Die zwölfte SS-Panzerdivision trug den Namen Hitlerjugend, und sie war das sichtbarste Beispiel dafür, was aus einer Generation geworden war, die von Kindesbeinen an darauf vorbereitet worden war, zu töten und zu sterben. Im Sommer 1944 wurde diese Division in der Normandie zerschlagen. Von rund zwanzigtausendfünfhundert Mann überlebten nicht einmal dreihundert kampffähige Soldaten. Noch am Ende kämpften die Überlebenden mit einer Verbissenheit, die ihre Gegner immer wieder verstörte.

Was von außen wie außergewöhnliche Tapferkeit wirkte, war in Wahrheit das Ergebnis einer Erziehung, die keinen Rückweg kannte. . Wer begreifen will, warum so viele junge Männer bis zum Ende kämpften, obwohl der Krieg längst verloren war, muss weit zurückgehen, in die Klassenzimmer, in die Zeltlagerund in die Lieder, die diese Jungen sangen, lange bevor sie eine Waffe in der Hand hielten. Die Hitlerjugend entstand 1926als Jugendverband der nationalsozialistischen Partei.
In den ersten Jahren blieb sie unbedeutend. Doch nach der Machtübernahme 1933wuchs sie mit atemberaubender Geschwindigkeit. Alle konkurrierenden Jugendverbände wurden verboten oder eingegliedert. Binnen weniger Jahre gab es für deutsche Jugendliche praktisch keine legale Alternative mehr.
Ein Kind trat mit zehnJahren in das Deutsche Jungvolk einund blieb dort, bis es mit vierzehnJahren in die eigentliche Hitlerjugend überging, der es bis zum achtzehnten Lebensjahr angehörte. Für Mädchen gab es den Jungmädelbund und den Bund deutscher Mädel, deren Erziehung anderen Zielen diente, aber demselben Prinzip der lückenlosen Erfassung folgte. Diese Stufenordnung war kein Zufall. Sie bedeutete, dass ein Kind von dem Moment an, indem es begann, die Welt bewusst zu erfassen, bis zum Eintritt in Wehrmacht oder WaffenSS ununterbrochen im Griff einer Organisation blieb.
Es gab keine Lücke, in der ein anderer Einfluss hätte wirken können. . Baldur von Shirach führte die Organisation bis 1940als Reichsjugendführer. Später wurde er Gauleiter von Wien, und im Nürnberger Prozess verurteilte man ihn wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, unter anderem wegen seiner Mitverantwortung an der Deportation der Wiener Juden.
Diese personelle Verbindung war kein Nebendetail. Sie zeigte: An der Spitze der Jugenderziehung stand ein Mann, dessen Laufbahn direkt in die Verbrechen des Regimes führte. Die Erziehung der Jugend und die Politik der Vernichtung gehörten zu demselben Apparat. Das erklärte Ziel des Regimes war die Formung eines sogenannten neuen Menschen.
Dieser neue Mensch sollte gehorsam sein, rassisch bewusst, hart und bereit, für die Volksgemeinschaft und für das Führerprinzip sein Leben hinzugeben. Das Führerprinzip bedeutete die absolute, bedingungslose Ergebenheit gegenüber Hitler, an dessen Person alle Loyalität gebunden werden sollte. Man muss sich klar machen, in welchem Kontext dies geschah. Es war kein abstraktes Erziehungsideal, sondern die bewusste Vorbereitung einer Generation auf einen bereits geplanten Eroberungskrieg.
Die Kinder und Jugendlichen wurden nicht für ein friedliches Leben geformt, sondern für Krieg, Unterwerfung fremder Völkerund die Verteidigung eines verbrecherischen Herrschaftsanspruchs. Die Methoden dieser Indoktrination griffen ineinander. Zunächst gab es die verpflichtende Mitgliedschaft, die den Jugendlichen jede Wahl nahm. Wer sich entzog, geriet unter Druck, machte sich verdächtig und schnitt sich von der Gemeinschaft der Gleichaltrigen ab.
Ebenso entscheidend war die enge Verschmelzung mit der Schule. Die Lehrbücher waren durchsetzt von der Verherrlichung Hitlers, von Antisemitismusund von militaristischem Denken. Rechenaufgaben wurden in militärische Zusammenhänge gekleidet, Biologie wurde zur Rassenlehre umgedeutet, Geschichte zur Legende von Verratund Wiederauferstehung. Ein Kind, das morgens in der Schuleund nachmittags im Dienst dieselben Botschaften hörte, hatte keine Möglichkeit, ihnen eine andere Sicht der Welt entgegenzusetzen.
Ein besonders wirksamer Hebel war die gezielte Schwächung der Familie. Das Regime betrachtete Elternund ihr überliefertes Weltbildmit Misstrauen, denn im Elternhaus konnten Werte weiterleben, die dem nationalsosozialistischen Denken widersprachen. Deshalb wurde den Jugendlichen vermittelt, dass ihre höchste Loyalität nicht den Eltern, sondern der Bewegungund dem Führer gebühre. Kinder wurden ermutigt, kritische Äußerungen ihrer Eltern zu bemerkenund weiterzutragen, und in manchen Fällen führten solche Meldungen zu ernsten Folgen für ganze Familien.
Diese Umkehrung der natürlichen Ordnung zerstörte das Vertrauen im Innersten der Familie. Wo Eltern fürchten mussten, von den eigenen Söhnenund Töchtern angezeigt zu werden, schwiegen sie lieber. Und mit ihrem Schweigen verlor die Jugend die letzte Stimme, die ihr eine andere Wahrheit hätte zeigen können. Im Zentrumder emotionalen Bindung standen die Rituale.
Der Treueeid auf Hitler war ihr eindringlichstes Beispiel. In ihm schworen die Jugendlichen in der Gegenwart der Blutfahne, die den Führer symbolisierte, ihre ganze Kraftund Energie, dem Retter des Landes Adolf Hitler zu widmen. Sie erklärten sich bereitund willens, ihr Leben für ihn zu geben. So wahr ihnen Gott helfe.
Man muss innerhalten und sich vergegenwärtigen, was ein solcher Schwur für ein Kind bedeutete. Er verknüpfte die eigene Existenz mit der Persondes Diktatorsund machte das Sterbenfürihnzu einem heiligen Versprechen. Politische Loyalität wurde in eine quasireligiöse Pflicht verwandelt. Neben dem Eid gab es Fahnenzeremonien, Aufmärsche, Fackelzügeund Lager, in denen der Einzelne in der Masse aufging.
Die Choreografie dieser Ereignisse war darauf angelegt, das Gefühl zu erzeugen, Teil von etwas größeremund bedeutsamem zu sein. Die militärische und körperliche Ausbildung wurde geschickt als Spiel getarnt. Geländeübungen, Wettkämpfe, Märscheund der Umgangmit Kartenund Signalen erschienen wie Abenteuer. Doch sie verwischten systematisch die Grenze zwischen Kindheitund Soldatensein.
Ein Junge lernte Befehle auszuführen, sich in eine Ordnung einzufügenund Härte gegen sich selbstals Tugend zu begreifen, lange bevor er verstand, worauf dies hinauslief. Liederund Propagandaschufen zusätzlich eine gefühlsmäßige Verbindung zu Hitler, der als Vaterund als Retter dargestellt wurde. Diese emotionale Aufladung war entscheidend, denn sie machte Gehorsam nicht zu einer lästigen Pflicht, sondern zu einem Ausdruck von Liebeund Zugehörigkeit. Ein Kind gehorcht anders, wenn es glaubt, dass der, dem es gehorcht, es beschütztund liebt.
Die Sommerlagerund Fahrten verdienen dabei besondere Beachtung, denn sie waren weit mehr als bloße Freizeit. Fern vonzu Hause, eingebunden in einen strengen Tagesablauf aus Appell, Übung, Gemeinschaftsdienst und Lagerfeuer erlebten die Jugendlichen eine intensive Formder Zusammengehörigkeit. Am Feuer wurden Lieder gesungen, die von Kampf, Opfer, Fahneund Treue handelten,und diese Lieder brannten sich tiefer ein als jede Unterrichtsstunde. Musik umgeht das nüchterne Denkenund spricht unmittelbar das Gefühl an,und genau darin lag ihre Macht.
Ein Junge, der Nacht für Nacht sang, dass die Fahne mehr wertsei als der Tod, verinnerlichtediese Botschaft, ohne sie je bewusst geprüft zu haben. Die Gemeinschaftdes Lagers,die Kameradschaft,das Abenteuerund der Stolzauf die Uniform verbandensich zu einem Erlebnis,das viele später alsdie glücklichste Zeit ihrer Jugend beschrieben. Dass eben diese Zeit sie zugleich zu Werkzeugeneines Vernichtungskrieges formte,blieb ihnen verborgen. Das System verkleidete seine Zieleals Abenteuerund seine Gewaltals Ehre.
Die Erinnerung an Glückund die Vorbereitung auf Grausamkeit lagen dicht beieinander,und gerade diese Verbindung machtedie Prägung so schwer wieder auflösbar. Diese Methoden entfalteten eine tiefgreifende psychologische Wirkung. Individualität wurde unterdrückt. Das eigene Urteil galt wenig, währenddie Gruppe alles bedeutete.
Innerhalb dieser Gruppe wurde das Denunzieren gefördert,sodassdie Jugendlichen einander überwachtenund niemand sicher sein konnte,wem er vertrauen durfte. Die Angst,als Außenseiter zu gelten,war ein mächtiges Werkzeug,dennfür einen jungen Menschen ist der Ausschlussaus der Gemeinschaftder Gleichaltrigeneine derschwersten vorstellbaren Strafen. Zugleich vermitteltedas System ein starkes Gefühlvon Zugehörigkeit,Bedeutungund Sinn. Wer sich einfügte,erhielt eine klare Rolle,eine Uniform,Anerkennungunddas Versprechen,an einerhistorischen Aufgabe teilzuhaben.
Diese Kombinationaus Furchtund Belohnung banddie Jugendlichen fester an das System,alses äußerer Zwang allein je vermocht hätte. Was aus alledem entstand,lässt sich als eine geschlossene Realität beschreiben. Der Personenkultum Hitler,die Dynamikder Gruppeunddas vollständige Fehlen alternativer Informationen erzeugten eine Welt,in der es keine andere Wahrheit mehr gab. In einer solchen geschlossenen Realität werden Befehle nicht als äußerer Zwang erlebt,sondernals innere Pflicht.
Der Jugendliche gehorchte nicht,weiler gezwungen wurde,sondernweiler nichts anderes kannteundweil jeder Zweifelals Verrat galt. Hier liegt der Kernder Psychologiedes Gehorsams. Wenn einem Heranwachsendenvon zehnJahren an täglich eingeprägt wird,dass sein Lebendem Führer gehörtund dass jeder Zweifel Verratist,dann verschwindetfür viele die Grenzezwischen der eigenen Überzeugungund dem eingepflanzten Befehl. Dieses System blieb jedoch nicht auf dem Papierund nicht in den Lagern.
Es trat hinaus auf die Schlachtfelder,unddort zeigte sich,wasdie jahrelange Prägung wirklich bewirkt hatte. Die zwölfte SSPanzerdivision Hitlerjugendwurde 1943aufgestellt. Ihre Mannschaften bestandenzum großen Teil aus Angehörigender Hitlerjugend,überwiegendJahrgang 1926,also junge Männer im Altervon etwa siebzehnoder achtzehn Jahren. Als Rückgratder Führung dienten erfahrene Veteranenaus der ersten SSPanzerdivisionLeibstandarte Adolf Hitler.
Zu Beginndes Feldzugsinder Normandiezählte die Division rund zwanzigtausendfünfhundert Mann. Es ist entscheidend,sich klarzumachen,wasdiese Division war. Ein Teil der WaffenSS,die im Rahmendes Angriffskriegesdes nationalsozialistischen Regimes kämpfte,einschließlich der Verbrechen,diean der Ostfront begangen worden waren. Viele dieser Soldaten warenin einem System aufgewachsen,in demder Feindbesondersim Osten bereits entmenschlicht worden war.
Sie brachten diese Prägungmit auf das Schlachtfeld. Die Division wurde in den Kämpfen um die Stadt Caenund späterim Kesselvon Falaise eingesetzt,in den Monatenzwischen Juniund August 1944. Dort zeigte sicheine erbitterte,oft fanatische Kampfweise. Um sie zu verstehen,mussman mehrereFaktoren zusammendenken.
Da war zunächstdie Indoktrination selbst,der Glaubeandie sogenannte Sacheunddie persönliche Ergebenheitgegenüber Hitler. Hinzu kameine außergewöhnlich starke Gruppensolidarität,dennviele dieser jungen Soldaten stammtenaus derselben Organisation,kannten einanderund hatten dieselbe Prägungdurchlaufen. Und schließlich wirkten die erfahrenen Veteranenals Vorbilderund Antreiber,die den Jugendlichen ein Mustervon Härteund Durchhalten vorlebten. Diese Mischung erzeugteeine Zähigkeit,die von gegnerischen Truppen immer wieder als beunruhigend beschrieben wurde.
Zu den prägenden Gestaltender Division gehörte Kurt Meyer,ein Offizier,der wegen seiner Schnelligkeitden Beinamen Panzermeyer trugundder die jungen Soldatenin einem Geist rücksichtsloserAngriffsbereitschaft führte. Unter solchen Kommandeuren wurden die Jugendlichenin dieschweren Kämpfeum Caen geworfen,umden Flugplatzvon Carpiquetundumdie Dörferund Anhöhen,die den Wegins Landesinnerekontrollierten. Die Gefechte waren zermürbendund verlustreich,unddie jungen Soldaten hielten ihre Stellungenmiteiner Verbissenheit,die auch erfahrene alliierte Verbände überraschte. Doch wasvon außenwie außergewöhnliche Kampfkraft wirkte,warzu einem großen Teil das Ergebnisder Unfähigkeit,sich zurückzuziehen,aufzugebenoder auch nurdie Aussichtslosigkeiteiner Position zu erkennen.
Diesen Jugendlichen war beigebracht worden,dass Rückzug Feigheitund Feigheit Verratsei. So kämpften sie weiter,wo erfahrene Soldatenlängst eine andere Entscheidung getroffen hätten,undsie bezahlten diese eingeimpfte Unnachgiebigkeitmit ihrem Leben. Die vermeintliche Tugenddes Durchhaltens warin Wahrheitein Mangelan Freiheit,dennwer nicht weichen darf,ist nicht mutig,sondern gefangen. Doch diese Zähigkeit war kein Beweis militärischer Meisterschaft.
Die Entscheidungenauf dem Schlachtfeld offenbartenoftdie mangelnde Erfahrungder jungen Soldaten. Gegenangriffewurden häufig unkoordiniertund ohne ausreichende Aufklärung geführt,waszu hohenund vermeidbaren Verlusten führte. Der Mut,denman den Jugendlichen eingeimpfthatte,verwandelte sichauf dem Feldnicht seltenin Selbstzerstörung,weilsie sichin Angriffestürzten,denenes an taktischer Grundlage fehlte. Die Bilanz dieses Feldzugs ist erschütternd.
Die Division verlorim Verlauf der Kämpfeetwa achttausend Mann. Bis zum Endedes Augustswar sie faktisch vernichtet. Es verblieben nur noch ungefährdreihundert kampffähige Männerund rund zehn Panzer. Man muss die Frage offen stellen.
Kann man es militärische Meisterschaft nennen,wenn junge Soldaten,erzogenmit Parolender Selbstaufopferung,sichin Angriffewarfen,ohne ausreichende Erfahrungundohne wirksame Unterstützung? Die Zahlen legen eine andere Antwortnahe. Was wie Heldentum aussah,waroftdie tödliche Konsequenzeiner Erziehung,die das eigene Lebenfür wertlos erklärt hatte. Im Kesselvon Falaise fand dieser Prozessseinen furchtbaren Abschluss.
Alsdie alliierten Armeendie deutschen Verbändeinder Normandieeinzuschließen drohten,gerietauchdie zwölfte SSPanzerdivisionin die Zange. In den chaotischen Wochen des Rückzugs zerfielendie Einheiten,Ausrüstung ging verlorenundaus einer Divisionvon rund zwanzigtausendfünfhundert Mannwurdein zerschlagener Rest. Dassam Ende nur noch etwa dreihundert kampffähige Männerund ungefähr zehn Panzer übrig blieben,isteine Zahl,die sich dem Verstand kaum erschließt,wennman bedenkt,dass hinter jeder einzelnen Zifferein junger Mensch stand,derwenige Wochen zuvor noch geglaubthatte,an einem Sieg teilzuhaben. Die Prägung,die sie sich unbesiegbar fühlen ließ,hatte sie in Wahrheit geradewegsin die Vernichtung geführt.
Ihre Zähigkeit verlängerte den Kampf,doch sie wendetedas Schicksaldes Feldzugs nicht,sondernerhöhte alleindie Zahl der Totenauf beiden Seiten. Hier zeigt sichmit brutaler Klarheitder Unterschiedzwischen erzieherisch erzeugtem Fanatismusund echter militärischer Fähigkeit. Der eine treibt junge Menschenin den Untergang,die andere versucht,Lebenund Zielin ein sinnvolles Verhältniszu setzen. Dieselbe Psychologie,die diese Zähigkeit hervorbrachte,führte auchzuschweren Verbrechen,undes wäre unehrlich,dieszu verschweigenoderzu beschönigen.
In den ersten Tagendes Normandiefeldzugs verübten Angehörigeder Division Massakeran kanadischen Kriegsgefangenen. In Ortenwie Authieund Buronundan weiteren Stellen wurden mehrals hundertdreißig gefangene Soldaten ermordet. Männer,die sich bereits ergeben hattenund keine Bedrohung mehr darstellten. Bereits zuvor,im April,hatte es Repressaliengegen Zivilistengegeben,unter anderemdie Erschießungvon sechsundachtzig französischen Männernim Ort Ascq.
Diese Taten waren keine bedauerlichen Einzelfälleund keine Ausnahmenvonder Regel. Sie waren die logische Folge einer Entmenschlichungdes Feindes,dieinder Hitlerjugend systematisch eingeübt worden war,undsie fügten sichin die allgemeine Brutalitätder WaffenSSein. Der Zusammenhang ist unübersehbar. Dasselbe System,das bedingungslosen Gehorsamgegenüber den eigenen Leuten verlangte,rechtfertigte mühelosdie Gewaltgegen jene,die eszu Fremdenund Feinden erklärt hatte.
Die Loyalitätnach innenunddie Grausamkeitnach außenwaren zwei Seitenderselben Prägung. Es ist wichtig,an dieser Stellenicht in das Denkenzu verfallen,dasdas Regimeselbst verbreitete. Die jungen Männerdieser Division waren keine Naturgewaltund kein Ausdruckeines besonderen Volksgeistes. Sie waren das Produkteiner bewussten Politik,die Kinderüber Jahre hinwegauf genau diese Rolle vorbereitet hatte.
Wennman ihr Verhalten betrachtet,betrachtetmannicht ein Rätselder menschlichen Natur,sonderndas planmäßige Ergebniseiner Erziehungzum Tötenund Sterben. Und dennoch,selbstnach solchen Verlustenund angesichtsdes offensichtlichen Zusammenbruchsdes Regimes gehorchten viele weiter. Das führtzur letztenund vielleicht schwersten Frage. Warum kämpften so viele noch im Jahr 1945,alslängst nichts mehr zu gewinnen war?
Um diese letzten Monatezu verstehen,mussman den Kontextdes totalen Krieges betrachten. In seiner Endphase griffdas Regimeaufdie Jüngsten zurück. Angehörigeder Hitlerjugend,daruntervierzehn-,fünfzehn-undsechzehnjährigeundteils noch jüngere,wurdenin den Volkssturmeingezogen,das improvisierte Volksaufgebotder letzten Stunde. Ihre Ausbildung war minimal,ihre Ausrüstungoft armselig.
Statt vollwertiger Waffen erhielten viele nurdie Panzerfaust,eine einfache Panzerabwehrwaffe,mitder sie gegen die anrückenden Panzerarmeenbestehen sollten. Manche dieser Jungenwurdenin die Verteidigung Berlins geworfen. Der Kontext ist grausamin seiner Klarheit. Ein Regime,das sichin Agonie befand,forderte weiterhin Fanatismusvon genau jenen Kindern,diees selbst herangezogen hatte.
Es opfertedie Jüngsten,umsein eigenes unausweichliches Ende,nochum Tage hinauszuzögern. Ein Bildaus diesen letzten Wochenhat sich besonders eingeprägt. Im März 1945zeigte sich Hitler ein letztes Mal öffentlich,umAngehörigeder Hitlerjugend,teilsnoch halbe Kinder,für ihren Einsatzauszuzeichnen. Der Diktator,derden Krieglängst verloren hatte,dekorierte Jungen,dieer in den sicheren Tod schickte,undließ sich ihre Ergebenheitals Beweisder eigenen Größevorführen.
Dasisteine der zynischsten Szenendieser Zeit,dennsie zeigt,wie das Regimeseine jüngsten Opferbis zuletztals bloße Requisiten seiner Selbstdarstellung benutzte. Diese Jungen,aufgewachsenmit dem Versprechen,an einer heldenhaften Sache teilzuhaben,wurden nunin Trümmerlandschaftengeschickt,ummit unzureichenden Waffen gegen eine überwältigende Übermachtzu bestehen. Viele von ihnen starbenin den ersten Stundendes Gefechts,ohne je begriffen zu haben,dass ihr Opfernichts weiter bedienteals die Eitelkeiteines untergehenden Regimes. Der Kontrastzwischen dem feierlichen Ritualder Auszeichnungund dem elenden,sinnlosen Sterben,das darauf folgte,fastdie ganze Verlogenheitdes Systemsin einem einzigen Augenblickzusammen.
Die psychologischen Mechanismen,diebis zuletzt wirkten,waren eine Fortsetzungdessen,wasjahrelang aufgebaut worden war. Die Propagandafunktionierte noch immer,wenn auch geschwächt. Sie sprachvon sogenannten Wunderwaffen,die das Blatt angeblich noch wenden würden,undsie beschwordie Bedrohungdurcheinen Feind,den siein rassistischenund verschwörerischen Begriffen darstellte. Dazu kameine existentielle Angst,besondersvor der sowjetischen Gefangenschaft,eine Angst,dievon der Propagandagezielt geschürt,aber auchvon realen Ereignissen genährt wurde.
Diese Furcht banddie jungen Menschenan das Weiterkämpfen,weil ihnen die Kapitulationnicht als Erlösung,sondernals noch größerer Schreckenerschien. Über allem lag weiterhindie Gruppendynamik. Die Angstvor den Kameraden,mit denen manin derselben Organisation aufgewachsen war,als Verräterdazustehen,warfür viele stärkerals die Angstvor dem Tod. Der Verratander Gruppeerschien schlimmerals das eigene Ende.
Hinzu kamein tiefer innerer Konflikt,denmanals kognitive Dissonanzbezeichnen kann. Das Eingeständnisder Niederlage bedeutetenicht nur das Endeeines Krieges,sondern den Zusammenbruchdes gesamten Weltbildes,in dasdiese jungen Menschen zehnoder zwölf Jahreihres Lebens investiert hatten. Alles,woran sie geglaubt hatten,alles,wofür Kameradengestorben waren,alles,wasihrem DaseinSinn gegeben hatte,wäremit dem Zugeständnisder Niederlagein sich zusammengefallen. Für viele war es psychologisch leichter,weiterzukämpfenundzu sterben,alsdiesen totalen Verlustan Sinnzu ertragen.
Die Realität zeigte beide Möglichkeiten. Es gab Fälle verzweifelten fanatischen Widerstandsin Berlin,in denenJugendlichebis zur Selbstauslöschung kämpften. Undes gab zugleich Fälle,in denender Widerstand zusammenbrach,in denenJungen desertierten,sich verstecktenoder ihre Waffenwegwarfenundnach Hausezu fliehen versuchten. Beide Reaktionen entsprangenderselben ausweglosen Lage.
Man muss fragen,wasblieb einem Menschenzu tun,demman von Kindheit an beigebracht hatte,dass ein Lebenohne Führerundohne Reichkeinen Sinn habe? Eine ehrliche Analyse dieser letzten Phase muss beides festhalten. Das System hatte eine Situation geschaffen,in derfür einen erheblichen Teil der indoktrinierten Jugendder Gehorsampsychologisch leichter waralsder Zweifeloderdie Flucht. Der Gehorsam war der Wegdes geringsten inneren Widerstands,weiler keine Zerstörungdes eigenen Weltbildes verlangte.
Doch dies machte den Widerstandnicht wirksam. Im Gegenteil,er verlängertenur die Agoniedes Kriegesundvermehrte die Zahl der Opfer,ohneam Ausgangirgendetwas zu ändern. Zugleich wäre es falsch,alle über einen Kammzu scheren. Nicht alle waren Fanatiker.
Es gab junge Menschen,die einen Auswegsuchten,die zweifelten,die sichder sinnlosen Opferungentziehen wollten. Aber das System hatte solche Möglichkeitenplanmäßig minimiert. Weraussteigen wollte,riskierte standrechtliche Erschießung,öffentliche Erhängungals abschreckendes Beispielunddie Verachtungder eigenen Umgebung. Das Regime setzte in seinen letzten Tagenmit äußerster Härtedurch,wases zuvordurch Erziehung erreicht hatte.
Der Zwang trat dortan die Stelle der Überzeugung,wodie Überzeugungzu bröckeln begann. An dieser Stelle ist eine sorgfältige Unterscheidung nötig,umwederin Verklärungnochin pauschale Verurteilungzu verfallen. Zwischendem überzeugten Fanatikerunddem widerwillig Getriebenenlag ein breites Spektrum,unddie Wirklichkeitdieser jungen Menschenwar oft widersprüchlich. Mancher glaubtebis zuletztund suchte den Tod.
Mancher gehorchtenur aus Angst. Mancher zweifelteim Stillenund handeltenoch,weil ihm jede andere Möglichkeitverstellt war. Diese Vielfaltzu benennenbedeutet nicht,die Tatenzu entschuldigen,dennVerbrechen bleiben Verbrechen,gleichaus welchem inneren Zustandsie begangen wurden. Es bedeutetviel mehr,das eigentliche Ausmaßder Verantwortungdorthinzulegen,woes hingehört:zu jenem Regime,das Kinderbewusst so formte,dass ihnen die Fähigkeitzur eigenen Entscheidunggenommen wurde.
Wer einem Zehnjährigenüber acht Jahre hinwegjede alternative Sichtder Weltvorenthältund ihmeinredet,sein Lebengehöreeinem Diktator,der trägtdie schwerste Schuldan dem,wasdieser Mensch später tut. Die Verantwortungder Einzelnenverschwindetdadurch nicht,abersie ordnet sichein in eine größere Schuld,diebeiden Architektendes Systems liegt. Wennman all dies zusammenführt,ergibt sichein klares Bild. Die Psychologiedes Gehorsamsinder Hitlerjugendwar keine Zufallserscheinungund kein Ausdruckangeborener Eigenschafteneiner Generation.
Sie war das unmittelbare Ergebniseines Systems,dasdas nationalsozialistische Regimebewusst errichtet hatte. Von frühester Kindheitan wurdendie jungen Menschenalternativer Informationsquellenund abweichender Sichtweisenberaubt. Man impfte ihnen den Kultdes Führerseinunddie Bereitschaft,ihr Lebenfür ein verbrecherisches Regimehinzugeben. Gruppendynamikund Rituale festigendiesen Konformismus,bis erzur zweiten Naturgeworden war.
Der Krieg zeigtedannin aller Deutlichkeit,wie dieses Systemin der Praxis wirkte,vom erbitterten Widerstandinder Normandiebiszu den letzten aussichtslosen Kämpfenin Berlin. Viele kämpftenbis zum Endenicht,weilsie über einen besonderen soldatischen Geistverfügten,sondernweil ihnen keine psychologische Alternativegeblieben war. Der Zweifelhätte den Verratan allembedeutet,woran siezu glauben gelernt hatten,unddie Furchtvor Strafeundvor der Verachtungder Kameradenwar stärkeralsdie Furchtvor dem Tod. Dabei darf der Kontext niemals vergessen werden.
Diese jungen Menschendienten einem Regime,das einen Angriffskrieg führte,das einen Völkermord verübteunddas ungezählt weitere Verbrechengegen die Menschlichkeitbeging. Die Kriegsverbrechen,dievon Einheitenaus der Hitlerjugend begangen wurden,sinddie unmittelbare Folge derselben Indoktrination,die den Feindentmenschlichte. Der Zusammenbruchim Mai 1945legte schließlichdie Zerbrechlichkeitdieser sogenannten Treueoffen. Sie beruhteauf Illusionen,auf totaler Kontrolleundauf dem völligen Fehleneiner Wahl.
Die Geschichteder Hitlerjugendist keine Geschichtedes Heldentums,sonderndie Geschichtedessen,wie ein autoritäres Systemdas Bewusstseineiner ganzen Generationerobernundsiein ein Werkzeugseiner eigenen verbrecherischen Politikverwandeln kann. Das Verständnisdieser Mechanismenbleibt gerade deshalb wichtig,weilsie das Produkteines konkreten historischen Regimeswarenund nicht ein unabänderliches Schicksal. Wer begreift,wieGehorsam hergestellt wurde,versteht auch,wie kostbarundwie verletzlichdie Fähigkeitzum eigenen Urteilist.