Temler ein Mittel auf den Markt, das auf Metamfetamin beruhte. Der Chemiker Fritz Hauschild spielte bei seiner Entwicklung eine wesentliche Rolle.

Das Patent wurde 1937 angemeldet, die eigentliche Markteinführung fiel in das Jahr 1938. Ursprünglich war Pervitin keineswegs als militärisches Mittel gedacht, sondern als ziviles Präparat gegen Müdigkeit und zur Steigerung der Leistungsfähigkeit, gewissermaßen als deutsche Antwort auf das amerikanische Benzedrin, das jenseits des Atlantiks bereits verbreitet war. Das Mittel verbreitete sich rasch in der zivilen Gesellschaft. Es wurde als Aufputschmittel gegen die alltägliche Erschöpfung angepriesen, fand seinen Weg in Büros und Fabriken, half Studenten beim nächtlichen Lernen und Fahrern auf langen Strecken, und es erschien sogar in Form von Schokolade, die als Muntermacher für den Haushalt beworben wurde.

So war das Präparat, das später an die Front rollte, in gewisser Weise bereits ein vertrauter Teil des zivilen Lebens, bevor es überhaupt eine militärische Bedeutung erhielt. Diese anfängliche Selbstverständlichkeit erklärt zum Teil, warum die späteren Warnungen vor den Gefahren zunächst auf so wenig Widerhall stießen. Der Übergang von der zivilen Nutzung zur militärischen Prüfung vollzog sich durch die Arbeit eines Mannes, dessen Name eng mit dieser Geschichte verbunden ist. Otto Ranke war der Direktor des Instituts für Allgemeine und Wehrphysiologie an der Militärärztlichen Akademie in Berlin, und er interessierte sich für die Frage, ob sich mit einem solchen Mittel die Leistungsfähigkeit von Soldaten planmäßig steigern ließe.

Bereits vor dem Krieg hatte er Versuchsreihen durchgeführt, in denen er die Wirkung des Präparats auf Aufmerksamkeit, Rechenfähigkeit und Wachheit maß. Im September 1939 führte er Versuche an einer Gruppe von etwa neunzig Studenten und Medizinaloffizieren durch. Die Ergebnisse prägten seine Einschätzung nachhaltig. Ranke kam zu dem Schluss, dass das Präparat ein ausgezeichnetes Mittel sei, um eine ermüdete Einheit wieder auf die Beine zu bringen.

Es erlaube, die natürliche Erschöpfung zurückzudrängen, es steigere das Selbstvertrauen, die Konzentration und die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, und es vermindere die Empfindlichkeit gegenüber Schmerz, Hunger und Durst. In seinen Aufzeichnungen bezeichnete er das Mittel sinngemäß als hervorragend geeignet, um eine erschöpfte Truppe wiederzubeleben. Bemerkenswert ist, dass Ranke das Präparat auch selbst regelmäßig einnahm, um seine eigene Arbeitsfähigkeit während langer Dienstzeiten aufrechtzuerhalten, ein Umstand, der zeigt, wie selbstverständlich der Umgang mit dem Mittel selbst in wissenschaftlichen Kreisen geworden war. An dieser Stelle lohnt sich eine ehrliche Frage: Inwieweit veränderte das Präparat wirklich die Möglichkeiten eines Verbandes im tatsächlichen Gefecht, und was geschah, wenn die Wirkung nachließ?

Die Antwort auf die erste Frage schien den Militärs damals eindeutig positiv. In der Konzeption des kurzen Krieges war es von entscheidender Bedeutung, nach einem gelungenen Durchbruch nicht stehen zu bleiben und dem Gegner keine Zeit zur Neuordnung seiner Kräfte zu lassen. Die Erschöpfung der eigenen Truppe erschien in dieser Logik als ein rein physiologisches Problem, und ein Problem, für das es nun offenbar eine chemische Lösung gab. Das Präparat versprach genau das, was die Doktrin verlangte: die Fähigkeit, das Tempo aufrechtzuerhalten, wenn der Körper eigentlich eine Pause forderte.

Für eine Armee, deren gesamtes Denken auf Schnelligkeit und Fortsetzung des Angriffs ausgerichtet war, wirkte dies wie das fehlende Glied. Doch die zweite Frage, was geschah, wenn die Wirkung endete, blieb in dieser frühen Begeisterung weitgehend unbeantwortet, und gerade sie sollte sich später als die entscheidende erweisen. Die konkreten Zahlen des Jahres 1939 unterstreichen den Umfang dieser Entwicklung. Das Unternehmen Temler lieferte im Verlauf des Jahres, vor allem in den Monaten von April bis Dezember, ungefähr 29 Millionen Tabletten.

Der Feldzug gegen Polen im Herbst 1939 wurde zum ersten groß angelegten Versuchsfeld für den militärischen Einsatz des Präparats. Dort zeigte sich in Ansätzen, was in der Theorie erhofft worden war. Einzelne motorisierte und Panzerverbände legten beträchtliche Entfernungen zurück, ohne längere Ruhepausen einzulegen, und die Fähigkeit, den Vormarsch über Tag und Nacht auszudehnen, trug dazu bei, die polnischen Kräfte immer wieder aus einer möglichen neuen Verteidigungsstellung zu drängen, bevor diese überhaupt bezogen werden konnte. Die Verfolgung verlor an keiner Stelle ihren Schwung, und gerade dieser ununterbrochene Druck erschwerte es dem Gegner, eine geordnete Front wiederherzustellen.

Zugleich sammelten die Militärärzte in diesen Wochen erste praktische Beobachtungen darüber, wie sich das Mittel im Feld tatsächlich verhielt, jenseits der geordneten Bedingungen des Labors. Doch der polnische Feldzug offenbarte auch, dass hier zwei Dinge zusammenwirkten, die man nicht sauber voneinander trennen kann. Auf der einen Seite standen die bereits vorhandene Doktrin, die Ausbildung der Verbände und die zahlenmäßige und materielle Lage, die den Deutschen ohnehin einen erheblichen Vorteil verschafften. Auf der anderen Seite stand die pharmakologische Unterstützung, die es erlaubte, diesen Vorteil ohne Unterbrechung auszuschöpfen.

Damit stellt sich bereits an dieser frühen Stelle die eigentliche Kernfrage der gesamten Betrachtung: Waren die Erfolge das Ergebnis der Tabletten, oder erlaubten die Tabletten lediglich, einen ohnehin vorhandenen Plan und eine vorhandene Vorbereitung vollständiger auszuschöpfen? Diese Frage lässt sich am Beispiel Polens noch nicht abschließend beantworten, doch sie muss von Anfang an mitgedacht werden, denn Polen war ein Gegner, der der deutschen Wehrmacht in Ausrüstung, Beweglichkeit und Führung deutlich unterlegen war, und ein solcher Sieg ließ noch offen, wie sich dasselbe Verfahren gegen einen ebenbürtigeren Feind bewähren würde. Es lohnt sich auch an dieser Stelle, einen Moment innezuhalten und über die Kehrseite nachzudenken, die in den offiziellen Bewertungen jener Zeit noch kaum eine Rolle spielte. Die Wirkung eines solchen Mittels ist zeitlich begrenzt.

Sie hält einige Stunden an, und danach kehrt die Erschöpfung nicht nur zurück, sondern meldet sich verstärkt. Der Körper, der über seine natürlichen Grenzen hinaus in Anspruch genommen wurde, verlangt seinen Ausgleich. Bei einmaligem oder gelegentlichem Einsatz mochte dies unbedeutend erscheinen. Doch bereits in Polen deutete sich an, dass ein dauerhafter Gebrauch andere Folgen haben würde.

Diese Frage, was geschah, wenn die Wirkung endete und was ein Verband nach mehreren Tagen ununterbrochenen Einsatzes tatsächlich noch leisten konnte, sollte im großen Feldzug des folgenden Jahres in ungleich größerem Maßstab beantwortet werden. Der Feldzug in Polen zeigte also die Möglichkeiten, doch der wirklich massenhafte und systematische Einsatz des Präparats stand noch bevor, und er sollte erst mit der Operation im Westen im Frühjahr des Jahres 1940 kommen. Im April 1940, unmittelbar vor dem großen Angriff, wurde ein Erlass wirksam, der oft als der Stimulierende Erlass oder als Pervitin-Erlass bezeichnet wird und der die Ausgabe des Präparats an die Truppe regelte. In der Folge gelangten in einem kurzen Zeitraum von etwa April bis Juli desselben Jahres mehr als 35 Millionen Tabletten Pervitin und des verwandten Präparats Isophan, das vom Unternehmen Knoll hergestellt wurde, an das Heer und an die Luftwaffe.

Diese gewaltige Menge wurde nicht gleichmäßig über alle Verbände verteilt, sondern konzentrierte sich auf die kämpfenden Teile und dort wiederum vor allem auf jene Einheiten, von denen man das höchste Tempo und die größte Dauerbelastung erwartete, insbesondere auf die Panzerverbände und die Sturmtruppen an den entscheidenden Durchbruchsstellen. Die Verteilung folgte damit einer klaren militärischen Logik, denn wo der Erfolg von der Geschwindigkeit abhing, wog die Fähigkeit, wach und einsatzfähig zu bleiben, am schwersten. Unter den Soldaten selbst erhielt das Mittel bald vertraute Spitznamen, die viel über seinen tatsächlichen Gebrauch verraten. Man sprach von Stuka-Tabletten in Anspielung auf die Sturzkampfflieger, deren Besatzungen das Präparat einnahmen, um die lange Anspannung des Fluges und die extremen Belastungen des Sturzflugs durchzustehen.

Und man sprach von Panzerschokolade, weil die Tabletten in den Panzerbesatzungen so selbstverständlich kreisten wie ein Stück Schokolade während einer langen Fahrt. Diese Bezeichnungen entstanden nicht in den Amtsstuben, sondern im Alltag der Front, und gerade deshalb zeigen sie, wie tief das Präparat in die Praxis des Krieges eingedrungen war. Es war nicht mehr ein Gegenstand medizinischer Versuche, sondern ein alltäglicher Bestandteil des Lebens jener Männer, die an der Spitze des Vormarsches fuhren und kämpften. Der spöttische, beinah harmlose Klang dieser Namen verdeckte dabei, dass es sich um ein starkes Betäubungs- und Aufputschmittel handelte, dessen Wirkung auf Körper und Nerven alles andere als harmlos war.

Um zu verstehen, wie das Präparat die Taktik beeinflusste, muss man sich den Ablauf der Kampagne im Westen vor Augen führen. Der entscheidende Stoß erfolgte durch die Ardennen, ein waldreiches und schwer zugängliches Gelände, das die französische Führung für einen größeren Panzervorstoß kaum für geeignet hielt. Gerade deshalb war die Überraschung an dieser Stelle so vollständig. Der zugrunde liegende Plan, der eng mit dem Namen Erich von Manstein verbunden ist und später als Sichelschnitt bekannt wurde, sah vor, das Hauptgewicht des Angriffs nicht wie erwartet durch Belgien, sondern durch die als undurchdringlich geltenden Ardennen zu legen und so hinter die stärksten alliierten Kräfte zu gelangen.

Als die deutschen Panzerverbände bei Sedan die Maas überschritten und die französische Front durchbrachen, entstand jene Lage, in der die Fähigkeit, ohne Pause weiterzustoßen, den größten Wert besaß. Die Panzergruppen unter Führern wie Guderian und Rommel drangen täglich um Dutzende von Kilometern nach Westen vor und gaben den französischen Verbänden keine Gelegenheit, hinter der Durchbruchsstelle eine neue Verteidigungslinie aufzubauen. Genau in diesem ununterbrochenen Vordringen lag der Kern des Erfolgs, und genau hier spielte die pharmakologische Unterstützung ihre Rolle, denn der Durchbruch allein entschied nichts. Entscheidend war, was in den Stunden und Tagen danach geschah.

Ein Gegner, der nach einem Durchbruch Zeit gewinnt, kann seine Reserven heranführen, eine neue Linie beziehen und die Lücke schließen. Die deutsche Führung wusste dies, und ihre gesamte Denkweise zielte darauf ab, dem Gegner genau diese Zeit zu verweigern. Das Präparat erlaubte es, die zeitlichen Fenster zwischen den einzelnen Phasen zusammenzupressen. Auf den Durchbruch folgte die Verfolgung, auf die Verfolgung folgte der nächste Durchbruch, und zwischen diesen Phasen lag im Idealfall keine lange Pause zur Erholung.

Die Truppe, die unter der Wirkung des Mittels stand, konnte weiterfahren, weiterkämpfen und weitermarschieren, während der Gegner noch mit den Folgen des vorangegangenen Stoßes rang. Dieser verdichtete Rhythmus verstärkte die Wirkung der Überraschung und trug wesentlich zur Desorganisation der gegnerischen Führung bei. Rommels Division bewegte sich zeitweise so schnell und so weit von den benachbarten Verbänden entfernt, dass sie in den deutschen Meldungen als Gespensterdivision bezeichnet wurde, weil selbst die eigene Führung ihren genauen Standort kaum noch verfolgen konnte. Das Präparat wirkte dabei nicht isoliert, sondern in engem Zusammenhang mit dem Prinzip der Auftragstaktik.

Die unteren Führer besaßen die Freiheit, im Rahmen der übergeordneten Absicht selbständig zu entscheiden, ob sie den Vormarsch fortsetzten oder anhielten. Diese Freiheit hatte jedoch eine körperliche Voraussetzung. Ein Kommandeur konnte nur dann entscheiden, ohne Pause weiterzustoßen, wenn seine Männer physisch überhaupt in der Lage waren, das geforderte Tempo ohne sofortige Ruhe durchzuhalten. Hier verband sich das pharmakologische Mittel unmittelbar mit der Führungsphilosophie.

Das Präparat erweiterte den Spielraum, innerhalb dessen ein unterer Führer die kühne Entscheidung treffen konnte, weiterzumachen, obwohl die Truppe eigentlich erschöpft war. Auf diese Weise stützte die Chemie eine Denkweise, die von der Eigeninitiative und der Risikobereitschaft der Männer an vorderster Stelle lebte. Es entstand gewissermaßen eine Rückkopplung: Die Doktrin verlangte höchstes Tempo, das Mittel machte dieses Tempo körperlich möglich, und die Möglichkeit wiederum ermutigte die Führer, noch mehr zu verlangen. Die Erfahrungen des polnischen Feldzuges hatten diese Zusammenhänge bereits angedeutet.

Auch dort hatten der rasche Umfassungsstoß und die unerbittliche Verfolgung den polnischen Truppen kaum eine Gelegenheit gelassen, sich geordnet abzusetzen und neue Abwehrlinien zu bilden. Die Fähigkeit, den Druck aufrechtzuerhalten, wenn ein weniger beweglicher Gegner eine Atempause dringend benötigte, war schon damals ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgs gewesen. Im Westen des Jahres 1940 wiederholte sich dieses Muster nun jedoch in größerem Maßstab und gegen einen zahlenmäßig stärkeren Gegner, dessen Niederlage gerade deshalb so eindrucksvoll wirkte. In beiden Fällen war es dasselbe Grundprinzip, das den Verlauf bestimmte: nicht anhalten, nicht verschnaufen, dem Gegner keine Zeit lassen.

Umso bemerkenswerter ist, dass ausgerechnet dort, wo der Vormarsch aus operativen Gründen doch einmal angehalten wurde, nämlich vor Dünkirchen, ein Teil der eingeschlossenen britischen und französischen Kräfte über den Ärmelkanal entkommen konnte, was in aller Deutlichkeit zeigt, welchen Wert das ununterbrochene Nachdrängen in dieser Art der Kriegführung besaß. Neben den offiziellen Zahlen und den taktischen Überlegungen gibt es persönliche Zeugnisse, die das Bild auf einer menschlichen Ebene ergänzen. Der spätere Schriftsteller Heinrich Böll, der als junger Soldat diente, schrieb in Briefen an seine Familie mehrfach mit der Bitte, ihm zusätzliche Tabletten des Präparats zu schicken. In diesen Zeilen beschrieb er, wie das Mittel ihm helfe, mit der Erschöpfung und mit der bedrückenden Stimmung des Dienstes fertig zu werden, und er brachte seine Wirkung mit einer Formulierung zum Ausdruck, die sinngemäß besagte, dass das Mittel Wunder wirke.

Solche persönlichen Aussagen sind besonders aufschlussreich, weil sie zeigen, dass der Gebrauch des Präparats nicht allein von oben verordnet wurde, sondern auch von den Soldaten selbst gesucht und geschätzt wurde. Für den einzelnen Mann ging es dabei nicht um die große Strategie, sondern um die schlichte Frage, wie er die nächsten Stunden und Tage überstehen sollte. In diesen privaten Bitten spiegelt sich, wie die zunächst militärisch gedachte Maßnahme längst zu einem persönlichen Bewältigungsmittel des Alltags geworden war, mit allen Gefahren einer schleichenden Gewöhnung. Und doch zeigten sich bereits während dieser erfolgreichen Wochen die ersten Nuancen, die das einfache Bild eines Wundermittels zu trüben begannen.

Die Wirkung des Präparats war nicht unbegrenzt, sondern hielt jeweils nur einige Stunden an. Wer versuchte, über mehrere Tage hinweg das Tempo zu halten, musste die Einnahme wiederholen, und in der Praxis nahmen manche Soldaten bis zu drei oder vier Tabletten am Tag ein. Nach solchem anhaltenden Gebrauch folgten jedoch die sogenannten Rückschläge. Auf die künstlich verlängerte Wachheit folgte eine umso heftigere Erschöpfung.

Die Aufmerksamkeit ließ merklich nach, und die Fähigkeit, klare Entscheidungen zu treffen, verschlechterte sich. Manche Männer schliefen im Sitzen, am Steuer oder während kurzer Halte sofort ein, sobald die Wirkung nachließ, und einige starben an Herzversagen, weil ihr überlasteter Kreislauf der Dauerbelastung nicht standhielt. In den kurzen Feldzügen des Jahres 1940 blieben diese Folgen zwar noch beherrschbar, weil die entscheidenden Kämpfe innerhalb weniger Wochen entschieden wurden, doch sie deuteten bereits an, dass der Vorteil einen Preis hatte. Es ist wichtig, das Präparat nicht als isolierten Faktor zu betrachten, sondern als einen Bestandteil eines größeren Zusammenspiels von Mitteln, die erst gemeinsam ihre volle Wirkung entfalteten.

Die Funktechnik spielte dabei eine zentrale Rolle, denn nur durch den Funkverkehr konnten die weit vorgetriebenen Panzerverbände ihr Vordringen untereinander und mit der Führung koordinieren. Die Luftwaffe, insbesondere die Sturzkampfflieger, lieferte die unmittelbare Unterstützung aus der Luft und ersetzte in gewissem Maße die schwere Artillerie, die dem schnellen Vormarsch nur schwer folgen konnte. Doch alle diese Elemente, die Funkverbindung und die Luftunterstützung, verloren ihren Wert, wenn die Bodenverbände nicht in der Lage waren, das entscheidende Grundprinzip zu verwirklichen, nämlich nicht anzuhalten. Ohne die Fähigkeit der Männer und ihrer Maschinen, den Vormarsch ununterbrochen fortzusetzen, verlor der gesamte Mechanismus seine Wirksamkeit.

In dieser Kette war die pharmakologische Unterstützung ein Glied, das half, die menschliche Komponente auf der Höhe der technischen zu halten, damit der Mensch nicht zum langsamsten Teil eines ansonsten hochbeweglichen Systems wurde. Damit stellt sich erneut jene Frage, die schon beim polnischen Feldzug im Raum stand und die sich nun mit noch größerer Schärfe aufdrängt: Waren die Erfolge im Westen ausschließlich das Ergebnis der Tabletten? Oder erlaubten die Tabletten lediglich, einen bereits vorhandenen Plan, eine vorhandene Ausbildung und eine vorhandene technische Überlegenheit vollständiger zu verwirklichen? Die ehrliche Antwort liegt im Zusammenspiel.

Das Präparat schuf keinen Plan. Es entwarf keine Operation durch die Ardennen. Es baute keine Panzer und keine Funkgeräte. Was es leistete, war die Beseitigung eines einzelnen, aber wichtigen Hindernisses, nämlich der körperlichen Erschöpfung, die andernfalls das Tempo gebremst hätte.

Innerhalb einer Doktrin, die alles auf Geschwindigkeit setzte, war dies ein bedeutsamer Beitrag, doch es blieb ein Beitrag zu einem System, dessen übrige Teile bereits vorhanden und wirksam waren. Man kann das Präparat mit einem Schmiermittel vergleichen, das ein bereits vorhandenes Getriebe reibungsloser laufen lässt, aber niemals das Getriebe selbst ersetzt. Gerade hier zeigt sich die Grenze jeder Erzählung, die den Erfolg allein auf eine chemische Substanz zurückführen möchte. Das Präparat verstärkte, was ohnehin angelegt war.

Wo Durchbruch, Beweglichkeit und Eigeninitiative bereits gegeben waren, half es, diese Vorteile bis zur letzten Konsequenz auszunutzen. Wo diese Voraussetzungen fehlten, konnte auch die stärkste Aufputschwirkung sie nicht ersetzen. Diese Einsicht wird umso deutlicher, wenn man den Blick von den kurzen und siegreichen Feldzügen der Jahre 1939 und 1940 auf die späteren langwierigen Auseinandersetzungen richtet. Denn was in den ersten Wochen einen Vorteil verschaffte, hatte seinen eigenen Preis, und dieser Preis wurde umso spürbarer, je länger der Krieg dauerte und je weniger die Bedingungen des schnellen Erfolgs erfüllt waren.

So eindrucksvoll die kurzfristige Wirkung des Präparats auch war, so deutlich zeigten sich mit der Zeit seine Schattenseiten. Die Nebenwirkungen und die langfristigen Folgen des Metamfetamins traten umso stärker hervor, je häufiger und je länger es eingenommen wurde. An erster Stelle stand die Gewöhnung. Wer das Mittel regelmäßig gebrauchte, benötigte allmählich größere Mengen, um dieselbe Wirkung zu erzielen, und geriet in eine Abhängigkeit, die den Körper und den Willen zugleich betraf.

Hinzu kamen die Belastungen des Herzkreislaufsystems, denn das Präparat trieb den Puls und den Blutdruck in die Höhe und zwang das Herz zu einer Dauerleistung, für die es nicht geschaffen war. Nach dem Absetzen des Mittels folgten häufig psychische Zusammenbrüche, tiefe Niedergeschlagenheit und ein Zustand der Erschöpfung, der weit über die gewöhnliche Müdigkeit hinausging. Bei manchen traten Verwirrtheit, Sinnestäuschungen und schwere Kreislaufstörungen auf. Und bei anhaltendem Gebrauch verschlechterte sich die Qualität der Entscheidungen, denn ein übermüdeter und zugleich künstlich aufgeputschter Organismus verliert die Fähigkeit zu klarem und besonnenem Urteil.

Diese Gefahren blieben den Ärzten nicht verborgen. Bereits während der frühen Kriegsjahre erhoben sich innerhalb der militärischen Medizin kritische Stimmen, die vor einem unbedachten und breiten Einsatz des Präparats warnten. Diese Kritiker wiesen darauf hin, dass ein Mittel, das die natürliche Erschöpfung nur überdeckte, ohne sie zu beseitigen, die Soldaten am Ende untauglich machen könne. Ein Mann, der über Tage hinweg unter der Wirkung des Präparats gehalten wurde, mochte kurzfristig Außergewöhnliches leisten.

Doch danach war er unter Umständen für längere Zeit zu nichts mehr zu gebrauchen. Der Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti bemühte sich, den Verbrauch einzudämmen, und im Jahr 1941 wurde das Präparat den Bestimmungen der Rauschgiftgesetzgebung unterstellt, was seine Abgabe rechtlich einschränkte. In der Praxis jedoch blieb der Gebrauch an der Front verbreitet, denn die unmittelbaren Anforderungen des Krieges wogen für die kämpfende Truppe schwerer als die grundsätzlichen Bedenken der Gesundheitsverwaltung. Aus medizinischer Sicht verschob das Präparat die Erschöpfung lediglich in die Zukunft, und es verschob sie oft in verstärkter Form.

Der Kontrast zu den späteren Feldzügen macht diese Grenzen besonders anschaulich. Im Unternehmen Barbarossa, dem Angriff auf die Sowjetunion im Jahr 1941, und in den folgenden Kämpfen an der Ostfront war die Wirkung des Präparats weitaus weniger ausgeprägt als in den kurzen Feldzügen des Westens. Dies lag am schieren Maßstab der Operationen, an den gewaltigen Entfernungen, an den logistischen Schwierigkeiten und vor allem am langwierigen Charakter dieses Krieges. Ein Mittel, das darauf angelegt war, die Erschöpfung für einige Tage zu überbrücken, verlor seinen Sinn in einem Feldzug, der sich über Monate und schließlich über Jahre hinzog.

Vor allem aber zerbrach der Gegner nicht am Tempo. Die Rote Armee erlitt schwere Verluste und wurde tief zurückgeworfen, doch sie brach nicht in derselben Weise zusammen, in der die polnischen und die französischen Verbände zuvor der Geschwindigkeit des deutschen Vormarsches erlegen waren. Die Weite des Raumes, die Zähigkeit des Widerstands und schließlich der Wintereinbruch setzten dem beweglichen Krieg Grenzen, die kein Aufputschmittel überwinden konnte. Wo der Gegner den Druck aushielt und der Krieg in die Länge gezogen wurde, entfaltete das Präparat seine frühere Wirkung nicht mehr.

Damit lohnt sich eine ehrliche Betrachtung jener Faktoren, die den Erfolg der frühen Feldzüge tatsächlich ausmachten, so wie sie im historischen Konsens verstanden werden. An erster Stelle stehen die doktrinären und organisatorischen Grundlagen. Das Prinzip der Auftragstaktik verlieh den unteren Führern eine Beweglichkeit im Denken und Handeln, die den schwerfälligeren Führungsstrukturen der Gegner überlegen war. Das kombinierte Zusammenwirken von Panzern, Infanterie, Artillerie und Luftwaffe schuf eine Schlagkraft, die aus der Abstimmung der verschiedenen Waffengattungen entstand und einzelne Schwächen ausglich.

Und die Überlegenheit in der Funkverbindung und in der Beweglichkeit erlaubte es, die einzelnen Teile dieses Zusammenspiels rasch und zuverlässig zu lenken. Diese organisatorischen Vorzüge bildeten das Fundament, auf dem alles andere ruhte, und sie waren das Ergebnis jahrzehntelanger militärischer Denkarbeit, nicht das Ergebnis einer chemischen Substanz. Neben den doktrinären Grundlagen standen die technologischen Voraussetzungen. Die deutschen Panzer waren in der Regel mit Funkgeräten ausgestattet, was ihnen eine Koordination im Gefecht ermöglichte, die den Verbänden mancher Gegner fehlte, denn dort besaß oft nur der Kommandant eines größeren Verbandes ein Funkgerät.

Die Sturzkampfflieger konnten Ziele mit einer Genauigkeit angreifen, die aus der Luft eine unmittelbare Unterstützung der vorstoßenden Bodentruppen bot. Diese technischen Mittel waren keineswegs in jeder Hinsicht überlegen, denn einzelne französische Panzer waren in Panzerung und Bewaffnung den deutschen sogar überlegen. Doch sie waren auf eine Weise miteinander verknüpft, die den beweglichen Krieg erst ermöglichte. Hinzu kamen operative Entscheidungen von großer Tragweite.

Der Plan, den entscheidenden Stoß durch die Ardennen zu führen, beruhte auf der Einsicht, den Gegner an der am wenigsten erwarteten Stelle zu treffen. Die Bereitschaft von Führern wie Guderian, ein hohes Risiko einzugehen und die vorgeschriebenen Halte zu missachten, um den einmal errungenen Schwung nicht zu verlieren, verwandelte den Plan in einen durchschlagenden Erfolg. Ein weiterer, oft unterschätzter Faktor war der Zustand des Gegners. Die französische Führung blieb einem Denken verhaftet, das auf eine lineare Verteidigung und auf langsame methodische Reaktionen ausgerichtet war, geprägt von den Erfahrungen des Stellungskrieges des Ersten Weltkriegs.

Es fehlte an beweglichen Reserven, die rechtzeitig an die bedrohten Stellen hätten geführt werden können, und die Entscheidungswege waren zu träge, um mit dem Tempo des deutschen Vormarsches Schritt zu halten. Als die Panzergruppen nach dem Durchbruch bei Sedan nach Westen strebten, fand die französische Abwehr keine Antwort, die schnell genug gewesen wäre. In dieses Bild eines auf die neue Art der Kriegführung unvorbereiteten Gegners fügte sich das Präparat als einzelnes Element ein. Es half, das Tempo in den kurzen Feldzügen von wenigen Wochen aufrechtzuerhalten, und es tat dies gegen einen Gegner, der ohnehin nicht in der Lage war, angemessen zu reagieren.

Doch es schuf für sich genommen keine Überlegenheit, und es ersetzte weder die Ausbildung noch die Technik noch die Führung. Gerade hier liegt der Kern der ehrlichen Einordnung. Die Vorstellung, das Geheimnis des Erfolgs habe in einer einzigen Tablette gelegen, vereinfacht das Bild in unzulässiger Weise. Das Präparat war die folgerichtige Fortsetzung eines Bestrebens, die menschliche Leistungsfähigkeit im Rahmen der gewählten Strategie des kurzen Krieges bis an ihre äußerste Grenze auszunutzen.

Es wirkte dort, wo die Bedingungen für einen schnellen Erfolg bereits gegeben waren, also beim Durchbruch, bei der Beweglichkeit und bei der Eigeninitiative der Führer. Und es versagte dort, wo diese Bedingungen fehlten oder wo der Krieg sich in die Länge zog. Ein Werkzeug, das eine bestimmte Art der Kriegführung unterstützte, wurde damit fälschlich zu deren Ursache erklärt, obwohl es in Wahrheit nur einen bereits vorhandenen Mechanismus verstärkte. Der Unterschied zwischen Verstärkung und Ursache ist entscheidend für ein zutreffendes Verständnis dieser Geschichte, und wer ihn übersieht, verwechselt ein Hilfsmittel mit dem Wesen der Sache.

So lässt sich am Ende festhalten, dass das Präparat weder eine Wunderwaffe war noch die eigentliche Ursache der späteren Niederlagen, wohl aber Ausdruck eines bestimmten Umgangs mit dem Krieg, der sowohl kurzfristige Vorteile als auch eingebaute Grenzen in sich trug. In den ersten Wochen eines Feldzuges gegen einen unvorbereiteten Gegner konnte es dazu beitragen, den entscheidenden Vorsprung zu bewahren. Über längere Zeiträume hinweg jedoch kehrten seine Kosten zurück in Gestalt der Gewöhnung, der Rückschläge nach dem Absetzen und der nachlassenden Urteilskraft. Das Präparat teilte damit das Schicksal vieler Mittel, die kurzfristig beeindrucken und langfristig ihren Preis fordern.

Und gerade diese Doppelnatur macht seine Geschichte so aufschlussreich für das Verständnis der frühen Feldzüge. Die Geschichte des massenhaften Einsatzes von Pervitin in der Wehrmacht zeigt, wie eine militärische Organisation versuchte, eine grundlegende Beschränkung zu überwinden, nämlich die natürlichen Möglichkeiten des menschlichen Körpers unter den Bedingungen hoher Geschwindigkeit und ununterbrochener Operationen. Das Präparat erlaubte es den Soldaten und Offizieren tatsächlich, Märsche und Gefechte über mehrere Tage hinweg ohne normalen Schlaf und ohne ausreichende Ruhe durchzustehen, und in den Feldzügen der Jahre 1939 und 1940 half dies dabei, die Initiative zu bewahren und dem Gegner keine Zeit zur Wiederherstellung seiner Kräfte zu lassen. Darin lag ein realer, messbarer Beitrag zu jenem Rhythmus des Krieges, der die frühen deutschen Erfolge kennzeichnete.

Doch dieses Werkzeug wirkte unter sehr bestimmten Voraussetzungen. Es wirkte in kurzen Feldzügen gegen Armeen, die keine Zeit fanden, sich an das neue Tempo anzupassen, und es wirkte im Rahmen einer bereits entwickelten Doktrin des Bewegungskrieges, gestützt auf einen ausgebildeten Führungsstab und auf die technischen Mittel der Koordination. Wo diese Voraussetzungen fehlten oder wo der Krieg einen langwierigen Charakter annahm, wurde die Wirkung weniger vorhersehbar, und die Kosten traten deutlicher hervor. Die Gewöhnung, die Rückschläge nach dem Ende der Wirkung und die nachlassende Qualität der Entscheidungen bei dauerhaftem Gebrauch gehörten allesamt zu demselben Bild.

Der Vorteil und der Preis waren zwei Seiten derselben Sache, und man kann das eine nicht ohne das andere verstehen. Der Erfolg der frühen Operationen der Wehrmacht lässt sich daher nicht auf eine einzige pharmakologische Maßnahme zurückführen. Er war das Ergebnis eines Zusammenwirkens von militärischem Denken der Zwischenkriegszeit, praktischer Ausbildung, kühnen operativen Entscheidungen und der Ausnutzung des Überraschungsvorteils gegen einen nicht vollständig vorbereiteten Gegner. Das Präparat war eines der Elemente dieses Gefüges, nützlich unter bestimmten Umständen, aber weder bestimmend noch allgemeingültig.

Das Verständnis seiner Rolle hilft dabei nicht nur zu erkennen, was die schnellen Siege möglich machte, sondern auch, warum eine solche Art der Kriegführung ihre natürlichen Grenzen besaß. Und vielleicht liegt gerade darin die bleibende Lehre dieser Geschichte: dass kein einzelnes Mittel, so wirkungsvoll es kurzfristig auch erscheinen mag, die grundlegenden Bedingungen von Krieg und menschlicher Belastbarkeit auf Dauer außer Kraft setzen kann.