„Ich habe schon alles gewusst. Ich habe es bloß nicht wahrhaben wollen.“ Ihre Stimme klang ruhig, fast kalt, als sie auflegte. Ich saß in einer heruntergekommenen Pension am anderen Ende der…

Die Wörter kamen nicht mehr richtig heraus. Er stand im Flur des günstigen Motels, das Telefon am Ohr, und versuchte, den neuesten Schwall von Zahlen und Namen zu entwirren, die sein Bruder ihm durchgeben wollte. Es ging um irgendein Geschäft, irgendeine Verbindung, irgendeinen Mann, der irgendwen kannte. Seit einer Stunde redete er schon, und je mehr er hörte, desto weniger ergab es Sinn.

Thumbnail

„Hör zu“, unterbrach er schließlich. „Ich verstehe kein Wort. Was willst du eigentlich von mir? “

Am anderen Ende der Leitung lachte sein Bruder.

Dieses leichte, überhebliche Lachen, das er so gut kannte. „Ich will dir helfen. Du willst doch raus aus dem Loch, oder? “

Er schwieg.

Natürlich wollte er das. Aber nicht so. Sein Bruder hatte immer diesen Weg gewählt, den schnellen, den lauten, den, der mit Schulden und Gefälligkeiten gepflastert war. Er selbst hatte versucht, es anders zu machen.

Einen Job zu behalten, pünktlich zu sein, nicht aufzufallen. Es hatte eine Weile funktioniert. Bis es nicht mehr funktionierte. Der Anruf war nicht der erste.

In den letzten Wochen hatte sein Bruder ihn immer wieder angerufen, mit immer neuen Ideen, immer größeren Versprechen. Jedes Mal klang es verlockender. Jedes Mal wurde der Preis dafür klarer. „Ich habe da jemanden kennengelernt“, sagte sein Bruder.

„Der kann uns ein paar Sachen besorgen. Günstig. Wir verkaufen sie teurer weiter. Kein Risiko.

„Es gibt immer ein Risiko“, antwortete er. „Du denkst zu viel nach. Das war schon immer dein Problem. “

Er sah aus dem Fenster des Motelzimmers.

Draußen war die Straße leer, nur ein paar Autos fuhren vorbei. Er dachte an seine Wohnung, an die kahlen Wände, an den Kühlschrank, der fast leer war. Er dachte an die Rechnungen, die sich auf dem Küchentisch stapelten. „Ich ruf dich zurück“, sagte er und legte auf.

Er blieb noch eine Weile sitzen. Das Motelzimmer roch nach altem Rauch und billigem Reinigungsmittel. Er hatte es sich für eine Nacht genommen, um Abstand zu gewinnen, um nachzudenken. Aber das Nachdenken führte nur im Kreis.

Am nächsten Morgen rief er seinen Bruder zurück. „Sag mir, was genau du vorhast. “

Sein Bruder erklärte es ihm. Es war einfach: ein Kontaktmann, eine Lieferung, ein Käufer.

Alles würde über Geld laufen, das sie vorher einsammeln würden. Kein eigenes Kapital nötig. Nur Vertrauen. „Vertrauen“, wiederholte er.

„Zu wem? “

„Zu mir“, sagte sein Bruder. „Und zu dem Kontaktmann. Er heißt Min-sik.

Der macht das schon seit Jahren. Sauber. “

Sauber. Er wusste, dass nichts daran sauber sein würde.

Aber er sah auch keine andere Möglichkeit. Sie trafen sich in einem Café am Stadtrand. Min-sik war ein schmaler Mann mit müden Augen und einer ruhigen Art. Er sprach leise, fast flüsternd, und erklärte die Abläufe, als würde er über das Wetter reden.

„Ihr holt die Ware ab, bringt sie zu mir, ich kümmere mich um den Rest. Ihr bekommt euren Anteil, ich meinen. Keiner fragt nach Namen, keiner nach Herkunft. “

„Und wenn etwas schiefgeht?

“, fragte er. Min-sik lächelte dünn. „Dann sorgt ihr dafür, dass es nicht schiefgeht. “

Er sah zu seinem Bruder hinüber.

Der nickte aufmunternd. Es war also entschieden. Die erste Lieferung lief überraschend ruhig ab. Sie fuhren in einem gemieteten Wagen zu einem Lagerhaus am Rand der Stadt, luden Kartons um, fuhren wieder weg.

Niemand sprach mit ihnen. Niemand schien sie zu bemerken. Als sie Min-sik die Ware übergaben, zählte er irgendwann ein Bündel Geldscheine ab und schob es ihnen über den Tisch. „Das war gut“, sagte sein Bruder auf der Rückfahrt.

„Siehst du? Kein Risiko. “

Er schwieg. Das Geld fühlte sich schwer in seiner Jackentasche an.

Die zweite Lieferung war größer. Die dritte auch. Mit jedem Mal wuchs das Geld, das sie bekamen, und mit jedem Mal wuchs auch das Gefühl in seiner Brust, dass es nicht so weitergehen konnte. Er schlief schlecht, wachte nachts auf, hörte Geräusche, die nicht da waren.

„Du siehst fertig aus“, sagte seine Freundin eines Abends. Sie hatten sich schon länger nicht mehr gesehen, und er spürte, wie sie sich von ihm entfernte. „Ich habe viel zu tun“, log er. „Du hast dich verändert.

“ Sie sah ihn an, als würde sie ihn zum ersten Mal wirklich sehen. „Ich weiß nicht, was du machst, aber ich weiß, dass es nicht gut ist. “

Er wollte es ihr erklären. Wollte sagen, dass er es für sie tat, für ihre gemeinsame Zukunft, für all die Jahre, in denen sie gespart und gehofft hatten.

Aber die Worte blieben ihm im Hals stecken. „Es ist nur vorübergehend“, sagte er stattdessen. „Vorübergehend ist alles“, antwortete sie. „Bis es nicht mehr vorübergehend ist.

Am nächsten Tag rief sein Bruder an. „Wir haben ein Problem. “

„Was für ein Problem? “

„Min-sik ist verschwunden.

Niemand weiß, wo er ist. Und die nächste Lieferung kommt morgen an. “

Er spürte, wie sein Magen sich zusammenzog. „Was heißt das?

„Das heißt, wir müssen die Sache jetzt selbst machen. Die Ware abholen, den Käufer finden, das Geld eintreiben. “

„Das war nicht der Plan. “

„Pläne ändern sich“, sagte sein Bruder.

„Du wolltest doch was erreichen. Jetzt zeig, was du kannst. “

Sie fuhren zu dem Lagerhaus. Diesmal war niemand da, der sie erwartete.

Die Ware stand in Kisten an der Wand, und sie luden sie in den Wagen, ohne zu wissen, was sie eigentlich transportierten. Auf dem Weg zum Käufer hielt sein Bruder an einer roten Ampel an, und als er wieder losfahren wollte, blockierte ein schwarzer Wagen ihre Ausfahrt. Zwei Männer stiegen aus. Sie trugen dunkle Anzüge, und ihre Gesichter waren ausdruckslos.

„Wir müssen reden“, sagte der eine, als er ans Fenster trat. Sein Bruder lachte nervös. „Keine Ahnung, wovon du redest. “

Der Mann zog eine Pistole und hielt sie durch das offene Fenster auf sie.

„Steigt aus. Jetzt. “

Sie gehorchten. Die Männer durchsuchten den Wagen, fanden die Kisten, nahmen das Geld, das sie bei sich hatten.

Dann schlug einer von ihnen seinem Bruder ins Gesicht, sodass er gegen die Motorhaube taumelte. „Ihr habt etwas genommen, das uns gehört“, sagte der Mann. „Das nächste Mal seid ihr tot. “

Sie ließen sie am Straßenrand zurück.

Sein Bruder blutete aus der Nase, und seine Hände zitterten, als er sich das Gesicht abwischte. „Wir müssen zur Polizei“, sagte er. Sein Bruder lachte bitter. „Zur Polizei?

Und was erzählen wir denen? Dass wir gestohlene Ware verkaufen wollten? “

„Was sollen wir dann tun? “

Sein Bruder schwieg lange.

Dann sagte er leise: „Wir müssen hier weg. Zumindest eine Weile. “

Sie verließen die Stadt in derselben Nacht. Sie fuhren stundenlang, ohne zu wissen, wohin.

Irgendwann hielten sie an einem Rastplatz, und sein Bruder schlief im Beifahrersitz ein. Er selbst blieb wach, starrte auf die Lichter der vorbeifahrenden Autos und dachte an seine Freundin, an seine Wohnung, an das Leben, das er zurückgelassen hatte. Am Morgen rief er sie an. Sie meldete sich nach dem dritten Klingeln.

„Ich muss dir etwas sagen“, begann er. „Es ist zu spät“, unterbrach sie. „Ich habe schon alles gewusst. Ich habe es bloß nicht wahrhaben wollen.

„Es tut mir leid. “

„Das hilft nicht. “ Ihre Stimme klang ruhig, fast kalt. „Lass mich in Ruhe.

Und pass auf dich auf. “

Sie legte auf. Er saß noch lange da, das Telefon in der Hand, bis der Akku leer war. Sein Bruder wachte auf und rieb sich das Gesicht.

„Was machen wir jetzt? “

„Ich weiß es nicht“, antwortete er ehrlich. Sie fuhren weiter, Richtung Küste, Richtung Grenze. Die Sonne stieg langsam auf, und die Welt sah fast normal aus, als wäre nichts geschehen.

Aber er wusste, dass nichts mehr normal sein würde. Sie fanden eine Pension am Stadtrand, ein heruntergekommenes Gebäude mit bröckelndem Putz und einem Schild, das schief an der Wand hing. Die Besitzerin war eine ältere Frau, die sie misstrauisch musterte, sich aber mit Bargeld zufriedengab. „Wie lange wollt ihr bleiben?

“, fragte sie. „Eine Woche“, sagte er. „Vielleicht zwei. “

Sie gaben ihr das restliche Geld, das sie hatten, und zogen sich in ihr Zimmer zurück.

Es war klein, mit zwei Betten und einem Fenster, das auf einen leeren Hof blickte. Sein Bruder legte sich aufs Bett und starrte an die Decke. „Wir hätten nicht anfangen sollen“, sagte er. „Das hast du nicht gesagt, als wir das Geld gekriegt haben.

„Ich weiß. “ Sein Bruder schloss die Augen. „Ich war dumm. Ich wollte so viel für uns.

Ich wollte, dass du stolz auf mich bist. “

Er sah seinen Bruder an, diesen Mann, der immer so stark getan hatte und jetzt so klein wirkte. Er hätte ihn anfahren können, ihm Vorwürfe machen. Aber er spürte nur Müdigkeit.

„Wir finden einen Weg“, sagte er. „Irgendwie. “

Drei Tage vergingen in dieser Pension. Sie gingen kaum raus, aßen im Zimmer, schauten fern.

Sein Bruder wurde allmählich ruhiger, aber auch stiller. Er sprach kaum noch, saß nur da und starrte vor sich hin. Am vierten Tag klopfte es an der Tür. Er öffnete, und davor stand ein Mann, den er nicht kannte.

Er war groß, mit breiten Schultern und einem kantigen Gesicht. Er trug einen einfachen Mantel und sah aus, als wäre er nicht hier, um Schönes zu sagen. „Ich heiße Park“, sagte der Mann. „Ich habe euch gesucht.

„Wer hat dir gesagt, dass wir hier sind? “

Park zuckte mit den Schultern. „Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich euch einen Ausweg anbiete.

„Was für einen Ausweg? “

„Ich arbeite für jemanden, der ein Interesse daran hat, dass diese ganze Sache verschwindet. Ihr habt ein Problem mit ein paar Leuten. Ich kann das lösen.

„Und was willst du dafür? “

Park lächelte dünn. „Nur ein Gefallen. Ein kleiner Gefallen.

Ihr müsst etwas für meinen Auftraggeber erledigen. Danach habt ihr nichts mehr mit dieser Stadt zu tun. “

Er sah zu seinem Bruder hinüber, der auf dem Bett saß und aufmerksam zuhörte. „Was für etwas?

“, fragte er. „Ihr müsst eine Person aufsuchen. Ihr müsst ihr eine Nachricht überbringen. Mehr nicht.

Ihr müsst nichts nehmen, nichts bringen, nichts erklären. Nur eine Nachricht. “

„Und wenn wir nicht wollen? “

Park zuckte wieder mit den Schultern.

„Dann müsst ihr euch eure Zukunft selbst aussuchen. Aber ich glaube nicht, dass ihr viele Optionen habt. “

Er dachte an die Männer mit der Pistole. Er dachte an die Stimme seiner Freundin am Telefon, an die leere Wohnung, an das Geld, das er nicht mehr hatte.

Dann sah er seinen Bruder an, der nickte langsam. „Okay“, sagte er. „Wir machen es. “

Die Person, die sie aufsuchen sollten, lebte in einem Wohnblock am anderen Ende der Stadt.

Ein graues Gebäude, wie tausend andere. Sie klingelten, und nach einer Weile öffnete eine Frau in mittleren Jahren die Tür. Sie trug eine Schürze und roch nach Essen. „Ja?

“, fragte sie. „Wir kommen von einem Freund von Ihnen“, sagte er. „Er heißt Min-sik. “

Die Frau versteifte sich.

„Ich kenne keinen Min-sik. “

„Er hat uns geschickt, um Ihnen etwas zu sagen. “

„Was? “

Er räusperte sich.

„Er sagt, dass er Sie nie vergessen hat. Aber dass Sie ihn auch nie wiedersehen werden. “

Die Frau starrte ihn an. Ihre Augen wurden glasig.

Sie öffnete den Mund, aber es kam kein Wort heraus. Dann schloss sie langsam die Tür. Sie standen noch einen Moment im Flur, dann drehten sie sich um und gingen. „Was war das?

“, fragte sein Bruder, als sie wieder im Auto saßen. „Ich weiß es nicht“, sagte er. „Und ich will es auch nicht wissen. “

Sie fuhren zurück zur Pension.

Park wartete schon vor der Tür, den Mantelkragen hochgeschlagen gegen den Wind. „Erledigt? “, fragte er. „Ja“, sagte er.

Park nickte. „Gut. Dann ist die Sache erledigt. Ihr könnt gehen.

Aber ich rate euch: Verschwindet aus der Stadt. Und kommt nie wieder zurück. “

Sie holten ihre Sachen aus dem Zimmer, schwiegen, als sie die Pension verließen. Die Besitzerin warf ihnen einen letzten Blick zu, sagte aber nichts.

Sie fuhren die ganze Nacht. Sein Bruder war am Steuer, und er selbst saß daneben und sah auf die Straße, die endlos vor ihnen lag. Sie fuhren Richtung Süden, Richtung Küste, Richtung eines Ortes, den sie nicht kannten. Am Morgen erreichten sie eine kleine Hafenstadt.

Nebel hing über dem Wasser, und die Möwen kreischten über den Dächern. Sie fanden eine Pension am Hafen, nahmen ein Zimmer, legten sich hin. Er konnte nicht schlafen. Er lag wach und hörte auf das Geräusch der Wellen, die gegen die Kaimauer schlugen.

Draußen wurde es langsam hell, und das Licht fiel durch das Fenster auf die Wand. Sein Bruder rührte sich im Schlaf und murmelte etwas Unverständliches. Er sah zu ihm hinüber, zu diesem Menschen, mit dem er all das durchgemacht hatte. Er hätte ihn hassen können.

Aber er spürte nichts als Erschöpfung. Er stand auf, ging ans Fenster. Unten am Hafen begannen die Fischer, ihre Netze auszuwerfen. Ein alter Mann saß auf einer Bank und trank Kaffee aus einem Pappbecher.

Alles sah friedlich aus, als wäre nichts geschehen, als gäbe es keine Männer mit Pistolen, keine versteckten Nachrichten, kein Geld, das so schnell verschwunden war. Sein Telefon klingelte. Er sah auf das Display und erkannte die Nummer nicht. Er ließ es klingeln, bis es aufhörte.

Dann schaltete er es aus. Sein Bruder wachte auf und blinzelte. „Wer war das? “

„Niemand“, sagte er.

„Das ist vorbei. “

Er blieb noch eine Weile am Fenster stehen, bis die Sonne höher stieg und der Nebel sich langsam auflöste. Dann zog er die Vorhänge zu, setzte sich auf die Bettkante und wartete auf das, was als Nächstes kommen würde.